Es gibt Biografien, die sich lesen, als habe das
vergangene Jahrhundert all seine Nieder-
tracht gebündelt, um sie an einem einzigen
Menschenleben auszutoben. Paul Sakowskis
Leben ist eine solche Geschichte. Er gerät als
Jugendlicher zwischen die Fronten von Fa-
schismus und Stalinismus, den beiden gro-
ßen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, und
verbringt nahezu sein ganzes Leben in den
schlimmsten Lagern beider Systeme.
April 1938: Der achtzehnjährige Paul Sa-
kowski steht zusammen mit dreißig weite-
ren neu eingelieferten Häftlingen in Reih und
Glied auf dem Appellplatz des KZ Sachsenhau-
sen. Der Rapportführer nimmt die Persona-
lien auf. Als der SS-Mann vor Paul Sakowski
steht, fragt er: „Wie alt bist du?“ Sakowski
nennt ihm sein Alter. Da flüstert der Mann:
„Hast du schon 25 bekommen?“ Sakowski
versteht nicht, was der SS-Mann meint. Dann
erscheint Lagerführer Baranowski und hält
eine kurze Ansprache. Widerstand sei zweck-
los, seine SS-Männer könnten „wie die Götter
schießen“, sagt er, und das würden sie auch
tun. Um seine Worte zu unterstreichen, lässt
er zwei der neuen Häftlinge auf dem Bock
auspeitschen. Sakowski zählt die Schläge mit.
Als die Schläge nach 25 Hieben aufhören,
weiß er, was der SS-Mann gemeint hat.
Am nächsten Tag warnen ihn Mithäft-
linge vor diesem Mann. Er heißt Gustav
Sorge, ein Sadist, den die Häftlinge den
„Eisernen Gustav“ nennen. Niemals hätte
Sakowski gedacht, dass er eines Tages, Jahre
später, neben ihm auf einer Anklagebank
sitzen würde: Das sowjetische Militärtribu-
nal tritt am Nachmittag des 23. Oktober 1947
im Rathaus von Berlin-Pankow zusammen.
Unter dem Vorsitz des Obersten Majorov
verhandelt es gegen sechzehn Angeklagte,
die zum Personal des Konzentrationslagers
Sachsenhausen zählten. Ihnen werden Ver-
brechen gegen die Menschlichkeit vorgewor-
fen. Bis auf drei Angeklagte gehören alle
Beschuldigten der SS an. Einer von diesen
dreien ist Paul Sakowski. Er soll der Henker
des KZ Sachsenhausen gewesen sein. In der
Bank vor ihm sitzt Gustav Sorge.
Sakowski entstammt einer kommunisti-
schen Arbeiterfamilie aus Breslau. Seine El-
tern treten 1925 in die KPD ein. Ihr Sohn
Paul, 1920 geboren, wird mit sechs Jahren
Mitglied im Jung-Spartakus-Bund, besucht
die Volksschule bis zur achten Klasse. Er liest
sowjetische Kinderbücher und sieht sich die
Filme an, die von der KPD gezeigt werden. So
lernt er schon früh Sergej Michajlowitsch
Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ken-
nen, das filmische Meisterwerk über den
russischen Revolutionsversuch von 1905.
Sein Vater Arthur Sakowski, ein Maschi-
nist, engagiert sich im Rot-Front-Kämpfer-
bund, dem militärischen Arm der KPD. 1930
wird er wegen Hochverrates angeklagt und
zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verur-
teilt. Während seiner Haftzeit übernehmen
die Nazis die Macht. Die Gestapo verhaftet
Arthur Sakowski, sobald er aus dem Zucht-
haus entlassen wird, und deportiert ihn in
das KZ Esterwegen in Norddeutschland. Die
Mutter, eine Schneiderin, versucht die Fami-
lie durchzubringen. Die Rote Hilfe unter-
stützt sie, und nach einigen Monaten zahlt
auch die Wohlfahrt einen kleinen Betrag.
Im Januar 1934 beendet Paul Sakowski
die Volksschule und verdingt sich als Laufbur-
sche. Er ist stolz, der Mutter jeden Monat
zehn Mark von seinem Lohn abgeben zu
können. Doch im Dezember des gleichen
Jahres hämmert es frühmorgens an der Tür.
