Heimkehr

© Wolfgang Schorlau 2008

 

Hinten im Bus

 

D. saß im Bus, ganz hinten, in der vorletzten Reihe. Draußen schneite es, und er rieb mit dem Ärmel eine kreisrunde, kaum mehr als handtellergroße Fläche auf dem beschlagenen Fenster frei. Wie klein die Schule war, dachte er. Auch die BP-Tankstelle gab es noch. In dem Spielwarengeschäft war nun eine Boutique. Die Hauptstraße hatte er viel breiter in Erinnerung.

Ihn fror, obwohl der Bus beheizt war. D. trug nur die dünne blaue Sommerhose und den grauen Blouson aus Popelin. Ob Blousons noch in Mode waren?

An der alten Post stieg er aus. Nur ein junges Paar blieb noch im Bus. Bierflaschen in der Hand. Auch das Mädchen. Sie lachten laut. Aber nicht über ihn. Ihn schienen sie nicht zu kennen.

An der Haltstelle blieb er stehen, als müsse er sich ausruhen. Dicke Flocken taumelten vom Himmel herab. Weihnachten sollte er zuhause verbringen, hatten sie gesagt. Er ging die Schlossstraße hinauf. Er keuchte bereits an der ersten Seitenstraße und blieb stehen. Die Kälte kroch die Hosenbeine hinauf. Schnee setzte sich auf seine Brillengläser. Er ging weiter. An der Ecke zur Genossenschaftsstraße stand Claudi und winkte. D. lief sofort los. Doch mitten in der Bewegung des ersten Schrittes verschwand die Erscheinung. Er nahm die Brille ab und wischte den Schnee von den Gläsern.

Seine Mutter öffnete nach dem ersten Klingeln. Auch sie war viel kleiner als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie stand in der Tür, ihre Arme hingen herunter. Er konnte sehen, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ich wusste es“, sagte sie. „Ich wusste es einfach.“ Sie weinte lautlos wie ein fremdes Tier.

Er blieb stehen.

„Komm erst mal rein und iss etwas“, sagte sie.

Sie drehte sich um und ging in die Küche, vornüber gebeugt, gebückter als früher. Das linke Bein schleifte etwas nach. Das kam vielleicht von dem Schlaganfall, den sie vor drei Jahren gehabt hatte. Oder war es vor vier Jahren gewesen?

Er folgte ihr in die Küche. Sie war groß, viel größer als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Dann ging er durch die anderen Räume, das Wohnzimmer und sein Zimmer. So groß. So viel Platz.

Sein Kopf war leer.

Was würde nun werden?

„Ich habe alle Zeitungsartikel aufgehoben“, hörte er seine Mutter rufen.

„Die aus der letzten Zeit“, fügte sie hinzu, als würde das etwas erklären. „Willst du sie lesen?“

Nein“, erwiderte er.

 

Claudi

Claudi war das Glück seines Lebens gewesen. Niemals hatte D. es bereut, dass er sie kennen gelernt hatte. Auch nicht nach allem, was geschehen war. Niemals. Bis heute hatte er nicht verstanden, warum sie ausgerechnet ihn ausgewählt hatte. Er war nichts Besonderes gewesen, hatte sich nie als etwas Besonderes gefühlt. Bis Claudi kam. Danach war er etwas Besonderes. Aber warum sie ausgerechnet ihn... Er wusste es nicht.

Sie gingen in die gleiche Schule, Claudi eine Klasse tiefer. Claudi war der Blickfang gewesen, auf dem Schulhof, auf dem Nachhauseweg. Samstags, wenn sie zum Beichten geschickt wurden. Sonntags, wenn sie den Kirchgang schwänzten. Alle Jungs waren hinter ihr her. Auch Alexander, der Sohn des Doktors. Der fuhr morgens immer schon nach E., ins Gymnasium. Alexander war etwas Besonderes. Aber er doch nicht.

Claudi war schon früh entwickelt. Lachte viel und gerne. Sie hatte als erste von allen das Rauchen probiert. Ihre Eltern kamen nicht aus dem Ort. Sie waren zugezogen, kamen irgendwo aus dem Ruhrpott, redeten anders als die Leute im Ort. Die Leute lachten manchmal über sie, weil sie so komisch redeten. Aber Claudi machte das nichts aus.

