Leseprobe


1. Im  Leiterwagen

Als das Wetter besser wird, legt Berta Rapp den sechs Monate alten Jungen in den Leiterwagen.

Ihr ist schwer ums Herz. Sie hat den Wurm zunächst zu sich genommen und so verhindert, dass er ins Waisenhaus abgeschoben oder zur Adoption freigegeben wird. Aber sie weiß, dass dies keine Lösung auf Dauer ist. Sie muss eine andere finden.

Sie zieht den Leiterwagen von Stuttgart-Bad Cannstatt den Neckar entlang. Unterwegs fragt sie Passanten, die zufällig ihren Weg kreuzen, ob sie jemanden kennen, der ein Baby großziehen will. Ihr begegnet Mitleid und Kopfschütteln. Wer will in dieser schwierigen Zeit noch mehr Verantwortung auf sich nehmen?

Sie hat mit dem Balg im Leiterwagen am wenigsten zu tun. Es ist das Kind ihres Neffen Wolfgang Wiedenmeyer, der eine Liaison mit der frisch geschiedenen  Schneiderin Gretel Knöpfle, geborene Dauner, hatte. Der Junge sollte deshalb zunächst Knöpfle heißen. Auch wenn Gretel dem Kind ihren angeheirateten Namen geben will, behalten will sie es nicht. Da hat Berta Rapp sich eingemischt und den Säugling zu sich genommen. Sie will auf keinen Fall, dass der Bub den Ehenamen der Mutter trägt, und sie erreicht, dass er stattdessen auf deren Mädchennamen getauft wird.

So erhält der Junge einen Namen, der deutlich macht, dass er zu keiner Familie wirklich gehört. Eine Mischung aus dem Vornamen des Vaters und dem Mädchenname der Mutter: Wolfgang Dauner.

Doch Berta Rapp kann das Kind nicht allein großziehen. Sie ist bereits Mitte sechzig. Kein Alter um einen Säugling zu versorgen. Am 30. Dezember 1935 ist der Junge geboren worden, mitten in einem kalten Winter. Jetzt, da es wärmer geworden ist, muss sie jemanden finden, der sich um den Kleinen kümmert. Sie weiß, dass sie es nicht sein kann. Ihre Pension ist klein, ohne den Klavierunterricht, von dem sie vor allem lebt, würde es gar nicht gehen. Und wie lang kann sie das gesundheitlich noch schaffen?

Sie erreicht den Stuttgarter Stadtteil Münster. Spontan entscheidet sie, besser durch den Ort als weiter am Neckar entlang zu gehen. In der Ortsmitte wird sie vielleicht mehr Menschen treffen als hier am Flussufer.

Sie ist schon fast am Ende der Siedlung in der Elbestraße, als sie einen Spaziergänger anspricht, der zufälligerweise vorbeikommt und einen Moment überrascht in den Leiterwagen schaut. Fragen Sie doch im Haus Nr. 131, sagt der Mann, dort wohnt eine alleinstehende Frau.  Wenig später klingelt Berta Rapp an der Elbestraße 131 und eine Frau öffnet. Sie ist auch nicht mehr jung, bereits über fünfzig. Die beiden Frauen verstehen sich auf Anhieb, und Wolfgang Dauner hat seine Pflegemutter gefunden. Berta Rapp und Rosa Falter sind nun seine Familie.

Rosa Falter ist verheiratet, doch ihr Mann hat in Wolfgang Dauners Erinnerung keine Spuren hinterlassen. Er ist Schneider, wie seine Frau, und stirbt, als der Junge fünf Jahre alt ist. Rosa heiratet später noch einmal, heißt dann Rosa Haas-Falter. Aber auch an den zweiten Mann wird sich Wolfgang Dauner später kaum mehr erinnern. Es sind die beiden Frauen, die ihn prägen, auch wenn sein Verhältnis zur Pflegemutter immer distanzierter bleiben wird als das zu seiner Tante.

In Stuttgart-Münster wächst er also auf, in dem kleinen Haus, das die Pflegemutter in der Arbeitersiedlung gemietet hat. Im Erdgeschoss befinden sich eine kleine Küche und das Wohnzimmer. Im ersten Stock sind drei kleine Zimmer, von denen zwei fast immer vermietet sind. Wolfgang Dauner schläft im dritten Zimmer, in einem Raum mit seiner Pflegemutter; erst mit 15 Jahre wird er eines der drei Zimmer als seines erhalten.

