sa m st a g, 2 6 . se p t e mb e r 2 00 9
magazin
b a d i s c h e z e i t u n g
III
D
ie
Oktoberfestbom
be
Es war das schlimmste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Warum wurde es nie richtig aufgeklärt? Protokoll eines Verdachts /
Von Wolfgang Schorlau
E
s lag wohl an diesem bestim-
menden Ton, dass ich sofort
annahm, der Anrufer müsse
ein Polizist sein. „Wir haben
Informationen für Sie, die Sie sicherlich
interessieren“, sagte der Mann und füg-
te – als er mein Zögern bemerkte – hin-
zu, dass er meine Nummer von einem
gemeinsamen Bekannten habe. Auch
dieser Bekannte war Polizist. „Können
wir Sie treffen?“ „Wann und wo?“, frag-
te ich. „Wir stehen vor Ihrem Haus“,
sagte der Mann. Die Stimme klang sym-
pathisch, ohne darauf bedacht zu sein,
und das war es wohl, warum ich mich
spontan entschied, zu den zwei Män-
nern ins Auto zu steigen, die ich nicht
kannte und die sich mir in dieser Nacht
auch nicht namentlich vorstellten.
Sie gaben mir Akten zu lesen, Ermitt-
lungen der Sonderkommission Theresi-
enwiese, die nach dem schlimmsten
Terrorakt gegründet wurde, den die
Bundesrepublik je erlebt hat: das Atten-
tat auf das Oktoberfest am 26. Septem-
ber 1980, das 13 Menschen tötete und
über 200 verletzte oder verstümmelte.
Plötzlich sah ich eine Stichflamme,
die 20 Meter hoch war.
Bis zum frühen Morgen las ich in den
Akten, die die beiden mir vorlegten. Sie
beantworteten hin und wieder eine Fra-
ge, wiesen mich auf Widersprüche in
der Ermittlung hin, ansonsten schwie-
gen sie. Ich vermutete: dass die beiden
pensionierte Polizisten seien, die in die-
ser Sonderkommission gearbeitet hatten und dass sie
über die Jahre hinweg wegen dieser Sache das Ge-
wissen geplagt haben muss. Bis heute weiß ich es
nicht genau. So wortkarg die beiden Männer damals
auch waren, so eindeutig war ihr Motiv: Sie wollten
mich auf diese Spur setzen, und je mehr ich in dieser
Nacht darüber las, desto sicherer war ich, dass ich
hier das Thema für meinen neuen Roman gefunden
hatte.
Seither habe ich mich fast ein Jahr lang mit diesem
Attentat beschäftigt. Je mehr ich darüber las, desto
mehr zweifelte ich an der offiziellen Version, dass ein
verwirrter Einzeltäter verantwortlich gewesen sein
soll, und es stellten sich einige dringende Fragen.
Dann erfolgte eine ungeheurer Schlag,
der die ganze Festwiese erschüttert.
Sonderkommission und Bundesanwaltschaft wa-
ren damals zu dem Schluss gekommen, das Attentat
– bei dem eine Bombe in einem Papierkorb deponiert
worden war, die abends um 22.19 Uhr explodierte –
sei allein von dem Donaueschinger Studenten Gun-
dolf Köhler begangen worden. Man hielt an dieser
Theorie fest, obwohl Zeugen wie Frank Lauterjung
angaben, dass Köhler kurz vor der Explosion erregt
mit zwei Männern diskutiert habe. Lauterjung schil-
derte, wie Köhler mit einem Koffer in der einen und
einer Tüte in der anderen Hand auf den Papierkorb
zugegangen sei, den Koffer abgestellt habe, zu dem
Papierkorb getreten sei und etwas hineingelegt ha-
be. Lauterjung wurde von den Ermittlern zunächst
als glaubwürdig eingestuft, doch dann versuchten
sie, ihn zu einer Änderung seiner Aussage zu bewe-
gen. Er weigerte sich. Dann starb er überraschend ei-
nige Wochen später im Alter von 36 Jahren an Herz-
versagen. Eine Untersuchung, ob sein Tod mit dem
Attentat in Verbindung stand, verlief ergebnislos. Ei-
ne von vielen Ungereimtheiten in diesem Fall.
Danach war es erst totenstill. Dann Schreie.
Der Münchner Journalist Ulrich Chaussy zitiert in
seinem Buch Oktoberfest, ein Attentat eine weitere
Zeugin: „Da waren zwei Männer, ein älterer, circa
35, und ein jüngerer, der war 25, 26 Jahre, groß, hat-
te blonde kurze Haare. Der jüngere hat wild um sich
geschlagen und hat immer wieder geschrieen: Ich
wollt’s nicht! Ich kann nichts dafür! Bringt’s mich
um! Ich kann nichts dafür! – Ich wollt’s nicht!“ Eine
ähnliche Aussage legten mir die beiden Unbekann-
ten in jener Nacht auch vor. Man fragt sich, warum
nach diesen Männern nie gefahndet wurde.