Einmal hatte er gesehen, wie sie mit Alexander knutschte. Sonntagvormittags, als sie die Kirche schwänzten. Das tat weh, damals. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Alexander merkte es und lachte. Und drehte Claudi dann so, dass alle es sehen konnten, hielt ihren Kopf in der linken Hand, als würde sie ihm gehören. Aber dann, viel später, fragte sie ihn, ob er ihr bei den Schulaufgaben helfen könne, ihre Eltern seien nicht da, sie seien in Bochum bei der Tante, der es gar nicht gut ginge. Und sie lächelte ihn auf diese Art an, wie das eben nur Claudi konnte, eigentlich nur ein Lächeln, mehr nicht, aber doch so, dass ihm ganz heiß wurde und seine Gedanken sich überschlugen, bis er das Gefühl hatte, nichts mehr zu denken.

Als er bei ihr klingelte, hatte er alle Schulbücher dabei. Aber sie lachte ihn aus. Sie küsste ihn sofort, nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Hintern. Er hatte sich einiges ausgemalt, aber was Claudi an diesem Nachmittag mit ihm anstellte, übertraf all seine Erwartungen. Er lag nackt auf ihrem Bett, auf dem Rücken, die Füße auf dem Teppichboden, die Knie angewickelt. Zwischen seinen Beinen kniete Claudi. Als sie sein Geschlecht in den Mund nahm und daran saugte, überkam ihn ein Gefühl unbeschreiblicher Süße, ein Gefühl, von dem er bislang noch nicht gewusst hatte, dass es existierte. Er richtete seinen Oberkörper auf, stützte sich mit den Ellbogen ab und sah Claudi zu. Seinen Körper sah er mit den Augen eines Fremden an. Als es ihm kam, ließ sie sachte von ihm ab. Dann öffnete sie ihren Mund und streckte die Zunge heraus. In der Kuhle hinter ihrer Zungenspitze sah er seinen Saft, rund und gerollt wie eine Perle. Claudi ließ die Zunge wieder im Mund verschwinden. Dann hob sie den Kopf stolz wie eine Königin und schluckte. Zweimal, er erinnerte sich genau. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen. Dann streckte sie die Zunge noch einmal heraus, um ihm zu beweisen, dass die Perle tatsächlich verschwunden war.

In diesem Augenblick dachte er, dass er nie wieder von Claudi getrennt sein wollte. Es dauerte drei Wochen, bis er es ihr sagte. Sie lachte nicht.

„Ich hab dich ganz doll lieb“, sagte sie, und dann sah sie ihn ernst an und stupste ihn mit dem Zeigefinger an die Nasenspitze. „Aber ich werde Dir niemals treu sein. Ich bin niemandem treu. Hörst du? Wenn du damit nicht leben kannst, geh lieber. Aber wenn du kannst“, sie umarmte ihn, „bleib bei mir.“

Ihre Stimme klang weich, als sie das sagte, immer noch mundartlich, mit einem Einsprengsel von Bitternis vielleicht, aber von einer so aufrichtigen Bitternis, wie D. sie von ihr noch nie gehört hatte.

D. blieb. Er hatte ohnehin nicht geglaubt, dass er eine Wahl hatte. Seit diesem Tag gingen sie zusammen, wie man damals sagte.

Nur einmal noch erinnerte sie ihn an dieses Gespräch. Das war Jahre später, nachdem er seine Lehre beendet hatte. Er verdiente – die Überstunden eingerechnet – richtig gutes Geld und fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Da erinnerte sie ihn an das, was sie ihm damals gesagt hatte. Er nickte, auch wenn sein Mund trocken war. Er bestellte dann das Aufgebot, und sie heirateten im Mai.

 

Heimkehr

Von jenem Abend, zwei Jahre später, konnte D. jede Minute nacherzählen. Es war alles rekonstruiert worden. Die Version der Staatsanwaltschaft wich in Zeitfragen nicht von seiner Geschichte ab. Nur darin, was in dieser Zeit geschehen war. Fünf Minuten nach fünf hatte er in der Firma gestempelt. Eine Stunde früher als geplant, weil der hochlegierte Stahl ausgegangen war. Dann war er in den Umkleideraum gegangen, hatte sich Hände und Gesicht gewaschen und sich umgezogen. Seine Kollegen hatten vor Gericht ausgesagt, dass an ihm nichts Auffälliges zu bemerken gewesen sei. Dann verließ er die Firma mit Bernd und Helmut. Sie gingen, wie fast jeden Tag, zusammen bis zum Bahnhof. Dort mussten die beiden noch acht Minuten auf ihren Zug warten. Um zehn vor sechs schloss er die Tür zu seiner Wohnung auf. Musik klang aus dem Wohnzimmer. Er rief Claudis Namen. Sie antwortete nicht. Er ging ins Wohnzimmer und stellte das Radio ab. Rief erneut nach ihr. Heiter. Froh, dass er früher nach Hause gekommen war. Er ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Er war unruhig. Irgendetwas stimmte nicht – die Musik, die Stille, das passte nicht zusammen. Er stellte das Glas ab und ging zum Schlafzimmer. Vielleicht war sie eingeschlafen. Die Tür war angelehnt. Er öffnete sie und sah das Böse.

