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b a d i s c h e z e i t u n g
kultur
s am st a g, 3 . f e b r u a r 2 00 7
Ungezwungen,
anspruchsvoll
Freiburg: Gedenkkonzert für
Dietrich Buxtehude
Sein Todestag war eigentlich der 9. Mai
vor 300 Jahren, aber die Musikerkollegen
ließen es sich nicht nehmen, schon jetzt
das Gedenkjahr zu eröffnen. Gemeint ist
Dietrich Buxtehude. Es gibt viele Gründe,
warum man mit dem Gedenken nicht
früh genug anfangen kann. So ist etwa
Buxtehudes Geburtsjahr – 1637? – unge-
wiss, also muss man sich an das halten,
was sicher ist: das Sterbejahr. Der wich-
tigste Grund aber ist Buxtehudes Musik
von großer Ungezwungenheit, Vielfalt
und hohem kompositorischen Anspruch,
geschaffen für Gottesdienste, Abendmu-
siken und weltliche Anlässe. Das jeden-
falls war der Eindruck, den Hans Jörg
Mammel (Tenor) und das Basler Ensem-
ble L’ornamento beim Konzert in der Frei-
burger Christuskirche hinterließen.
In der österlichen Arie „O fröhliche
Stunden“ BuxWV 84, zeigte sich ein-
gangs Buxtehudes Gabe, Unterschied-
lichstes zu einer Einheit zu verquicken:
zu einem geistlichen Konzert als Ciacona
mit schnellem „Alleluia“-Nachtanz. Auf
die Ciacona, das Komponieren über ei-
nem sich wiederholenden Bass, griff Bux-
tehude gern zurück. In „Herr, wenn ich
nur dich hab“ BuxWV 38 wurde sie zum
Sinnbild des beständigen Glaubens.
Mammels leichter, elegant geführter Te-
nor entfaltete mit den beiden Violinen
(Katharine Heutjer, Cosimo Stawiarski)
über dem strengen Basso continuo Jona-
than Peseks (Cello) und Sebastian Wie-
nands (Cembalo, Orgel) ein so virtuoses
wie inniges, blühendes Konzertieren.
Auch die geistlichen Konzerte „Herr,
nun lässest du deinen Diener“ Bux WV
37, „Singet dem Herrn ein neues Lied“
BuxWV 98 und „Quemadmodum deside-
rat cervus“ BuxWV 92 zeigten originelle
unmittelbar ansprechende Spielarten des
Umgangs mit Text, Stimme und Instru-
menten. Und Christuskantor Jörg Ende-
brock hatte mit Präludium g-Moll BuxWV
148 und Magnificat BuxWV 203 Orgel-
werke ausgewählt, die Satzarten, Affekte
und virtuose Tastentechniken zum „Sty-
lus phantasticus“ bündelten. Eine Sonata
Johann Rosenmüllers und das über-
schwängliche Psalmkonzert „Jauchzet
dem Herrn“ des Buxtehude-Schülers Ni-
colaus Bruhns rundeten ein Konzert ab,
das fürs Buxtehude-Jahr 2007 das Schöns-
te hoffen lässt. Friedrich Sprondel
Ein Wort für das andere
Freiburger Schauspielschüler spielen absurde, komische und sprachgewaltige Einakter von Jean Tardieu im E-Werk
Ein extrem schräges Theatervergnügen
wird derzeit in der Freiburger Schauspiel-
schule im E-Werk geboten: Dort nämlich
zeigen fünf junge Zwischenprüfler des 4.
Semesters unter der Regie von Schulleite-
rin Andrea D. Moll ein paar absurde
Prachtstücke aus dem Schatz der Einakter
von Dichter und Dramatiker Jean Tardieu
(1903-1995) – genannt „Sprachstudien“.
