f r ei t a g , 5. j a n u ar 20 0 7
magazin
b a d i s c h e z e i t u n g
III
Die
A
zubis
der
Revolution
Als Lehrling demonstrierte unser Autor einst mit den Studenten für eine bessere Welt. Über die vergessene Bewegung neben der Bewegung /
Von Wolfgang Schorlau
N
ach der Lesung stand mein
Freund Otmar neben mir
und entrollte ein Plakat.
Guck mal, Eule, sagte er und
verwendete meinen alten Spitznamen,
das schenk’ ich dir. „Einladung an alle
ehemaligen Studierenden (Alumni)“, las
ich. Darunter ein Bild der Freiburger Uni,
vermutlich aus den fünfziger Jahren. Die
Studentinnen trugen lange Röcke, die
Studenten kurze Haare, weiße Hemden,
schmale Krawatten und sahen aus wie
angehende Oberregierungsräte.
Weder Otmar noch ich hatten studiert,
und ich begriff nicht, was ich mit diesem
Geschenk anfangen sollte. Höflich, aber
unsicher, dankte ich ihm. Guck weiter,
sagte er, und ich rollte das merkwürdige
Plakat weiter auf. Ein zweites Foto er-
schien, etwas kleiner als das erste. Das
Bild einer Demonstration. Untergehakte
Langhaarige, kaum erkennbare Transpa-
rente. Daneben die Einladung zu einem
Alumni-Millennium-Meeting. Egal, wie
du deine Studienzeit verbracht hast, soll
das Plakat wohl sagen, ob brav, ob revolu-
tionär, Schwamm drüber – Hauptsache,
du kommst zum Alumni-Treffen.
Ich betrachtete das Foto genauer. Erst
da sah ich, dass Otmar in der zweiten Rei-
he marschierte, ein bisschen verdeckt,
aber eindeutig zu erkennen. Neben ihm
die schöne Claudia, die damals eine Bau-
zeichnerlehre machte. Und da war
Schorsch, der, so weit ich mich entsinnen
kann, Werkzeugmacher war und mittler-
weile Namenspatron meines literari-
schen Helden ist. Dort war unser Kumpel
Detsch, Industriekaufmannslehrling,
und dort, ich sah noch einmal genauer
hin, blieb unsicher, erinnerte mich dann
aber an den weißen Pulli – erkannte ich
mich selbst. Ein nettes Foto, mit dem die
Uni ihre ehemaligen Studenten umwarb.
Viele meiner Freunde waren gut zu er-
kennen, aber keiner von ihnen würde je
bei einer Alumni-Party erscheinen, denn
Student ist keiner von ihnen gewesen.
Wahrscheinlich gingen die Macher
dieses Plakats davon aus, dass jeder, der
in den sechziger oder siebziger Jahren in
Freiburg demonstrierte, ein Student ge-
wesen sein muss. Otmar und ich dachten in diesem
Augenblick wohl das Gleiche: Schade, dass man uns,
die kleine proletarische Nebentruppe der Studenten-
bewegung, so restlos vergessen hat. Unsere Ge-
schichte ist noch nicht aufgeschrieben worden.
Für meine Freunde und mich war die Lehrlingsbe-
wegung Ende der sechziger Jahre und die Begegnung
mit den revolutionären Studenten die Tür zu einer
bislang verschlossenen Welt. Mit großen Hoffnun-
gen begann ich 1966 eine Lehre als Großhandels-
kaufmann bei einer bekannten Elektrogroßhandlung
im Freiburger Norden. Die ersten beiden Lehrjahre
verliefen gut, das Verhältnis zu meinem „Lehrherrn“
war offen und vertrauensvoll. Das änderte sich, als
die Studenten Anfang 1968 große Demonstrationen
gegen Fahrpreiserhöhungen in Straßenbahnen und
Bussen organisierten. Da ich jeden
Morgen mit dem Bus ins Industriege-
biet fuhr, betraf mich die Tariferhö-
hung selbst, und ich fand die Aktio-
nen der Studenten prima.
Aber dahinter steckte mehr. Die Ju-
gend hatte bereits ihre eigene Kultur
herausgebildet. Wir hörten Beatles,
Stones, Cream, John Mayall, und oft
mussten wir das heimlich tun. In den
meisten Elternhäusern war „Neger-
musik“ verboten. Wir ließen uns die
Haare wachsen, und ich erinnere
mich an körperliche Angriffe von al-
ten Männern, die versuchten mich
an den Haaren zu ziehen oder mit ih-
rem Stöcken auf mich einzuschlagen.