Claudi lag nackt auf dem Bett, seitlich verrutscht, ihr linker Fuß berührte den Teppich mit den Zehen. Der Kopf voller Blut. Der Oberkörper voller Blut. Das Leintuch rot. Vor dem Fenster lag ein nackter Mann auf dem Bauch. Um seinen Schädel eine riesige Blutlache. Die Fensterläden waren geschlossen, aber das Fenster stand auf, als habe der Mann versucht, auf diesem Weg zu fliehen, bevor er erschlagen wurde.

Er nahm Claudi in die Arme und schaukelte sie sanft in seinen Armen. So hatte ihn die Polizei gefunden. Blutverschmiert. Verstört. Irre.

 

Zwischenspiel

Nach ein paar Jahren hatte sich D. an das Leben im Gefängnis gewöhnt. Er war für alle ein Doppelmörder. Jeder lachte, wenn er von seiner Unschuld sprach. Jeder glaubte, dass er Claudi erschlagen hatte. Sie hatte noch mit ihrem Mörder gekämpft. Der hatte sie vergewaltigt, bevor er sie erschlug. Unter ihren Fingernägeln fand man Hautfetzen und Blutspuren. Und auf seinem Rücken waren Kratzwunden. Die waren von Claudi, sicher. Aber ihn kratzte sie vor Liebe, nicht in Todesangst.

Er führte sich gut im Gefängnis, kam mit allen zurecht, mit den Männern aus aller Herren Länder. Mit den Betrügern spielte er stundenlang Monopoly, deren Lieblingsspiel. Nach drei Jahren war er Kalfaktor und gab das Essen aus. Später organisierte er andere Kalfaktoren. Er sorgte dafür, dass im ganzen Knast die Essensausgabe funktionierte. Es hätte schlimmer kommen können.

Vor zwei Jahren war ein Professor mit zwei Studenten aufgetaucht. Im Rahmen einer Seminararbeit seien sie über seinen Fall gestolpert. Gestolpert, hatte er tatsächlich gesagt. Und dass es so viele Ungereimtheiten gebe. Die Tatwaffe sei nie gefunden worden. Und die Schläge seien von einem Linkshänder ausgeführt worden. Er aber sei Rechtshänder. Außerdem sei nicht sicher, von wem die Hautfetzen unter Claudis Fingernägel stammten. Heute könne man das nachweisen. Sie wollten einen DNA-Test erzwingen. Sie untersuchten Fälle, bei denen sie einen Justizirrtum vermuteten. Sie sprachen von einer Wiederaufnahme des Verfahrens und dass es nicht einfach werde. Kein Spaziergang. Die beiden Studenten hatten leuchtende Augen. Und tatsächlich, sie rollten den Fall nochmal auf. Manchmal fühlte er sich überfahren von ihrem Eifer, und manchmal ging ihm alles zu schnell.

 

Ein Bier

Vier Tage versteckte sich D. in der Wohnung seiner Mutter. Einmal ging er zwei Stunden im Wald spazieren. Danach hatte er einen so fürchterlichen Muskelkater, dass er sich nicht regen konnte. Erst am fünften Tag ging er mit seiner Mutter in die Stadt. Er brauchte neue Kleidung. Neue Jeans. Hemden, Strümpfe, Pullover und einen Wintermantel.

Die Stadt war weihnachtlich geschmückt. Lichterketten hingen von der einen Straßenseite zur anderen. Am Marktplatz stand ein großer Weihnachtsbaum. Die Menschen hasteten die Hauptstraße entlang. Ihm kam es vor, als wäre ein unsichtbarer Korridor um seine Mutter und ihn gezogen, den die Menschen mieden.

Sogar Frau Sommer, die ihn schon gekannt hatte, als er noch ein Kind gewesen war, ging an ihnen vorbei. Sie tat so, als habe sie seine Mutter und ihn nicht gesehen.