Drei Gestapo-Beamte und ein Schupo stür-
men in die Wohnung. Ob er einen gewissen
Zucher kenne, wollen sie von dem Jungen
wissen. Paul Sakowski bejaht, er kennt Zu-
cher vom Jung-Spartakus-Bund. Dann durch-
wühlen die Männer die Wohnung, sie suchen
nach illegalen Flugblättern und Zeitschriften,
die zum Widerstand gegen Hitler und die
Nazis aufrufen. Sie nehmen den vierzehnjäh-
rigen Jungen mit. Im Gestapo-Gefängnis wird
er geschlagen, muss hungern, und immer
wieder fragen ihn die Gestapo-Beamten nach
Zucher. Nach drei Wochen lassen sie den
Buben laufen. Später wird Paul Sakowski
Zucher in Sachsenhausen treffen, und der
erzählt ihm, dass er Sakowskis Namen nur
angegeben habe, um den wirklichen Verteiler
der Flugblätter zu schützen.
1935 kehrt sein Vater aus dem KZ Ester-
wegen zurück. Für einen Augenblick scheint
es, als könnten die Sakowskis eine ganz
normale Familie werden. Vater und Sohn
verfolgen gespannt die Entwicklung in Spa-
nien. Franco putscht gegen die demokrati-
sche Regierung und überzieht das Land mit
einem Bürgerkrieg. Hitler unterstützt den
Putsch militärisch mit der Legion Condor,
doch aus der ganzen Welt strömen Freiwil-
lige der spanischen Demokratie zu Hilfe. Paul
Sakowski will sich ihnen anschließen. Mit
einem Freund übertritt er ohne Papiere die
Grenze zur CSR – und wird verhaftet.
Nach einem Aufenthalt im Untersu-
chungsgefängnis liefert ihn die Gestapo im
April 1938 als „Schutzhäftling“ ins KZ Sach-
senhausen ein. Der achtzehnjährige Paul Sa-
kowski ist der jüngste Gefangene in Sachsen-
hausen. Die älteren Genossen sorgen für ihn,
geben ihm von ihrem Brot. Fünf Tage nach
Kriegsbeginn springt er einem Mithäftling zu
Hilfe, der von einem „Kapo“ schwer misshan-
delt wird. Der Mann meldet ihn, und Sa-
kowski muss am nächsten Tag in der Hocke
und mit vorgestreckten Armen bis am Abend
am Lagertor stehen. Dann wird er dem Haupt-
sturmführer Kurt Eccarius, dem Leiter des
Zellenbaus, übergeben. Paul Sakowski wird
dreimal zwei Stunden lang an den „Pfahl“
gehängt, anschließend wird er auf unbe-
stimmte Zeit in Dunkelarrest gesperrt, was
der Verurteilung zu einem langsamen und
qualvollen Tod gleichkommt.
Doch nach zweieinhalb Monaten Dunkel-
haft macht ihn die SS zum Kalfaktor. Er muss
die SS-Leute bedienen, und er verteilt Essen
an die anderen Gefangenen des Zellenbaus,
darunter sind auch die in Einzelzellen sitzen-
den „Sonderhäftlinge“ wie Martin Niemöller,
Johann von Lipski, der Bruder des ehemali-
gen polnischen Botschafters in Berlin, Her-
schel Grünspan, der den deutschen Bot-
schaftsangehörigen Ernst von Ruth in Paris
erschossen hatte, mehrere Geistliche, die bei-
den Zeugen Jehovas Wels und Zieboldt sowie
der Hitler-Attentäter Georg Elser.
Im März 1941 wird Sakowski Zeuge, wie
Kurt Eccarius und der SS-Mann Dreyel will-
kürlich einen jungen Österreicher erschie-
ßen. Er erzählt einem Mithäftling davon,
dieser verpfeift ihn, und Sakowski landet für
sechs Monate in strenger Einzelhaft.