Der Mann, der eben noch vor mir stand,
lag plötzlich zehn Meter weiter von mir
entfernt. Beide Beine waren abgerissen.
Ebenfalls offen ist, wie der Attentäter an die Bom-
be gekommen sein soll, die aus einer mörderischen
Ladung von Nägeln, Schrauben, Muttern und kanti-
gen Metallstücken bestand und 40 Meter weit streu-
te. Beim Bau einer solchen Bombe müssen unter-
schiedliche Kenntnisse zusammengeführt werden:
über Sprengstoff, Zünder, Logistik, Finanzierung,
Montage, Transport. Allein zur Beschaffung des
Sprengstoffs sind in der Regel viele Personen nötig.
Und: Sprengstoff, in diesem Fall TNT, war und ist
nicht billig. Köhler war ein Student, nicht reich. Wie
war er an das Geld gekommen, woher hatte er die Be-
ziehungen? Wer waren seine Lieferanten? All diese
Fragen sind bis heute nicht geklärt.
Vor mir lag ein Kind. Der ganze
Körper war zerfetzt, der Bauch offen.
Köhler konnte sie selbst nie beantworten. Er kam
bei dem Anschlag ums Leben. Er hatte Verbindungen
zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann. Er
war befreundet mit Raymund Hörnle und Sibylle Vor-
derbrügge, die der rechtsextremen terroristischen
Vereinigung Deutsche Aktionsgruppen nahe stan-
den. Diese hatten bereits einen Tag nach dem Okto-
berfestattentat ausgesagt, dass der Rechtsextremist
Heinz Lembke ihnen Waffen, Sprengstoff und Muni-
tion angeboten und von umfangreichen Waffende-
pots erzählt habe. Leider ging die Staatsanwaltschaft
diesem Hinweis nicht nach. Erst ein Jahr später ent-
deckten Waldarbeiter in der Lüneburger Heide bei
Uelzen zufällig Lembkes Waffendepot. Heinz Lemb-
ke wurde verhaftet, als er es aufsuchte. In Untersu-
chungshaft offenbarte er die Lage von 33 weiteren il-
legalen Waffen- und Sprengstoffdepots. Sie enthiel-
ten automatische Waffen, 14 000 Schuss Munition,
50 Panzerfäuste, 156 Kilo Sprengstoff und 258 Hand-
granaten. Auch erklärte er, dass er bereit sei, die
Wahrheit über den Oktoberfestanschlag auszusagen.
Dazu kam es jedoch nicht, denn einen Tag vor seiner
Vernehmung wurde er erhängt in seiner Gefängnis-
zelle in Stadelheim aufgefunden. Die Ermittlungen
wurden eingestellt. Lembke wurde als Einzelgänger
dargestellt, der die Waffenlager aus Furcht vor einer
sowjetischen Invasion angelegt habe.
Einem Verkäufer hatte die Druckwelle eine
Handvoll Lose weggefegt. Während die
Menschen schrien und verbluteten, suchte
er wie ein Irrer nach seinen Losen.
Ulrich Chaussy verwies mich auf ein anderes
wichtiges Buch. Der Berliner Journalist Tobias von
Heymann hatte die geniale Idee zu recherchieren,
was die Stasi über das Oktoberfestattentat wusste –
und stieß auf mehr als 12 000 Blatt Unterlagen. Sein
Buch Die Oktoberfestbombe, München 26. Septem-
ber 1980 dokumentiert sie. Beim Lesen des Buches
bekam ich den Eindruck, dass die Informanten der
Stasi mitten in der Münchner Sonderkommission ge-
sessen haben mussten, in der Bundesanwaltschaft
und nicht zuletzt in der Wehrsportgruppe Hoffmann
und im Verfassungsschutz. Aufschlussreich ist die
Mitteilung, dass der Verfassungsschutz zwanzig
Stunden vor dem Attentat eine großangelegte Opera-
tion unter dem Codewort „Aktion Wandervogel“ ge-
gen die Wehrsportgruppe Hoffmann startete.
Man fragt sich, ob dies ein Zufall war oder ob west-
deutsche Behörden nicht zumindest auch gewusst
haben müssen, dass ein spezielles Mitglied dieser
Gruppe gerade mit einer verheerenden Bombe auf
dem Weg nach München war. Wollten sie ablenken?
Überall wälzten sich verstümmelte Menschen
schreiend in ihrem Blut. Ich kümmerte mich zu
nächst um ein zwölfjähriges Kind. In seinem
Bauch steckte ein fingerdicker Splitter.
Ein Detail allerdings hat mich besonders irritiert:
Nach dem Attentat fand sich an der Stelle des Tatorts
auf der Wies’n auch eine Fingerkuppe, die durch die
Explosion abgerissen worden war. Bis
heute weiß man nicht, wem sie gehört.
