Leseprobe:
Das München-Komplott - Denglers fünfter Fall

Prolog: München, Theresienwiese

Georg Dengler überquerte den Bavariaring.

Die Vormittagssonne wärmte sein Gesicht. Es war ruhig. Wenig Verkehr,
kaum Menschen. Nur ein silberner Audi schlich untertourig
die breite Straße hinauf. Im Schatten der Bäume am Rande
der Wiesn radelte eine Gruppe Männer in T-Shirts des Fußballclubs
1860 München. Eine junge Frau, die einen Kinderwagen
vor sich herschob, kam ihnen entgegen. Einige der
Männer winkten ihr zu. Die Frau tat so, als bemerke sie es
nicht, und lächelte erst, als die Gruppe an ihr vorbeigefahren
war. Dengler schmunzelte unwillkürlich. Er fühlte sich ausgeruht
und entspannt. Was für ein schöner Tag!

Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Er war angekommen. Halbkreisförmig umschrieb eine riesige Cortenstahlplatte den Platz, an dem die graue Stele mit der Inschrift stand:»Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom26. 9. 1980«. Rundherum – im Boden und in der Stahlplatte – waren splitterförmige Eisenteile eingelassen. Dengler wurde kalt bei dem Gedanken, dass sie von dem Anschlag selbst stammen könnten. Tödliche Waffen einer schrecklichen Explosion. Hätten nicht ein paar Blumen am Rand gelegen, das Mahnmal hätte einen tristen Eindruck auf ihn gemacht.

Eine Gruppe von Männern und Frauen im Nordic-Walking-Look kam ihm entgegen. Sie benutzten Stöcke, die auf dem Teerboden unrhythmisch blockten. Sie redeten laut, lachten,scherzten und waren bald auf der anderen Seite des Rings verschwunden. Ein Liebespaar schlenderte Händchen haltend über den Platz.

Die Sonne blendete ihn.

Plötzlich sah ich eine Stichflamme, die 20 Meter hoch war.

Dengler zog die Luft tief durch die Nase ein. Sie roch nach Margeriten und Kräutern, deren Namen er nicht kannte.Immer noch erinnerte diese große karge Fläche an die Wiese,die sie einmal gewesen war, obwohl sie mittlerweile von geteerten Straßen durchzogen war, breit wie Landebahnen.

Er bemerkte einen kleinen roten Bagger, der hundert Meter entfernt Erde aushob, um Platz für neue Kiesflächen zu schaffen. Und trotzdem ist es noch immer eine Wiese,dachte er.

Ein Pärchen auf Rollschuhen glitt an ihm vorbei. Beide trugen enge kurze Hosen aus einem glänzend schwarzen Stoff. Sie hielten sich an den Händen, und Dengler sah den verliebten Blick des jungen Mannes und das strahlende Lachen der hübschen Frau. Mit einer eleganten Bewegung stopptensie vor der Straße, rollten weiter und überquerten sie, ohnesich loszulassen.

Da erfolgte ein ungeheurer Schlag, der die ganze Festwiese erschütterte.

Es muss ein lauer Spätsommerabend gewesen sein. Damals. Leichter Regen war gefallen. Ein angenehmer Regen. Er hatte die Stimmung auf dem großen Fest nicht verdorben. Wahrscheinlich waren die Menschen dankbar für die Abkühlung gewesen.

Danach war es zunächst totenstill. Dann laute Schreie.

Er schloss die Augen und stellte sich die Nacht vor fast dreißig Jahren vor. Gut gelaunte Frauen. Angeheiterte Männer. Manche wohl auch betrunken. Und Kinder. Sie alle gehen und stehen dicht nebeneinander. Fast eine viertel Million Menschen sind auf der Wiesn. Es ist schon spät am Abend, kurz nach 22 Uhr. Das Riesenrad dreht sich noch. Aus der Geisterbahn dringen schrille Schreie. Dichte Scharen drängen schon zum Ausgang. In einer halben Stunde wird dasFest für diesen Tag zu Ende sein.

Ein schöner Tag.