Seine leibliche Mutter heiratet erneut; sie heißt nun Gretel Ikeas. Er sieht er nur einmal wieder.

Das war ein völlig verrückte Situation. Es war an Weihnachten, und ich war damals wohl vierzehn Jahre alt. Es klingelt, und eine völlig fremde Frau steht vor der Tür. Die Frau sagte, sie sei meine Mutter. Sie habe wieder geheiratet und gehe mit ihrem Mann nach Indonesien. Sie wolle mich mitnehmen. Da sei es schön. Ich kenne Sie nicht, sagte ich zu ihr. Das war ja auch so. Ich hab sofort abgelehnt mit ihr zu gehen. Und nach ein paar Minuten war sie wieder weg.

 

Im Sommer 1936, als Wolfgang Dauner zu Rosa Falter kommt, ist Hitler seit fast drei Jahren Reichskanzler. Die Nürnberger Rassengesetze sind verabschiedet. Deutsche Truppen haben das Rheinland besetzt. Die Legion Condor bereitet sich auf den blutigen Einsatz in Spanien vor. Deutschland befindet sich bereits auf dem Weg in den Abgrund. Und trotzdem finden sich zwei Frauen zusammen, um diesem Kind eine Zukunft zu geben. 

2. Der erste Auftritt

Der Junge ist gern bei Tante Berta. Die Wohnungen der beiden Frauen liegen etwa sieben Kilometer voneinander entfernt. Rosa Falter besucht hin wieder Verwandte auf der Schwäbischen Alb, und in diesen Tagen wohnt Wolfgang Dauner bei der Tante in Bad Cannstatt. Als er etwas größer ist, besucht er sie, so oft es geht. Zu Fuß, mit der Straßenbahn oder dem Fahrrad ist er schnell bei ihr. Manchmal bleibt er mehrere Tage.

Es gibt nur noch ein Foto von Berta Rapp. Es zeigt sie mitten in einem Kreis von alten und jungen Frauen und Männern, Wolfgang Dauner steht am Rand der Gruppe, ein junger Mann mit Sakko und Tolle. Berta Rapp, damals vermutlich schon in den Achtzigern, wirkt fein und zierlich, zugleich herzlich und zupackend, mit einem blitzenden, wachen Gesicht.

Wenn Wolfgang Dauner von ihr erzählt, wird deutlich, wie wichtig die Beziehung zu ihr gewesen ist. Berta Rapp freut sich über die häufigen Besuche des Jungen. Sie wohnt allein. Das Klavier, an dem sie auch unterrichtet, steht im Wohnzimmer. Wann Wolfgang Dauner zum ersten Mal daran gesessen hat, weiß niemand mehr. Er muss wohl drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Mit fünf gibt ihm die Tante regelmäßig Unterricht. Sie übt niemals Zwang aus, und der Junge mag das Instrument. Nach einigen Monaten spielen sie leichte vierhändige Stücke zusammen.

Als klar ist, dass der Junge Begabung und Begeisterung hat, kauft die Pflegemutter ein Klavier, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten kann. Sie ist für die heutigen, aber wohl auch nach den damaligen Verhältnissen arm, bezieht eine Rente von 250 Mark und verdient sich durch Schneiderarbeiten und das Vermieten von Zimmern etwas hinzu. Für den Kauf des Klaviers muss sie Ersparnisse aufgelöst oder sich verschuldet haben; vielleicht auch beides.

Möglicherweise ist es folgende Geschichte, die Rosa Falter vom Talent und Willen ihres Ziehsohnes überzeugt. Bei der Tante gibt es eine eiserne Regel: Zwischen ein und drei Uhr muss Wolfgang Mittagschlaf halten. Das ist auch die Zeit, in der Berta Rapp unterrichtet. Dauner, damals fünf Jahre alt, kann nicht schlafen, weil die Klavierschüler im Zimmer nebenan alle an der gleichen Stelle scheitern. 

