Mord lässt keinen Platz für süße Träume
Seine Georg-Dengler-Krimis haben Wolfgang Schorlau weit über die Grenzen Stuttgarts
hinaus bekanntgemacht
Degerloch. Der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau war am Donnerstag zu Gast im
Bezirksrathaus Degerloch und las aus seinem aktuellen Kriminalroman - aber nicht nur.
Von Alexander Kitterer
Vor der geistigen Erquickung steht für manche Besucher die körperliche Ertüchtigung. Denn
für die vielen Literatur-Interessierten reichen an diesem Donnerstagabend die Stühle im
Sitzungssaal des Bezirksrathauses Degerloch kaum aus. Wer dennoch nicht stehen will,
kümmert sich selbst um einen Stuhl.
Der Andrang ist verständlich, schließlich findet nicht oft ein Träger des Deutschen
Krimipreises zu einer Lesung auf die Stuttgarter Höhen. Unterstützt wird der Autor Wolfgang
Schorlau von dem Blues-Musiker und Namensvetter Wolfgang Kallert. Der Schriftsteller
kennt keine Berührungsängste, läuft zu Beginn prüfend durch die Reihen und wechselt ein
paar Sätze mit den zahlreichen Krimi-Anhängern. Und das, obwohl er nach eigener Aussage
sehr aufgeregt sei, „schließlich ist das meine erste Degerlocher Lesung".
Mit dieser nicht ganz ernst gemeinten Aussage ist ihm das Publikum uneingeschränkt
wohlgesonnen, noch bevor er seinen aktuellen Roman „Fremde Wasser" überhaupt
aufgeschlagen hat. Er erzählt ein klein wenig von sich und sehr viel von seinen Hauptfiguren.
Von Georg Dengler, dem Privatermittler und Blues-Liebhaber aus dem Bohnenviertel und
von der schönen Diebin Olga, „in der ich alle Fantasien zu denen ich fähig war konzentriert
habe", wie Schorlau sagt.
Dann beginnt er mit seiner weichen, sonoren Stimme den Prolog zu lesen, in dem die
Bundestagsabgeordnete Angelika Schöllkopf scheinbar wegen eines Herzinfarkts im
Plenarsaal des Bundestags tot zusammenbricht. Danach überlässt er Kallert, alias Colored
Wolf, das Feld. Mit seinem „Stück von dem Blues von der Frau, wo man es nicht recht
machen kann" hat der trotz des gerade erlebten literarischen Todes erst die Lacher, dann die
mitwippenden Füße auf seiner Seite.
„Ich muss Sie leider von den süßen Träumen losreißen und wieder zu Mord und Totschlag
hinführen", sagt der Schriftsteller nach der Blues-Einlage und greift wieder zu seinem Buch.
„Vielleicht erinnern Sie sich noch, es ging um die Abgeordnete", stellt er das Publikum
schelmisch auf die Probe.
Bevor es weitergeht, erzählt er mehr von seinen Romanfiguren. Davon, dass er vor der
endgültigen Niederschrift seines ersten Romans „Die Blaue Liste" einen bekannten Stuttgarter
Krimischreiber um Rat bat. Doch bevor er ihm seinen Plot darlegen konnte, habe der ihn
unterbrochen: „Guck in den Fernseher, pensionsberechtigte Kommissare überall." Private
Ermittler würden in Deutschland nicht funktionieren. Schorlau behielt seinen, spendierte ihm
aber „vorsichtshalber" eine jahrelange Karriere beim Bundeskriminalamt.
Im ersten Kapitel beginnt der ehemalige Manager das Netz zu spinnen, in dem sich seine
Hauptfiguren auf den nächsten 250 Seiten verstricken sollen. Das Bohnenviertel sei der
Ausgangspunkt seiner Krimis, allgemein spiele Stuttgart eine große Rolle, sagt er. Die
Handlung führt aber weit aus der Landeshauptstadt hinaus, in „Fremde Wasser" schickt
Schorlau den Leser sogar bis nach Bolivien.
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Als er auf das eigentliche Thema seines Buches zu sprechen kommt, könnte ein zu spät
gekommener Besucher meinen, er sei bei einem Vortrag eines Globalisierungskritikers
gelandet. Der Kampf um Wasserrechte ist nicht nur Thema seines Buches. Der Autor erzählt
von der maroden Wasserversorgung in London und davon, dass es in Stuttgart seit dem
Verkauf ähnliche Gefahren gebe. Das Problem bewegt, das ist zu spüren. Doch danach ist
Schorlaus Auftritt noch nicht zu Ende. Er beantwortet nicht nur Fragen und signiert Bücher,
sondern zückt eine Mundharmonika mit der er Kallert begleitet - Georg Dengler hätte es
bestimmt genauso gemacht.
Blick vom Fernsehturm - Montag, 24. September 2007 - Seite III - Ausgabe: Nr.221
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2007-09-24-SWF-Wasser-Mord lässt keinen Platz für süße Träume