Ich bin unschuldig – am liebsten hätte er es laut gerufen. Es ist nun erwiesen, dass ich es nicht war. Ich bin unschuldig. Trotzdem machten die Leute einen Bogen um sie. Er sah, wie seine Mutter tief einatmete und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie lebte seit ihrer Geburt in der Stadt. Sie hatte harte Zeiten hinter sich. Während des Prozesses und danach. Aber nun war es doch erwiesen: Er war unschuldig. Und trotzdem mied sie die Stadt, als hätten sie die Pest.

Am Abend ging er in das Marktplatzstüble. Es sah so aus wie immer. Manfred stand hinter dem Tresen, Fritz und Hermann davor. Sie waren älter geworden. Sonst hatte sich nichts verändert.

„Ich bin wieder da“, sagte D.

Und dann zu Manfred: „Ein Bier, bitte.“

Manfred rührte sich nicht.

Fritz trank sein Glas aus.

„Zahlen“, sagte er dann.

„So früh schon“, sagte Manfred.

„Zahlen“, sagte Fritz.

„Ich war’s nicht“, sagte D.

„In der Zeitung stand’s“, sagte Herrmann.

„Zahlen“, sagte Fritz.

„Vier Euro dreißig“, sagte Manfred.

Fritz zog den Geldbeutel aus der Tasche und legte vier Euro fünfzig auf die Theke.

„Stimmt so“, sagte Fritz.

„Ich war's nicht“, sagte er zu Fritz. Und zu Manfred: „Mein Bier, bitte.“

Fritz schob den Geldbeutel zurück in die Gesäßtasche.

„Einer muss es ja gewesen sein“, sagte Fritz.

„Ich war's nicht. Das ist jetzt endlich bewiesen. Sie haben mich laufen lassen.“

„Wer soll’s denn sonst gewesen sein?“, fragte Fritz und ging.

„Bleibste jetzt bei uns hier wohnen?“, fragte Manfred.

„Ich hab immer hier gewohnt.“

Er überlegte, ob er seine Bestellung wiederholen sollte.

„Mach mir noch’n Bier“, sagte Hermann.

Manfred stellte ein Glas unter den Zapfhahn.

„Kommt gleich“, sagte er.

Da drehte sich D. um und ging.

 

Der Kommissar

Es war ein grobes Klingeln. Es klingelte, wie nur Polizisten klingeln können. Grrrr – Grrrr – Grrrrrrrr, Grrrr – Grrrr. Wie bei einem Notfall.

Oder einem Überfall.

Der Hauptkommissar hatte zugenommen. Richtig auseinandergegangen war er in den letzten Jahren. Breites Gesicht, von Fett und Schweiß glänzend. Unter dem Arm trug er zwei dicke Papierstapel, jeder in einen braunen, speckigen Umschlag gehüllt.

Ohne einen Gruß ging er ins Wohnzimmer, knallte die beiden Stapel auf den Esstisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er keuchte.

Er kannte sich in der Wohnung immer noch aus.

D. stand in der Tür und sah ihm zu.

„Setz dich“, sagte der Hauptkommissar und deutete auf den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.

Zögernd ging D. auf den Tisch zu und setzte sich.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich wiedersehe“, sagte der Polizist und blätterte in der Akte.

„Claudis Mörder läuft immer noch herum“, sagte D.

„Ich hab diese Scheißakte wieder auf dem Tisch“, fuhr ihn der Hauptkommissar an. „Wieder ist Unruhe im Ort.“

„Ich war's nicht. Sie haben mich eingesperrt. Aber ich war's nicht.“

Dann fragte er: „Werden Sie jetzt Claudis Mörder suchen?“

„Deine Scheiß-Claudi hat's mit jedem getrieben. Und ich muss die Scheiße jetzt zum zweitenmal aufwischen.“

D. wurde blass. Er stand auf und ging zu seiner Mutter in die Küche. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Sie haben versagt. Sie haben Claudis Mörder laufen lassen. Und jetzt...“

Er machte eine Handbewegung, die zugleich wütend und hilflos war.

 

Agentur

„Das wird schwierig“, sagte der Mann und stieß mit einem Ruck die Luft aus.

Dann kratzte er sich am Kopf

„Das wird schwierig.“

D. sah, dass der Mann auch Blouson trug, darunter ein rotkariertes Hemd. Aus Gründen, die er selbst nicht verstand, flößte ihm das Vertrauen ein.