Alle Schüler spielen das damals übliche Programm,  nämlich einfache Clementia- und Kuhlau-Sonatinen, unter anderem die Sonatine von Kuhlau Op. 20 Nr. 1. Dauner hört es jeden Mittag, und bald weiß er allein vom Zuhören alles über diese Sonatine. Vor allem weiß er, wie es nach den ersten vier Takten weitergeht, denn da bleiben die meisten Schüler regelmäßig hängen. Da die Tante mehrere Schüler an einem Nachmittag unterrichtet, ist diese Sonatine Dauerbegleitmusik für den Jungen, der im Zimmer nebenan liegt und darauf wartet, dass endlich einer der Schüler es schafft, über die kritische Stelle hinweg zu spielen.  An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Der Fünfjährig liegt vielmehr in äußerster Anspannung hinter der Wand zum Klavierzimmer und konzentriert sich auf die Stelle nach den ersten vier Takten.

Irgendwann ist es ihm zu viel. Zum Erstaunen der Tante und ihres damaligen Schülers erscheint plötzlich der fünfjährige Dauner im Schlafzug, setzt sich ans Klavier und spielt kommentarlos die kritische Stelle vor. Dann geht er zufrieden zurück ins Kinderbett, um endlich zu schlafen.

3. Das heimatlose Kind

Dass er weniger wert ist als andere, dass er anders ist als andere und ihm durch seine uneheliche Geburt ein Makel anhaftet, wird Wolfgang Dauner früh klar gemacht. Er hasst es, wenn in der Schule Lehrer die Klasse nach ihren Familienverhältnissen abfragen. Die Schüler müssen aufstehen, den eigenen Namen sagen, den Mädchennamen der Mutter und den Beruf des Vaters. Bei ihm hört sich das etwa so an: Name: Wolfgang Dauner, Mutter: Gretel Ikeas, Mädchenname der leiblichen Mutter: Dauner, Name der Pflegemutter: Rosa Haas-Falter, Name des Vaters: Wolfgang Wiedenmeyer – spätestens zu diesem Zeitpunkt bricht die ganze Klasse in großes Gelächter aus.

Das heimatlose Kind, so könnte man Wolfgang Dauner in seinen frühen Jahren vielleicht am treffendsten bezeichnen. Er pendelt zwischen den Wohnungen der Pflegemutter und seiner Tante hin und her. Der Unterschied zwischen den Lebenswelten der beiden Frauen ist groß. Auf der einen Seite die beengten Verhältnisse in der Arbeitersiedlung bei der Pflegemutter. Auf der anderen Seite das offene Haus seiner Tante Berta. Dort findet er etwas, was er möglicherweise schon früh als einen Ausweg aus seinem Dilemma erkennt: die Musik. Bei Tante Berta verkehren Menschen, die er in Münster niemals kennengelernt hätte: Künstler treffen sich bei ihr zum Kaffe. Es gibt Hausmusiknachmittage. Es werden Wiener Lieder gesungen, Tante Berta begleitet die Sänger. Die mehrfach begabte Choreographin Scharschmied, eine Jüdin, Freundin der Tante, spielt hin und wieder einige Lieder und zeigt dem interessierten Jungen einfache Akkorde. Ein anderes Mal spielt sie Wagner und schwärmt von dessen wunderbaren und interessanten Akkorden. Plötzlich zeichnet sie auf ein Blatt ein Portrait von einem der Anwesenden. Dauner ist begeistert von dem künstlerischen Geist. Aber auch andere spannende Leute tauchen bei Tante Bertas Hausmusiknachmittagen auf. Der berühmte Rennfahrer Hermann Lang fasziniert den Jungen verständlicherweise sehr.

Und die Tante besitzt ein Grammphon, damals eine Seltenheit. Der kleine Dauner hört schon früh Aufnahmen von Caruso und Bernhard Ettè. Es gibt auch eine Platte des Paul-Wehrmann-Trios. Dieses Trio, bestehend aus Piano, Bass und Drums und fasziniert ihm mehr als alles andere. „Nur nicht aus Liebe weinen“ – dieses Lied prägt sich ihm besonders ein. Und er weiß: So wie der Pianist auf dieser Platte, will er auch einmal spielen.

In den ersten Kriegsmonaten erscheint auch manchmal der Vater, der als Funker zur Luftwaffe gezogen worden ist. Wolfgang Dauner ist vor allem ein Bild im Gedächtnis geblieben: Der Vater sitzt am Klavier und spielt das einzige Stück, das er kann, Zarah Leanders  „Yes, Sir“. Als wollte er den Vater im Klang der Musik bei sich behalten, übt der Sohn in den nächsten Tagen dieses Stück – bis er es kann.