Die sollte man sich nicht entgehen lassen,
wird doch hier von Andrea Zahler, Lena
Katharina Malin, Claudia Sutter, Kathari-
na Rauenbusch und Leonardo Arivelo die
Sprache so herrlich grotesk gegen den
Strich gebürstet, dabei beherzt Konventi-
on und Sehgewohnheit durcheinander
gewirbelt und das ganze gesellschaftliche
Gedöns mit solch versponnener Poesie
parodiert, dass Tief- und Unsinn überra-
schend geistreich beieinander liegen. Vor
allem aber gibt es bei aller Mitdenkerei
auch jede Menge zu lachen: Über ver-
schrobenen Dada-Nonsens nämlich, ge-
würzt mit stummfilmreifer Komik.
Das kommt in „Der Schalter“ erst ganz
klaustrophobisch-kafkaesk daher, wenn
ein Reisender nach einer Reihe undurch-
sichtiger Bürokratieschikanen gerade-
wegs ins Jenseits komplimentiert wird,
wo er doch nur eine simple Fahrplanaus-
kunft wollte. Was folgt, ist mit „Sie allein
wissen es“ eine Art hirnrissige Soap im
Charme der Vor-Fernsehära: Mit hoch-
dramatischen Mienen werden geheim-
nisvoll-nebulöse Worthülsen und Flos-
keln aneinander montiert, welche alle-
samt die Emotionen abrupt zum Kochen
bringen, wobei sich dem Zuschauer Sinn
und Zweck völlig entzieht. Kollektives
Rätselraten auf höchstem Spaßniveau
auch bei „Ein Wort für das andere“, wo es
nicht nur der Syntax an den Kragen geht:
Da wird Frau Perleminouze „von Jaguar
bis Mitte Zebra“ pausenlos „übernascht“
und hat „nicht eine Mimose für sich“,
während ihr werter Gatte „mit der Lady
Brezeln äpfelt“. . .
Die schlichte, trichterförmige Guck-
kastenbühne in Schwarz und Weiß produ-
ziert dabei immer wieder nostalgisch an-
gehauchte filmische Ausschnitte und ver-
stärkt noch die groteske Note dieser
Sprach- Wort- und Sinnspiele. Vor allem
aber stimmt neben Bühnenpräsenz und
lustvoller Expressivität auch das Timing
der Akteure: Präzise verzahnen sich da
nicht nur in „Die Sonate oder wie spricht
man Musik“ Worte zu Rhythmus und
komplexen Strukturen. Ein wenig lang,
aber nie langatmig, frönt man hier einen
ganzen Abend lang aufs Erquicklichste
dem Schaffen von Herrn Tardieu, einem
verspielten Spötter, Zertrümmerer und
Träumer.
Marion Klötzer
– Weitere Aufführungen: Heute und am
4., 8., 9., 10., 11., 15., 16., 17., 18. Feb-
ruar, 20 Uhr ,
t
0761/ 381191
Kleinkunstpreis des Landes
Der Kleinkunstpreis Baden-Württem-
berg geht in diesem Jahr an das Lie-
derduo Sandra Hartmann und Peter
Schindler (Stuttgart), den Comedian
Topas (Ostfildern) und das Mundart-
Kabarett-Duo Ernst und Heinrich (Tü-
bingen und Abtsgmünd). Die mit jeweils
5000 Euro dotierten Preise werden
zu gleichen Teilen vom Kultusminis-
terium Baden-Württemberg und der
Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-
Württemberg finanziert.
BZ
K U L T U R N O T I Z E N
„Der Dengler bist ja du“
B Z-I NTE RVI EW
mit Wolfgang Schorlau über die Ähnlichkeit mit seinem Detektiv und die Politik
Wolfgang Schorlaus jüngster
Kriminalroman „Fremde Was-
ser“ dreht sich um die Privatisie-
rung der Wasserversorgung und
die Machenschaften von Wirt-
schaft und Politik. Die Motive:
Korruption, Machtkämpfe und
Riesenprofite. Wie er dies in
Szene setzt, ist lehrreicher als
manches politische Sachbuch.
Mechthild Blum sprach mit ihm
über seine politischen Ambitio-
nen.
BZ: Ihre Romane erzählen viel
von deutscher Politik und Zeitge-
schichte: Die Ermordung des ehe-
maligen Treuhandchefs Carsten
Rohwedder und die Rolle der
RAF, der Luftkrieg um Bruchsal
und das Verschwinden Zigtausen-
der alliierter Soldaten in Europa,
von denen viele Lynchmorden
zum Opfer fielen. Jetzt ist es die
Privatisierung der Wasserversor-
gung. Welche Rolle spielen Politik
und Geschichte in Ihrem Leben?