Er hatte sich auf dem Arbeitsamt gemeldet, das nun Arbeitsagentur hieß.

„Ich bin Dreher“, sagte er. „Ich habe gute Zeugnisse.“

„Sie waren im – Gefängnis.“

„Ich war unschuldig.“

Er reichte dem Mann im Blouson die Entlassungspapiere.

Der Mann kratzte sich erneut am Kopf.

„Wenn die Leute das immer unterscheiden könnten“, sagte er. „Man könnte eine Arbeitserprobung versuchen. Dann kommen Sie wieder rein – in den Arbeitsprozess. Aber auch das wird schwierig.“

„Ich kann arbeiten. Ich muss nichts erproben.“

„Sie sind über 45. Die große Unterbrechung im Erwerbsleben...“

Etwas kroch aus seinem Magen nach oben und nahm ihm beinahe die Luft. Wut? Oder Angst? Oder beides?

Der Mann im Blouson und dem rotkarierten Hemd schien zu merken, dass ihm die Situation entglitt. Er kratzte sich am Kopf.

„Ich weiß etwas“, sagte er plötzlich. „Sie sind doch katholisch?“

D. nickte.

„Gehen Sie zu Ihrem Gemeinderat. Da sitzt bestimmt jemand drin, der einen kleinen Betrieb besitzt. Der ihnen eine Chance gibt. Der sieht, dass Sie für ihre Lage nichts können. Probieren Sie das. Ich glaube, das ist der beste Weg. Sie sind ja unverschuldet...“

Da war D. schon aufgestanden und gegangen.

 

 

 

Dritter Advent

Am Sonntag war dritter Advent.

Der Professor und seine Studenten hatten tatsächlich Wort gehalten: Das nächste Weihnachten wird er zuhause feiern. Aber ohne Claudi. Sie fehlte ihm. Sie fehlte ihm in Freiheit noch mehr als in seiner Zelle.

„Gehst Du mit mir in die Kirche?“, fragte seine Mutter. „Ins Hochamt?“

Er führte sie am Arm durch das große Holzportal ins Kirchenschiff. Sie setzten sich beide in die rechte Reihe. Ziemlich weit nach hinten. Er hatte das Hochamt immer am liebsten gemocht. Weihrauch hatte er schon als Messdiener  geliebt. Claudi wurde davon immer übel. Er mochte das Feierliche des Hochamts. Es gab ihm so ein erhabenes Gefühl. Doch heute war er nicht erhaben. Er fühlte sich wie ein Mörder, der seine Strafe verbüßt hatte. Aber ich bin kein Mörder, dachte er.

Pastor Dibarth war immer noch in der Gemeinde. Er war älter geworden. Sein Gesicht war breiter geworden. Im Gegensatz zu seiner Mutter stand er immer noch gerade und aufrecht. Jetzt hob er mit beiden Händen die Hostie in die Höhe und verwandelte das Brot in den Leib des Herrn. Dass der Herr sich von dem verwandeln ließ, wunderte D. Wieso machte der Herr alles mit, ließ Dinge geschehen, als ginge ihn alles nichts an?

Neu war, dass der Pfarrer nach der Messe vor der Kirchentür stand und die Kirchgänger mit einem Handschlag verabschiedete. Das hatte er früher nicht gemacht.

„Ich freue mich, dass du wieder zurück bist, mein Sohn. Die Gemeinde nimmt dich wieder auf in ihre Mitte“, sagte er.

Er war freundlich und väterlich wie früher, als D. noch Messdiener gewesen war.

„Ich bin unschuldig.“

„Ich habe es gelesen. Und ich habe mich darüber sehr gefreut. Der Herr lässt keines seiner Schafe...“

„Erinnern Sie sich noch, Hochwürden: Lasset uns beten. Zu Dir, oh Gott, voller Gnade wenden wir uns heute mit der Fürbitte für ein Mitglied unserer Gemeinde, das vor Dir und den Menschen zwei schwere Verbrechen begangen hat. Dann haben Sie meinen Namen genannt. Da war das Urteil des Gerichts noch nicht gesprochen. Sie haben den ersten Stein geworfen.“

Der Pfarrer verlor nur kurz die Fassung. Nur für die Dauer eines Lidschlags.