Beschimpfungen als „Gammler“ wa-
ren normal und Verwünschungen,
wir sollten in die DDR gehen, noch
das Freundlichste. Zum ersten Mal
setzten junge Leute ihre Interessen öffentlich durch.
Ich war begeistert und reihte mich ein.
Die Aktionen um den Bertoldsbrunnen waren Ta-
gesgespräch in meinem Lehrbetrieb. Die meisten
Kollegen behaupteten, die Studenten seien aus dem
Osten bezahlt. Ich war mir nicht sicher, wollte es
aber genauer wissen und fragte einen langen blon-
den Studenten, ob er tatsächlich Geld aus dem Osten
bekäme. Er starrte mich entgeistert an, griff dann in
seine Hosentasche, zog einen Groschen heraus und
drückte ihn mir in die Hand. Den habe er soeben aus
dem Osten erhalten, sagte er und rannte in den De-
monstrationszug in die Straßenmitte zurück.
Bei einem zweiten Versuch schwärmte mir ein
Student vor, wie toll es in Kuba sei: Das Gesundheits-
wesen sei für ganz Lateinamerika vorbildlich, ebenso
wie das Bildungswesen. Heute weiß ich, dass er da-
mals wohl seine frische Lektüreerfahrung mit En-
zensbergers Kursbuch referierte; aber ich wusste
nichts von Kuba, nichts von Enzensberger. Noch am
Nachmittag schwärmte ich meinem Chef, zu dem
ich, wie gesagt, ein vertrauensvolles Verhältnis hat-
te, von Kuba vor. Seither war unser Verhältnis irrepa-
rabel beschädigt. Das dritte Lehrjahr wurde hart.
Die rebellierenden Jugendlichen
küssten Freiburg wach
Die Fahrpreisdemonstrationen läuteten einen
grundlegenden Wandel im Image der Stadt ein. Bis
dahin galt Freiburg als beschauliche Rentnerstadt.
Die rebellierenden Jugendlichen küssten die Stadt
wach. Die Stadt hat es ihnen übrigens schlecht ge-
dankt: Nachdem die Schlacht geschlagen war, löste
sie die Verkehrsbetriebe aus den Stadtwerken und
privatisierte sie. Der damalige Oberbürgermeister
hatte den Zusammenhang zwischen Unruhen und
Modernisierung der Stadt ebenso wenig begriffen,
wie der aktuelle die positiven Wirkungen des Bürger-
entscheids für das Bild des heutigen Freiburgs.
Ein Freund überredete mich ein paar Monate spä-
ter, mit ihm in die Alte Uni zu gehen. Dort träfe sich
die „Betriebsprojektgruppe des SDS“. Eine Lehr-
lingsgruppe sollte gegründet werden, er wolle mit-
machen. Wunderschöne Studentinnen seien dort,
flüsterte er mir zu, allein traue er sich nicht. Also ging
ich mit. Wir trafen auf eine beeindruckende Ver-
sammlung. An einem langen Tisch saßen zwanzig
oder dreißig Studenten. Wilde Gesellen mit langen
Bärten, tolle Frauen. Der Jurastudent Moos mit flam-
mend rotem Haar. Ja, man wolle eine Lehrlingsgrup-
pe gründen. Wann wir denn Zeit hätten?
Ich hatte nur Mittwochsabends Ausgang.
Mittwochs fanden aber wichtige Sitzun-
gen des Freiburger SDS statt. Es beein-
druckte mich nachhaltig, dass alle diese
wichtigen Leute ihre Termine verlegten,
um sich mit uns zu verabreden.
So begannen die „Mittwochsschulun-
gen“. Erhard Lucas, der später einen
Lehrstuhl am Historischen Seminar der
Uni Freiburg übernehmen sollte, „schul-
te“ uns in Geschichte. Um ermessen zu
können, was er leistete, muss man wis-
sen, dass ich nach neun Volksschul- und
drei Berufsschuljahren weder von der
Weimarer Republik gehört hatte noch et-
was mit dem Namenspatron der Fried-
rich-Ebert-Straße anzufangen wusste.