Im Gegensatz dazu ist der Klavierunterricht bei der Tante klassisch ausgerichtet: Beethoven, Haydn, Chopin, ein bisschen Rachmaninow. Dauner nimmt alles auf, lernt schnell. Als er zehn Jahre alt ist, hat sie ihm alles beigebracht, was sie kann. Ravel, Debussy oder modernere Komponisten lernt er bei ihr nicht kennen. Dieses Wissen muss er sich später hart erarbeiten.

Wahrscheinlich ist es ihm damals nicht bewusst, aber aus heutiger Sicht scheint klar, dass Wolfgang Dauner als Kind nicht nur besonders begabt ist, sondern dass er bereits in sehr jungen Jahren einen Ausweg aus der Sackgasse sucht, in die er sich durch seine verworrenen Familienverhältnisse geworfen sieht. Und dieser Ausweg ist die Flucht in die Musik. Den Weg findet er über das Instrument, das Klavier. Erst viel spät wird ihm klar, dass es nicht die Flucht in eine ferne, andere Welt ist, sondern in seine eigene. Die Musik wird ihm Heimat.

Wie frei er sich in dieser Welt zu bewegen weiß, zeigen auch die Konflikte mit seiner Tante. Beim Unterricht treibt er sie manchmal zur Verzweiflung, weil er sich nicht darauf beschränkt, die Noten nachzuspielen, die sie ihm vorlegt. Er erfindet und probiert eigene Harmonien zu den Stücken, die er spielen soll, füllt die Zeitlücken mit selbst geh- oder erfundenen Akkorden aus. Kurz: er improvisiert. Dieses Kennzeichen des späteren Jazzers und Komponisten ist in seinen jungen Jahren bereits angelegt, sehr zum Leidwesen der Tante.

Aber es ist nicht allein die Tante, die Dauners musikalische Neugier vorantreibt. An den warmen Sommerabenden treten in den Hinterhöfen der Arbeitersiedlung in Stuttgart-Münster häufig zwei Akkordeonspieler auf, die damals gängige Schlager, aber auch anspruchsvollere Akkordeonstücke spielen. Die Kinder aus der Nachbarschaft umlagern diese beiden Männer und singen häufig mit. Wolfgang Dauner rennt nach diesen Auftritten nach Hause und versucht auf dem Klavier, die Lieder der beiden Männer nachzuspielen. Dies fällt ihm nicht immer leicht und gelingt auch nicht immer. Denn die beiden Männer verfügen noch über zwei weitere Attraktionen, die für den Jungen eine große Anziehungskraft haben: zwei schwere Motorräder, eine 250er Horex und eine 500er NSU, an denen sie selber herum basteln. 

Die Kinder helfen ihnen manchmal dabei. Wolfgang Dauner ist begeistert. Er hilft mit beim Motorrad-Reparieren, und er übt. Vor allem geht es ihm darum, die Stücke, die er gerade gehört hat, sofort nachzuspielen. Es ist nicht nur eine Übung für sein musikalisches Gedächtnis, sondern gleichzeitig eine Art Improvisation. Wenn die Seele des Jazz die Improvisation ist, so hat Wolfgang Dauner den Jazz bereits bei diesen frühen Übungen kennen gelernt und als eine Art Haltung für sich angenommen, auch wenn es keine Jazz-Strukturen sind, die er spielt. In diesen Jahren wird ihm auch klar, dass er einmal Musiker werden will. Er ist so besessenen von Musik und Instrument, dass der erste Gang nach der Schule zum Klavier geht.

Es ist wohl kein Zufall, dass es nicht die bürgerlichen Viertel auf der Stuttgarter Halbhöhe waren, die diesen Ausnahmepianisten hervorgebracht haben, sondern das proletarische Bad Cannstatt. Nicht dort, wo der Zugang zur musikalischen Ausbildung normal oder problemlos war, wuchs einer der bedeutendsten Musiker der Stadt heran, sondern in beengten Verhältnissen, wo der Zugang zu einem Klavier so ungewöhnlich war, dass es einer besonderen Energie bedurfte, um diesen Weg gehen zu können.

Vielleicht liegt darin auch der Grund für eine der besonderen Charaktereigenschaften Wolfgang Dauners: die fast kindliche Neugier an allem Neuen und Unbekannten, und der Mut, Gebiete zu betreten, in die sich bisher noch niemand vorgewagt hat und die für ihn nicht vorgesehen sind. Dauners Leben ist bereits Jazz, als er diese Musik noch gar nicht kennt.

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