„Ich musste an die Gemeinde denken, mein Sohn. Die Gemeinde war in Unruhe geraten. Ich musste die alte Ordnung wieder herstellen. Das Alltagsleben mit seiner Routine, das wir im Allgemeinen nicht wertschätzen. Aber wenn sie verloren ist, vermissen wir sie, als wären wir gerade eben erst aus dem Paradies vertrieben worden. Das, mein Sohn, war meine Sorge. Ich war der Hirte“.

„Und als ich im Gefängnis saß, kam die Alltagsroutine zurück?“

„Ich werde für dich beten“, sagte der Pastor und zeichnete ihm mit dem Zeigefinger ein Kreuz auf die Stirn.

 

 

Am Fluss

Trotz der klirrenden Kälte trieb er sich zwei Tage am Fluss herum. An den Uferrändern, dort wo das Wasser ruhiger floss, hatte sich bereits Eis bebildet. Er überlegte, ob es ihn tragen würde und wie es wäre, wenn er einfach über das Eis in den Fluss laufen würde bis in die tiefe Mitte.

Bald ist Weihnachten, dachte er. Er erinnerte sich an den Professor, der ihm versprochen hatte, an Weihnachten zuhause zu sein. Aber es gab ein zuhause mehr. Er erinnerte sich auch an die unzähligen Weihnachten im Gefängnis. An den Chor. An die katholischen Frauen, die ihnen Geschenke gebracht hatten. An die Predigt des Pfarrers, der von Hoffnung und die Ansprache des Direktors, der von einem neuen Anfang sprach. Doch ohne Claudi gab es keine Hoffnung und keinen Ort an den er gehörte. Eher noch ins Gefängnis als in die kleine Wohnung seiner Mutter oder an den zufrierenden Fluss.

Am Nachmittag fand er ein Bleirohr. Es war rostig, fast armlang. Fast hätte er es übersehen, so gut versteckt lag es unter den verdörrten Blättern des Huflattichs. Für einen Augenblick dachte er, er habe die Tatwaffe gefunden. Vielleicht sollte er sie bei dem Hauptkommissar abgeben. Doch dann nahm D. das Bleirohr mit in die Wohnung seiner Mutter und versteckte es oben auf dem Küchenschrank. Am nächsten Tag kaufte er sich Schmirgelpapier. Nachts, als seine Mutter schon ins Bett gegangen war, schliff er das Rohr glatt.

Immer öfter dachte er darüber nach, dass der Mörder ein Linkshänder gewesen sein muss. Er saß auf dem Stuhl in der Küche und schmirgelte das Rohr. Auf und ab. Auf und ab.

Seine Erinnerung produzierte nur Bilder, die Claudi zeigten. Als hätte es kein Leben ohne sie gegeben. Wie in Zeitlupe lief der Film ab. Er stoppte plötzlich, als er bei der Jungendzeit angelangt war. Er sah wie Claudi mit Alexander knutschte. Und wie er sie drehte, dass es alle sehen konnten. Mit der linken Hand hielt Alexander ihren Kopf fest. D. betrachtete das Rohr. Es war nun blank.

 

Auf dem Berg

Alexander wohnte oben auf dem Berg. D. wunderte sich, dass er kein größeres Haus hatte. Er klingelte dreimal. Das Rohr, das er im Hosenbein mit einem Band an seine Wade gebunden hatte, drückte gegen seinen Unterschenkel.

„Ich hatte dich schon früher erwartet“, sagte Alexander.

Dann trat er zur Seite, um ihn hereinzulassen. In der Küche stand eine Flasche Rotwein und ein Glas.

„Ich feiere nun schon zum vierten Mal allein Weihnachten“, sagte Alexander und holte mit der linken Hand ein zweites Glas aus dem Küchenschrank.

Sie tranken, ohne anzustoßen.

„Hast du sie sehr geliebt?“, fragte D.

„Mehr als alles andere auf der Welt“, sagte Alexander nach einer kurzen Pause.

„Und warum hast du sie dann nicht geheiratet?“

Alexander lachte trocken.

„Claudi war keine Frau zum Heiraten. Sie hat es gewollt, aber... Ich konnte nicht. Dann hast du sie ja genommen. Damit hätte ich noch leben können...“

Hastig leerte er das Glas.

„Lassen wir das. Sie hat uns beide glücklich und unglücklich gemacht. So war sie.“

„Mich hat sie nicht unglücklich gemacht“, sagte D. „Der Mörder hat mein Leben ruiniert. Nicht Claudi.“

Das Bleirohr in seinem Hosenbein fühlte sich plötzlich sehr kalt an.