Am 3. September 1941 holt ihn Eccarius
aus der Zelle. „Zieh dir die Schuhe an und
komm mit.“ „Was ist los, Hauptsturmfüh-
rer?“ „Wirst schon sehen.“ Zusammen mit
dem Häftling Wilhelm Böhm wird er auf den
Appellplatz geführt. Alle Häftlinge des Lagers
stehen in Reih und Glied, wie es beim Zähl-
appell üblich ist. Am Lagertor fragt ihn der
Oberscharführer Hans Nowacki: „Na, Sa-
kowski, weißt du was los ist?“ „Nein, Ober-
scharführer.“ „Du wirst umgelegt.“ „Warum
denn?“ „Das wirst du noch erfahren.“
Böhm und er werden bewacht von vier
SS-Männern aus dem Lagertor zum Industrie-
hof geführt. „Na, Böhm, du hast noch Zeit,
kannst noch ein Vaterunser beten“, sagen die
SS-Leute. Sie lachen. Dann erreichen sie ei-
nen Schießstand. Die Männer befehlen: „An
die Wand stellen, Gesicht zum Kugelfang“ –
einer Strohmatte. Auf der Höhe des Hinter-
kopfes sehen sie eine Schießscharte, hinter
der ein SS-Mann mit Pistole steht. Sakowski
und Böhm warten auf ihre Erschießung. Die
SS-Männer lachen. „Es ist noch Zeit für ein
Vaterunser“, rufen sie immer wieder. Dann
ist es plötzlich vorbei. „Mitkommen!“ Böhm
und Sakowski können den SS-Offizieren, die
sie zum nächsten Gebäude führen, vor Angst
kaum folgen.
Der erste Raum ist ein Entkleidungsraum
für russische Kriegsgefangene. Mehrere SS-
Schergen stehen dort und ein Häftling, der
die Kleidung der russischen Soldaten über
eine 1,80 Meter hohe Bretterwand wirft.
Laute Musik über drei Lautsprecher und das
Brüllen der SS-Mörder sorgen dafür, dass die
russischen Soldaten nervös werden und nicht
nachdenken. Sakowski sieht, dass die nack-
ten Soldaten einzeln in einen zweiten Raum
gestoßen werden. Dort stehen drei SS-Män-
ner, die sich weiße Kittel angezogen haben,
als wären sie Ärzte. Jeder Gefangene muss
den Mund öffnen und „ah“ sagen. Hat er
Goldzähne, so wird ihm mit roter Farbe ein
Kreuz auf Brust und Rücken gepinselt. Auf
Zuruf wird der Gefangene dann in das dritte
Zimmer geführt, in dem er ermordet wird.
Dort warten bereits zwei SS-Männer, die
sich ebenfalls mit weißen Kitteln getarnt
haben. Sie stellen den Gefangenen mit dem
Rücken an die Wand, an eine farbige Skala,
wie sie zum Messen der Körpergröße verwen-
det wird. Auf Kopfhöhe befindet sich jedoch
ein Schlitz von drei Zentimetern Breite und
vierzig Zentimetern Höhe. Hinter der Wand
verbergen sich zwei weitere SS-Männer. Ei-
ner schießt auf ein vereinbartes Stichwort
durch diesen Schlitz dem russischen Gefange-
nen in den Hinterkopf. Der andere lädt die
Ersatzwaffe nach.
Sakowski und Böhm müssen bei jedem
Schuss in den Hinrichtungsraum rennen und
die Leichen im Laufschritt in eine Halle
ziehen, wo sie gestapelt werden. Die Toten
mit dem roten Kreuz auf Brust und Rücken
extra, versteht sich. Böhm und Sakowski, die
eben noch mit dem eigenen Tod gerechnet
haben, arbeiten hart. Nach einer halben
Stunde heißt es „Pause“. Die Mörder wollen
rauchen. Dann geht es weiter bis 23 Uhr. Der
Rapportführer Campe ist stolz auf sein Tage-
werk: „Heut waren es 465 Russen, die wir
umgelegt haben.“ So geht es Tage weiter.
Hauptscharführer Alfred Klein, der das
Massaker organisiert, ist von dem tadellosen
Ablauf begeistert. Einmal stoppt er sogar die
Zeit: „Donnerwetter, alle sieben Sekunden
ein Schuss.“
An einem Sonntagabend wird Sakowski
mit einigen anderen Häftlingen aus den Zel-
len geholt: „Anziehen, du fährst mit zum
Bahnhof Sachsenhausen.“ Im Hof stehen be-
reits zwei schwere dreiachsige Lastwagen
der Fahrbereitschaft. Auf dem vorderen Wa-
gen warten etwa zehn SS-Männer. Alle hal-
ten einen abgesägten, etwa einen halben
Meter langen Schaufelstiel in der Hand. Am
Bahnhof wird ein neuer Transport mit russi-
schen Kriegsgefangenen erwartet. Nowacki
gibt den Häftlingen Instruktionen: Die Toten
aus den Waggons holen und auf die Ladeflä-
chen laden. Wenn es unterwegs Tote gibt,
ebenfalls auf den Laster damit.