Wolfgang Schorlau: Eine große
Rolle. Parteipolitik langweilt mich
allerdings sehr. Jedoch träume ich
noch immer von einer besseren
Welt. Vielleicht suche ich deshalb
meine Stoffe in Politik und Zeitge-
schichte.
BZ: Sie haben sich – wie Ihr Pri-
vatdetektiv Georg Dengler – in
studentenbewegten Zeiten in der
linken Szene in Freiburg bewegt.
Hatten Sie eine Utopie?
Schorlau: Ich habe zwölf Jahre in
Freiburg gelebt. In diese Zeit fällt
die Studentenbewegung. Es gab
aber auch die Lehrlingsbewe-
gung, in der ich mitmachte. Wir
engagierten uns für bessere Aus-
bildungsbedingungen, und es lag
nahe, sich mit den Studenten zusammen
zu tun. Für mich persönlich war es eine
sehr wichtige Zeit, in der ich unter ande-
rem eine andere Art zu leben und zu den-
ken gelernt habe.
BZ: Haben Sie auch das Marx’sche Kapital
gelesen?
Schorlau: Dieses Buch wurde damals
nicht „gelesen“, sondern geschult. Ich
brauchte zwei Anläufe. Der erste schei-
terte nach ein paar Seiten an der komple-
xen Sprache. Nachdem ich das Buch im
zweiten Anlauf geschafft hatte, nach nur
14 Tagen intensiver Lektüre, dachte ich:
Nun habe ich die Welt begriffen.
BZ: Ist Ihnen die Analyse von Marx heute
noch was wert?
Schorlau: Nach wie vor ist die „Politi-
sche Ökonomie“ von Marx hilfreich, die
unterschiedlichen Erscheinungsformen
des gesellschaftlichen Lebens zu verste-
hen und in dieser Hinsicht grundlegend.
In anderen Fragen irrte er gründlich, ins-
besondere in der Theorie der Arbeiter-
klasse als dem revolutionären Subjekt.
BZ: Wenn man einen Roman über den
Profit mit der Wasserversorgung schreibt:
Wie kommt man an Informationen?
Schorlau: Es gibt ja viele Leute, die Her-
vorragendes dazu geleistet haben. In Frei-
burg zum Beispiel Nick Geiler mit seinem
Buch „Das 20 Milliarden Euro Geschäft“.
Dann gibt es erstklassige Dokumentarfil-
me zum Thema, insbesondere den Film
„Wasser unterm Hammer“ von
Leslie Franke. Hinzu kommen
Hintergrundgespräche mit Was-
sermanagern, Globalisierungskri-
tikern, Betriebsräten von Wasser-
werken.
BZ: Sind Sie über dem Roman zu
einem Globalisierungsgegner ge-
worden?
Schorlau: So viel weiß ich heute:
die Privatisierung von Wasser ist
ein großes Verbrechen.
BZ: Beim Schreiben tauchten Sie
wie in einen tiefen Traum ein, mit
all den dazugehörigen Bildern,
Gerüchen, Gefühlen, schreiben
Sie in einem Artikel. Liest man Ih-
re Romane, dann müssen das zum
Teil Albträume sein . . .
Schorlau: (lacht) Nein, wenn ich
eine gelungene Szene geschrie-
ben habe, ist es ein sehr befriedi-
gendes Gefühl. Manchmal ent-
steht aber auch ein tranceartiger
Zustand, dann ist es tatsächlich
wie träumen.
BZ: Aus einem Traum allein wird
noch lange kein so spannend, fast
musikalisch geschriebener Ro-
man. Dazu gehört auch literari-
sches Können. Wo haben Sie das
Handwerk gelernt?
Schorlau: Es gibt in Deutschland
leider kaum Möglichkeiten zur
Autorenausbildung. Da hilft nur:
üben und lesen. Gute Literatur le-
sen. Zum Glück bin ich, seit ich
denken kann, buchstabensüchtig.