Dengler blinzelte. Die Sonne wärmte sein Gesicht, seine Brust, seine Beine. Er trug nur Jeans und ein weißes Leinenhemd. Unter den Arm hat er die Mappe geklemmt, die sie ihm gestern Abend gegeben hatten. Er hatte die Berichte gelesen, die Zeitungsartikel und die Vernehmungsprotokolle.

Der Mann, der eben noch vor mir stand, lag plötzlich zehn Meter weiter von mir entfernt. Beide Beine waren abgerissen.

Er überblickte den großen Platz. Eine »Sonderfreifläche«. Merkwürdig, dass ihm gerade jetzt die Behördenbezeichnung wieder einfiel. Lag es an dem Gespräch gestern Abend?

Ich habe bloß geschrien, ich habe gedacht, ich habe keinen Kopf mehr. Die Leute lagen alle rum, zerfetzt, mit abgerissenen Armen und Beinen und Köpfen.

Dengler ging die geteerte Straße hinunter. Einmal wollte er die gesamte Wiesn zu Fuß überqueren. Ein Inlineskater überholte ihn. Mit ruhigen Beinbewegungen, als wolle er sich vom Boden abstoßen. Etwas weiter entfernt zog ein Modellflugzeug Loopings am Himmel.

Vor mir lag ein Kind. Der ganze Körper war zerfetzt, der Bauch offen.

Bis spät in die Nacht hatte Dengler in der Akte gelesen. Bis in den Schlaf hatten ihn die Szenen verfolgt. Jetzt holten sie ihn wieder ein. Bilder, Stimmen, Schreie, der Geruch von Blut.

Die mörderische Ladung der Bombe aus Nägeln, Schrauben, Muttern und kantigen Metallstücken flog 40 Meter weit.

Er musste eine Entscheidung treffen. Wollte er sich mit diesem Verbrechen beschäftigen? Mit dem größten Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, bei dem 13 Menschen starben, 200 verletzt wurden, 68 davon sehrschwer?

Wir standen am Haupteingang – plötzlich dieser Lichtpilz und ein wahnsinniger Wind. Wir waren so von Menschen eingekeilt, dass wir gar nicht stürzen konnten. Ich sah nach unten – Blut, Blut, Blut.

In der blauen Mappe stecke nur ein kleiner Ausschnitt der Akten, vor allem Presseberichte, hatten sie zu ihm gesagt. Wenn Sie bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten, erhalten Sie die vollständigen Unterlagen. Mehr als 80 Aktenordner.

Einem Verkäufer hatte die Druckwelle eine Handvoll Lose weggefegt. Während die Menschen schrien und verbluteten, suchte er wie ein Irrer nach seinen Losen.

Er ging die geteerte Schneise hinunter. Auf dem Platz waren etliche Halfpipes für Skateboarder aufgebaut. Zwei Jungs sprangen von ihren Brettern, drehten sich einmal um die eigene Achse, landeten wieder auf den Skateboards, fuhren weiter, wendeten und wiederholten das Manöver.

Sie waren großzügig gewesen. Sie hatten ihm eine Suite im Bayerischen Hof reserviert. Auf dem Dachgarten hatten sie gestern Abend gegessen. Sie hatten sich Mühe gegeben.

Dann hatte der Präsident gesagt: Wir brauchen Ihre Hilfe. Wir möchten mit Ihnen zusammenarbeiten. Wir möchten, dass Sie noch einmal den Fall des Attentats auf das MünchnerOktoberfest untersuchen.

Überall wälzten sich verstümmelte Menschen schreiend in ihrem Blut. Ich kümmerte mich zunächst um ein zwölfjähriges Kind. In seinem Bauch steckte ein fingerdicker Splitter.

Er war lange Polizist gewesen. Er hatte unzählige Tote gesehen. Er hatte Menschen erschossen. Aber in dieser Nacht hörte er die Schreie der Verletzten und träumte, er wate inBlut.

Er verließ die Theresienwiese über die Matthias-Pschorr-Straße und drehte sich noch einmal um.

Die St.-Paul-Kirche ragte über die Dächer der Stadt hinaus, als sei sie einst schon als Fotomotiv gebaut worden.

Er wählte die Nummer, die sie ihm gegeben hatten.
»Ich brauche Bedenkzeit«, sagte er.

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