Gegen 23 Uhr trifft ein Güterzug der
Wehrmacht ein. In den ersten beiden Perso-
nenwaggons hinter der Lok ist das Begleitper-
sonal untergebracht, dann folgen eine große
Zahl von Güterwaggons. In jedem sind etwa
vierzig bis fünfzig russische Kriegsgefangene
eingepfercht, und in jedem liegen Tote. Die
Überlebenden werden mit Knüppelschlägen
und Fußtritten von den SS-Leuten aus dem
Zug getrieben. Der Leiter des Wehrmachts-
kommandos, ein Leutnant, protestiert bei
Nowacki: Das Schlagen von Gefangenen sei
der Wehrmacht verboten. „Bei uns nicht“,
antwortet der, „wir bekommen Sonderur-
laub, wenn wir so einen umlegen.“
Der erste Lastwagen ist bald voll und
fährt die Leichen ins Lager. Der Zug der
Gefangenen setzt sich langsam in Bewegung.
Links und rechts, in einigen Metern Abstand,
marschiert die Wehrmacht mit aufgepflanz-
ten Seitengewehren. Dreißig Meter dahinter
folgt die SS. Dann der zweite Lkw. Schon
nach hundert Metern fallen etliche Gefan-
gene auf der Straße um. Einige versuchen,
sich wieder aufzurichten und werden von
dem SS-Mann Schubert mit dem Schaufel-
stiel erschlagen. Erst dann darf Sakowski sie
auf den Wagen werfen. Mehrmals ruft Schu-
bert dem Fahrer des Lastwagens zu, über auf
der Straße liegende Gefangene zu fahren. Das
schwere Fahrzeug zerquetscht die am Boden
liegenden Männer mit den Rädern. Alle russi-
schen Kriegsgefangenen marschieren dem
Tod durch Erschießen entgegen.
Bei manchen Erschießungen tragen die
Gefangenen noch ihre Kleidung. Da die russi-
schen Soldaten unter entwürdigenden Um-
ständen eingepfercht werden, haben sie un-
zähliges Ungeziefer am Leib. Sobald sie tot
sind, fliehen die Läuse ihren kalt werdenden
Körper und setzen sich auf die Kleidung. So
bildet sich auf dem Leichenstapel eine drei
bis vier Zentimeter hohe Schicht aus Läusen.
Und diese übertragen Flecktyphus. Sakowski
und Böhm, die Leichen und Kleider verbren-
nen müssen, erkranken. Böhm stirbt, Sa-
kowski überlebt.
Sakowski ist nach dem als „Russenak-
tion“ angeordneten Massaker außerdem an
der Liquidierung von 98 Holländern beteiligt
und an der Hinrichtung von 250 jüdischen
Männern, die in Sachsenhausen von den
Nazis für einen Brandanschlag auf die Sow-
jet-Ausstellung im Berliner Tiergarten ermor-
det werden. Er selbst schätzt später die Zahl
der Leichen, die er von September 1941 bis
September 1943 verbrennt, auf 30 000.
Auf dem Appellplatz werden vor den
angetretenen Häftlingen sechs Hinrichtun-
gen durch den Galgen vollzogen. Sakowskis
Anteil an diesen Exekutionen ist unklar und
lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen.
Unmittelbar nach dem Krieg und in dem
„Tagebuch des Paul Sakowski“ gibt er Henker-
dienste zu. In längeren Interviews, die An-
nette Leo und Regina Scheer nach der Wende
im Auftrag der Stiftung Brandenburgische
Gedenkstätten mit ihm führen, bestreitet er
vehement der „Henker von Sachsenhausen“
gewesen zu sein. Er habe zwar den Galgen
aufstellen und nachher die Leichen abneh-
men müssen, aber niemals habe er einen
Menschen umgebracht. Gegenteilige Aussa-
gen hätten die Russen aus ihm herausgeprü-
gelt. Exekutiert habe allein Böhm.
