Dengler mitten im Globalisierungskampf
Privatisierung, Korruption und Großkonzerne: Wolfgang Schorlaus neuer Kriminalroman „Fremde Wasser“
Den Auftrag der alten Dame, den Tod ih-
rer Tochter Angelika Schöllköpf zu unter-
suchen, wollte Georg Dengler eigentlich
ablehnen. Die Abgeordnete war am Mi-
krofon des Bundestages vor laufender Ka-
mera gestorben. Doch Dengler, der in Alt-
glashütten im Schwarzwald aufgewachse-
ne Stuttgarter Privatdetektiv der Krimi-
nalromane Wolfgang Schorlaus, beginnt
schließlich seiner Freundin Olga zuliebe
mit Ermittlungen. Aber da ist nichts. Ein
ganz normaler Herzinfarkt. Und kein Mo-
tiv für einen Mord: Die Frau Hinterbänk-
lerin ohne jedes politische Gewicht.
Glücklich verheiratet, ein Kind. Ansons-
ten keine besonderen Vorkommnisse.
Dass die Privatisierungsgelüste politi-
scher Entscheidungsträger, ihre Korrum-
pierbarkeit und die Bereicherungsabsich-
ten der Konzerne der Stoff sind, aus dem
Wolfgang Schorlaus diese Woche erschie-
nener Krimi „Fremde Wasser“ geschnei-
dert ist, wird erst langsam sichtbar. Und
es sieht so aus, als ob Dengler, der es
schon in einem anderen Fall („Die blaue
Liste“) mit politischen Machenschaften –
damals um die Ermordung des Präsiden-
ten der Treuhandgesellschaft – zu tun be-
kommen hatte, dem mit harten Bandagen
ausgetragenen Globalisierungskampf um
den Profit mit der Trinkwasserversorgung
nicht gewachsen sei.
In drei Teilen und drei Erzählsträngen
baut Schorlau den Spannungsbogen sei-
nes Romans auf. Da ist erstens Cromm-
schröder, zuständig für den Geschäftsbe-
reich Wasser des VED-Konzerns. Er und
seine ältere Schwester Karin, beides Kin-
der einer Stuttgarter Familie vom Killes-
berg – der Vater hoher Beamter im Staats-
ministerium, die Mutter eine reiche Im-
mobilienbesitzerin – hatten früher be-
geistert Marx gelesen, den Doppelcharak-
ter der Ware studiert: Gebrauchswert und
Tauschwert. Heute betreibt er als knall-
harter neoliberaler Aufsteiger der Ener-
giebranche den Aufkauf kommunaler
Wasserwerke weltweit. Durch sein Volks-
wirtschaftsstudium am Alfred-Weber-In-
stitut der Universität Heidelberg, wo der
Segen des Marktwettbewerbs gepredigt
wurde, hatte er den Vorstandssprecher
des Energiekonzerns Vereinigte Elektrizi-
tätsversorgung Deutschland kennen ge-
lernt. Und ihm seine Mitarbeit angebo-
ten, fasziniert davon, dass der einzig den
Tauschwert einer Ware schätzt.
In diesem Krimi ist
verdammt wenig erfunden
Da ist zweitens Dengler: Seine Ermitt-
lungen in Sachen Angelika Schöllköpf lau-
fen immer wieder ins Leere: Im Bundes-
tag, beim Saaldiener, im Abgeordneten-
büro, im Ausschuss für Gesundheit, Frau-
en und Kultur, in dem Schöllköpf Mitglied
war. Auch die Familie bietet keinen An-
haltspunkt. Er fördert nichts als das Fazit
der Nachrufe zu Tage: eine brave Partei-
soldatin, die leibhaftig gewordene Partei-
disziplin effizient durch Unauffälligkeit.
Auch die regelmäßigen Zusammenkünfte
mit seinem italienischen Freund Mario,
dem Hobbyastrologen Klein und der ge-
liebten Freundin Olga in der Cafeteria
„Basta“ bringen ihn nicht weiter. Und
doch will man ihm an den Kragen.
Und da sind drittens die im Internet
verschlüsselt aufbewahrten Geständnisse
eines gewissen Dr. Norbert Bellgard, die
er mit einer Videokamera aufgezeichnet
hat. Der ehemalige Kardiologe ist als Auf-
tragskiller für ungenannte Hintermänner
angeheuert worden, nachdem er in einen
bundesweiten Herzklappenskandal ver-
wickelt war. Seine Spezialität: alle Opfer
sterben eines „natürlichen“ Todes. Jetzt
aber fürchtet er, enttarnt zu werden, und
handelt auf eigene Faust.
Schorlaus komponiert diese Erzähl-
stränge in wechselhaftem Rhythmus.
Hart und knapp formuliert folgen kurz
aufeinander die Sätze, etwa wenn
Crommschröder aus Frust und Verzweif-
lung seine Geliebte zum Geschlechtsver-
kehr zwingt. Zweifelnd, klagend und re-
flektierend, wenn Dengler sich ohnmäch-
tig fühlt. Und er erzeugt Anspannung ob
der beunruhigenden Fakten, die er aus-
breitet. Denn: „In diesem Krimi ist ver-
dammt wenig erfunden“, sagt Schorlau in
seinem Nachwort. Die Figuren – sicher-
lich. Aber nicht, wie „vor unser aller Au-
gen und trotzdem nahezu unbemerkt von
der Öffentlichkeit, große Konzerne versu-
chen, sich die Rechte an dem wichtigsten
Lebensmittel der Menschheit anzueig-
nen“. Wer ihm nicht sowieso aufs Wort
glaubt, kann die Recherchehinweise auf
Schorlaus Homepage nutzen, sich mit ei-
genen Augen davon zu überzeugen.
Mechthild Blum
Wolfgang Schorlau: Fremde Wasser.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, 271 Seiten,
7,95 Euro (Internet: www.schorlau.com)
Kostbares Wasser aus dem Hahn