So wurde sie zu den Asservaten genom-
men. Der Anwalt Werner Dietrich, der
im Namen einiger Opfer für Wiederauf-
nahme des Verfahrens eintritt, bean-
tragte 2008 die Feststellung der DNA
dieser Fingerkuppe: „Es ist wie eine of-
fene Wunde, wenn man in dem Be-
wusstsein lebt, dass die Schuldigen viel-
leicht noch frei herumlaufen“, sagte er.
Die Antwort der Bundesanwaltschaft
zerstörte jedoch jede Hoffnung auf Auf-
klärung. Die Beweismittel gebe es nicht
mehr, hieß es. Ende 1997, teilte die
Bundesanwaltschaft mit, seien die As-
servate zur Vernichtung freigegeben
worden. Dies sei ein ganz normaler Vor-
gang in einem abgeschlossenen Fall.
In Wahrheit ist es wohl eher unge-
wöhnlich, denn es gab in diesem Fall
weder einen Freispruch noch eine Ver-
urteilung, sondern nur einen mutmaßli-
chen toten Attentäter. Man denke an die
Asservate im Fall des Mordes an Gene-
ralstaatsanwalt Buback, die beispiels-
weise nicht vernichtet wurden, sondern
vor einigen Wochen zur Festnahme von
Verena Becker geführt haben.
Letztlich aber wurde mir beim Akten-
studium klar, dass man einen Schritt
weiter gehen kann und muss. Die eigen-
tümliche Nähe von Rechtsterroristen
und Geheimdiensten zum Attentat, das
Nichtbeachten wichtiger Zeugenaussa-
gen, der plötzliche Tod von Zeugen so-
wie das Vernichten von Beweismitteln
weisen noch in eine andere Richtung.
Heymann sieht Indizien, dass die Stasi das Attentat
nicht als singuläres Ereignis betrachtet hat, sondern
als Glied einer Kette von Anschlägen in Westeuropa,
die von Rechtsextremen begangen, aber von Ge-
heimdiensten geplant und verschleiert wurden. Ent-
setzlicher Höhepunkt war das Attentat auf den
Hauptbahnhof in Bologna, bei dem 85 Menschen
starben. Zunächst schrieben die Behörden es den Ro-
ten Brigaden zu, dann aber, nach Recherchen muti-
ger Staatsanwälte, kam heraus, dass dahinter ein eu-
ropaweites Nato-Kommando stand, das in Italien un-
ter dem Namen „Gladio“ (Schwert) bekannt wurde.
Ursprünglich war diese Truppe als Partisanenar-
mee gedacht gewesen, die eingreifen sollte, falls die
Sowjetunion Westeuropa überrennen würde. Dann
aber ging Gladio dazu über, Terrorakte und politische
Morde zu verüben, die dann der Linken zugescho-
ben werden sollten. Sie verbündete sich in Europa
mit Rechtsextremen und Neonazis, die die Drecksar-
beit übernahmen. Der ehemalige italienische Minis-
terpräsident Giulio Andreotti gab die Existenz dieses
Bündnisses am 3. August 1990 auf eine Parlaments-
anfrage hin zu und verwies auf ähnliche Operationen
dieser Geheimarmee in anderen europäischen Staa-
ten, so auch in Deutschland. In vielen Staaten gab es
daraufhin Untersuchungsausschüsse, in Deutsch-
land leider nicht. Heinz Lembke beispielsweise soll
Gladio angehört haben. Es ist bis heute nicht be-
kannt, was mit deren versteckten, umfangreichen
Waffen- und Ausrüstungsarsenalen geschehen ist.
Es ist nicht nur die Trauer um die vielen Opfer, die
diese Nacht mit zwei Polizisten und ihrem Material
in mir hervorrief. Fast 30 Jahre danach geht es auch
um die Frage, warum es bis heute nicht gelingt, eine
Partei wie die NPD zu verbieten – dabei wird vor al-
lem auf die zahlreichen V-Männer verwiesen, die
man schütze müsse. Oder aber es gibt dunkle Stellen
in der „gemeinsamen“ Vergangenheit von radikalen
Rechten und Geheimdienst, auf die kein Licht fallen
soll. Das Attentat auf das Oktoberfest vor 29 Jahren
scheint einer dieser dunklen Flecken zu sein.
Z U R P E R S O N
U N S E R A U T O R
Wolfgang Schorlau (58) lebt und arbeitet als
Autor politischer Kriminalromane in Stuttgart. Deren
Hauptfigur ist Georg Dengler, ein ehemaliger BKA-
Mann, der sich als Privatermittler
selbstständig macht. Im Novem-
ber erscheint – zum Thema des
Beitrags auf dieser Seite – Schor-
laus neuer Roman: „Das Mün-
chen-Komplott“.
Hinweis: Die
rot gefärbten Zitate
im Beitrag sind Augenzeugenbe-
richte aus Zeitungen von 1980.
„Es ist wie eine offene Wunde“: Wer die Wies’n besucht, kommt an dieser Inschrift vorbei
F O T O S : D D P ( 2 ) /S CH O R L AU
Ein Einzeltäter? Nicht zu glauben: Abtransport der Toten am Wies’n-Eingang