Die Volkswirte der Roten Zelle unterrich-
teten uns in Politischer Ökonomie, Eddi
Rietmüller, später von Walter Mossmann
in seinen Flugblattliedern verewigt, las
mit uns das „Kommunistische Manifest“.
Mir gefiel die pathetische Sprache
nicht. Sätze wie „Ein Gespenst geht um
in Europa“, das „die Proletarier haben
nichts zu verlieren, außer ihre Ketten“
sprachen mich nicht an. Marx gewann
mich erst mit seiner „Einleitung zu einer
Kritik der Hegel’schen Rechtsphiloso-
phie“. Dort variierte er den Strauss’schen
Gedanken, dass nicht Gott den Men-
schen, sondern die Menschen Gott ge-
schaffen haben. Diese Erkenntnis wirkte
auf mich wie eine plötzliche Befreiung.
Meinen katholischen Kinderglauben
samt Messdienerromantik hatte mir ein
prügelnder Priester bereits ausgetrieben.
Nun konnte ich bewusst die letzten Ver-
bindungen zur Kirche kappen.
Noch in einer anderen Art war die Be-
gegnung mit den revoltierenden Freibur-
ger Studenten ein berauschendes Bil-
dungserlebnis. Sie nahmen an, der Arbei-
terklasse gehöre die Zukunft, und nicht
wenige der klugen und schönen Studen-
tinnen wollten herausfinden, ob diese
historische Mission sich auch auf deren
Liebhabereigenschaften auswirkte. Sie
mussten wohl manche Enttäuschung
hinnehmen, aber die Schönste von allen
begleitete mich fast zehn Jahre durch
mein weiteres Leben.
In den folgenden Jahren gründeten wir
Rote Zellen in den Freiburger Betrieben:
im katholischen Herder-Verlag, im Ver-
lag, der hinter dieser Zeitung steht, bei
Intermetall, in der Rhodia, den Berufs-
schulen, überall gaben wir revolutionäre
Zeitungen heraus. Zwar hagelte es Ent-
lassungen und Ausschlüsse aus den Ge-
werkschaften. Die herrschende Klasse nahm uns of-
fensichtlich genauso ernst, wie wir sie. Aber das
konnte unseren revolutionären Elan nicht brechen.
Wir schrieben abends und nachts Flugblätter und Ar-
tikel, die die Studenten frühmorgens vor dem Werk-
tor oder der Schule verteilten. Abends saßen wir in
„Webers Weinstube“ oder in der „Harmonie“ und
tranken, redeten und planten die Revolution.
Für einen, vielleicht für zwei Sommer schien der
Unterschied zwischen den Studenten und uns Arbei-
terjugendlichen aufgehoben zu sein. Danach gingen
fast alle wieder den vorgesehenen Weg. Einige der
studentischen Flugblattverteiler landeten in Chef-
etagen und schämen sich ihrer revolutionären „Ju-
gendsünden“. Die meisten aber versuchen heute
noch dem treu zu bleiben, was sie von ihren Idealen
gerettet haben. Dies sind mir die liebsten Alumni.
„Wiedersehen“ werden viele der Demonstranten auf dem aktuellen Jubiläumsplakat ihre
Uni nie – kein Wunder, sie haben niemals dort studiert.
F O T O : U N I F R E I B U R G
Revoluzzer, Exmanager und Krimiautor: der Stuttgarter
Wolfgang Schorlau
F O T O : W . S C H O R LA U
I N F O B O X
D E R A U T OR
Wolfgang Schorlau, Jahrgang 51, war Manager
in der Computerindustrie. Mit 50 Jahren entschloss
er sich, seinen Traum wahr zu machen und lebt
und arbeitet seitdem als freier Autor in Stuttgart.
Er hat insgesamt fünf Bücher veröffentlicht, dar-
unter drei Kriminalgeschichten. Mit seinem Roman
„Das dunkle Schweigen“ errang er im letzten Jahr
den dritten Platz beim deutschen Krimipreis. Im
Mittelpunkt seiner Krimis steht Georg Dengler,
ein ausgeschiedener BKA-Ermittler, der sich als
Privatdetektiv selbstständig gemacht hat. Am
Mittwoch, den 7. Februar, liest er um 20 Uhr im
Theatercafé in Freiburg aus seinem neuen Kri-
minalroman „Fremde Wasser“.
mib