Die Befreiung des Lagers durch die russi-
sche Armee muss für Paul Sakowski eine
Erlösung gewesen sein.
Als die deutschen Häftlinge von Sachsen-
hausen im Juni 1945 im Berliner Haus des
Rundfunks ihr Überleben feiern, erscheint
auch Paul Sakowski. Einige seiner Genossen
sind empört. Er sei doch der Henker gewe-
sen, sagen sie. Während er noch zu erklären
versucht, rufen andere die Polizei. Nach der
Veranstaltung wird er verhaftet und nach
einigen kurzen Verhören dem sowjetischen
Geheimdienst NKWD überstellt und in des-
sen Gefängnis in der Luisenstraße überführt.
Die vernehmenden Offiziere foltern ihn. Ein-
mal muss er drei Tage lang in einem Becken
stehen, das kalte Wasser reicht ihm bis zum
Kinn. Dann, am 23. Oktober 1947, sitzt er
neben seinen ehemaligen Peinigern – unter
ihnen sind auch Gustav Sorge und Kurt
Eccarius – auf der Anklagebank und wird zu
lebenslänglichem Arbeitslager verurteilt.
Zusammen mit den SS-Schergen wird er
vier Wochen nach dem Urteilsspruch nach
Workuta am Polarkreis gebracht. Das Lager
Workuta ist eines der schlimmsten Gulags
Stalins. Zehn Monate des Jahres liegt die
Temperatur unter dreißig Grad minus. Mit
seinen früheren Schindern fördert er nun
unter härtesten Bedingungen Kohle.
Die überlebenden SS-Mörder werden spä-
testens nach dem Staatsbesuch von Bundes-
kanzler Konrad Adenauer in der Sowjetunion
1955 „zur weiteren Strafverbüßung“ in die
Bundesrepublik entlassen, wo sie sofort auf
freien Fuß kommen. Später werden einige
erneut festgenommen und vor Gericht ge-
stellt. Andere beginnen neue Karrieren.
Sakowski wird als einziger Verurteilter
aus dem Sachsenhausen-Prozess in die DDR
überstellt. Er kommt erst nach Bautzen, dann
ins Zuchthaus Brandenburg und schließlich
ins Lager X der Staatssicherheit in Hohen-
schönhausen. In der Haft schreibt er für die
Stasi das „Tagebuch des Paul Sakowski“.
1970 wird er freigelassen. Er ist nun
fünfzig Jahre alt. Die Stasi besorgt ihm eine
Arbeitsstelle. Dort lernt er seine zukünftige
Frau kennen. Sie ist die erste Frau seines
Lebens. Als sie an Brustkrebs stirbt, wird er
wahnsinnig. Heute lebt er umnachtet in ei-
nem Heim in der Nähe von Leipzig. Als ihn
Jens Becker, der eine Dokumentation über
die letzten noch lebenden Henker Europas
dreht, in den neunziger Jahren gefragt hat,
was er, wenn er könnte, in seinem Leben
anders machen würde, antwortet Sakowski:
„Nicht mehr leben.“
Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau lebt in
Stuttgart. Soeben ist sein neuer Roman „Som-
mer am Bosporus“ erschienen. Seinen nächs-
ten Kriminalroman hat er gerade in Arbeit.
Sachsenhausen, Sibirien, Bautzen
Erst heute lebt Paul Sakowski in Freiheit – Die Geschichte des so genannten Henkers von Sachsenhausen, der 32 Jahre lang eingesperrt war / Von Wolfgang Schorlau
2001 besucht Sakowski das KZ Sachsen-
hausen.
Foto
Jauch und Scheikowski
E
ines Morgens steht
die Gestapo vor der Tür
Paul Sakowski ist in dem Film „Todeslager Sachsenhausen“ zu sehen, der 1946 von der Defa mit Häftlingen gedreht wurde.
Foto
Progress Film Verleih
D
er Hauptscharführer stoppt
die Dauer der Hinrichtungen
M
it fünfzig Jahren lernt
er seine erste Frau kennen
Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung, Samstag, 19. März 2005
BRÜCKE
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