BZ: Georg Dengler ist manchmal
ein trauriger Mann. Und so gar
kein Macho. Ist er Ihnen ähnlich?
Schorlau: Ich habe ihm einige
meiner Vorlieben mitgegeben,
zum Beispiel meine Liebe zur
Bluesmusik. Ansonsten, so glaub-
te ich zunächst, sei er eine im we-
sentlichen konstruierte Figur. Doch als
mein Bruder den ersten Dengler-Roman
„Die blaue Liste“ las, rief er mich an und
sagte: Wolfgang, der Dengler bist ja du.
Genau betrachtet findet langsam eine un-
heimliche Angleichung an meine Figur
statt. Ich dichtete ihr zum Beispiel eine
Schwäche für badischen Grauburgunder
an. Das führte dazu, dass ich in Stuttgarter
Lokalen mittlerweile ungefragt Graubur-
gunder serviert bekomme. Nun trinke ich
diesen Wein so gerne wie Georg Dengler.
– Wolfgang Schorlau liest am 7. Februar
um 20 Uhr im Winterer-Foyer des Freibur-
ger Theaters aus seinem Roman „Fremde
Wasser“.
Schneewittchen-Syndrom:
Seele oder Silikon in Freiburg
Den Schönheits- und Jugendwahn kri-
tisch zu beleuchten, kann durchaus
eine lohnende Aufgabe für das Theater
sein. Johannes Galli, Gründer zahlrei-
cher Privatbühnen, hat sich mit seinem
neuesten Stück „Seele oder Silikon“
auf äußerst plakative Weise diesem
Thema genähert. Das einstündige Werk
hatte jetzt in Freiburg Premiere. Wilma
Botosky, eine aus unerfindlichen Grün-
den Hamburger Dialekt sprechende,
bunte Kittel tragende Blockwartin,
beschließt, sich auf ihre „alten“ Tage
den „Bauch zum Arsch“ verlegen zu
lassen: Absaugen, verjüngen, untersp-
ritzen – das alles mit dem Ziel, im hohen
Alter von 50 Jahren noch einmal einen
romantischen Abend verbringen zu
können. Ihre junge Nachbarin Gisela
Mang, von der Natur noch mit draller
Schönheit verwöhnt, will der Älteren
dies Vorhaben ausreden. Ihre (Gallis!)
Begründung ist aus der tiefsten pseu-
dopsychologischen Kiste hervorge-
kramt und macht aus der anfänglich
ganz netten Komödie im Handumdre-
hen eine schlechte Groteske: Das
Schneewittchen-Syndrom! Mütter kön-
nen es danach nicht ertragen, dass ihre
Töchter schöner seien. . . Weder sprach-
lich noch im dramatischen Ausdruck
sind Euphemismen Johannes Gallis
Sache. Derbe Sprache, überbetonte,
hektische Bewegungen und laute Musik
verstärken noch die transportierten
hanebüchenen Inhalte dieser traurigen
Veranstaltung. Katja Klapperstück als
Gisela Mang ist neu auf der Bühne des
Freiburger Galli Theaters. Zum Einstieg
in die Schauspielerei hätte man der
engagierten Frau ein besseres Stück
gewünscht – ihr und auch ihrer rou-
tinierten Kollegin Heidrun Ohnesorge.
Heidi Ossenberg
– Weitere Aufführungen: 7.2., 8.2.,
9.2., 10.2., 20 Uhr,
t
0761/441817.
K R I T I K I N K Ü R Z E
8 0 J A H R E A L T
Der gebürtige Basler Filmprodu-
zent und sechsfacher Oscarpreis-
träger Arthur Cohn wird am heuti-
gen Samstag 80 Jahre alt. Seit
1961 produziert er Filme, zu den
bekanntesten zählen „Die Kinder
des Monsieur Mathieu“ und
„Central Station“.
F O T O : D D P
Sprach-, Wort- und Sinnspiele von Freiburger Schauspielschülern
Krimiautor Wolfgang Schorlau
FO TO : H E I N Z H E I S S