Irrlichter am
Wasser
. . . warum wir Stuttgart lieben. Es
gibt so viele Gründe, warum man sich
in unserer Stadt wohlfühlen kann. In
dieser Serie wollen wir uns auf 100
Gründe beschränken. Heute der 34.
Grund: Das Licht am Wasser.
Von Barbara Czimmer-Gauss
Viele Bahnen fahren zum Volksfest, viele
Fahrgäste steigen bereits bei den Mineral-
bädern aus. Man spart eine Tarifzone
und wird für den Fußmarsch zudem fürst-
lich entlohnt: In der Dämmerung und bei
Nacht spiegeln sich die Lichter des Rie-
senrads im Neckar, tanzen auf der Ober-
fläche wie Irrlichter und vermitteln so
mehr Leichtigkeit als alle technisch hoch-
gerüsteten Fahrgeschäfte auf dem Wasen
zusammen.
Dabei liegt der Fluss dort wie an vie-
len anderen Stellen starr in seinem Kor-
sett, kann weder springen noch über-
schäumen. Trotzdem wirkt er selbst an
verkehrsumtosten Stellen beruhigend
und besänftigend. An der Wilhelmsbrü-
cke in Bad Cannstatt zum Beispiel, wo
das Wasser das Licht reflektiert und
selbst rußgeschwärzte Häuserfassaden
gnädig schönfärbt. An manchen Tagen
sitzen dort reihenweise Möwen auf der
Kaimauer. Sie richten, wie ferngesteuert,
ihre Schnäbel alle in die gleiche Rich-
tung aus und zeigen dem Verkehr die
kalte Schulter.
Seltsamerweise ruhen die Tiere hier
ihre Schwimmfüße meist im Frühjahr
und Sommer aus. Vielleicht schielen sie
auf die Picknickplätze direkt am Wasser
hinab, wo Familienclans mit dem Ein-
kaufstrolli Getränke hinschaffen und
kalte Büfetts aufbauen. Es könnte ja was
abfallen! Passanten müssen darauf nicht
warten. Gegenüber liegt das Theater-
schiff vor Anker, bringt die Funktion des
Neckars in Erinnerung und verköstigt
Gäste.
In den ersten Wochen in Stuttgart
dachte ich, dass man spätestens hinterm
Max-Eyth-See von der Erdscheibe fällt.
Inzwischen habe ich mich bis zur Hofe-
ner Schleuse vorgewagt und bin froh da-
rüber. Sonst hätte ich die steilen Hänge
der Wengerter und den kleinen Hafen für
Freizeitkapitäne nie gesehen. Auch dort
bringt das Licht Laub und Boote zum
Leuchten, fast so wie in Kalifornien.
Wolfgang Schorlau ist Schriftsteller –
sein fünfter Stuttgart-Krimi erscheint im
November. Seine Romane drehen sich
um den Privatdetektiv Georg Dengler,
der von der Schwabenmetropole aus po-
litische Verbrechen aufklärt. Im Novem-
ber erscheint Denglers fünfter Fall.
Von Michaele Heske
Herr Schorlau, was ist das Schöne am Schrift-
stellerleben?
Vor allem: Ich muss jetzt nur noch selten
Auto fahren. Als Manager war ich ständig
auf der Autobahn unterwegs. Nun lebe ich
mitten im Kessel und kann fast alle Wege zu
Fuß gehen. Ohne Auto zu leben empfinde
ich als großes Privileg. Ein echtes Geschenk.
Sie sind Wahl-Stuttgarter aus Überzeugung.
Was gefällt Ihnen an der Schwabenmetro-
pole?
Das Heusteigviertel, das Bohnenviertel, die
kulturelle und freie Szene, die Wagenhal-
len, Weinberge bis in die Innenstadt und vie-
les mehr. Stuttgart ist Großstadt und über-
schaubar zugleich, manchmal nahezu fami-
liär. Es ist eine urbane, freundliche Stadt.
Viele Künstler schielen nach Berlin. Sie nicht?
Berlin ist immer interessant. Aber ich bin in
Stuttgart angekommen. Die Stadt hat in
den letzten Jahren die verstaubte Provinzia-
lität vielleicht noch nicht komplett, aber
doch weitgehend abstreifen können. Auf Le-
sungen in anderen Städten werde ich immer
wieder auf die lebendige Stuttgarter Kul-
tur- und Theaterszene angesprochen.
Schade, dass es diese Information noch
nicht bis ins Stadtmarketing geschafft hat.
Woran liegt das?
Nach meiner Wahrnehmung gibt es in Stutt-
gart ein modernes, aufgeklärtes, liberales
Bürgertum, aber auch die hartnäckigen
Kehrwochenianer, denen eine ruhige,
schweigende Stadt lieber ist als eine le-
bende.
Was sind denn Kehrwochenianer?
Kehrwochenianer nenne ich Leute, denen al-
les verdächtig ist, was von ihrem eigenen ein-
gefahrenen Lebensstil abweicht. Leute, die
nicht begriffen haben, dass die hiesige Kul-
turszene den positiven Imagewandel der
Stadt ins Werk gesetzt hat. Deshalb sind üb-
rigens die geplanten massiven Kürzungen
im Kulturetat eine Katastrophe. Stuttgart
soll weniger bunt, weniger aufregend wer-
den und wohl wieder zurück ins Provinz-
loch der Häberles und Pfleiderers fallen.
Im November erscheint Ihr neues Buch mit al-
ter Besetzung.
Auch diesmal steht der ehemalige BKA-
Ermittler Georg Dengler, der sich als
Stuttgarter Privatdetektiv durchschlägt, im
Mittelpunkt meines Krimis. Und einmal
mehr greife ich ein politisches Thema auf.
Welches?
Das Attentat auf das Münchner Oktober-
fest, das sich heuer zum 29. Mal jährte. Drei-
zehn Menschen kostete der Anschlag das Le-
ben. Es gab mehr als 200 Verletzte, viele
schwer verstümmelt. Das ist die dramati-
sche Bilanz. Der Fall ist damals nicht wirk-
lich aufgeklärt worden, auch wenn der Öf-
fentlichkeit ein Täter präsentiert wurde.
Wie kamen Sie auf diesen Plot?
Zwei ältere Herren tauchten bei mir auf und
gaben mir Akten der damaligen Sonderkom-
mission zu lesen. Und sie wiesen mich mit
professionellem Blick auf schwere Ermitt-
lungsfehler hin. Man könnte annehmen,
dass diese von oben, aus dem Bereich der Po-
litik und möglicherweise dem der Geheim-
dienste, angewiesen wurden. Dann recher-
chierte ich und reimte mir meinen Teil zu-
sammen – Dengler findet die vermeintlichen
Täter in meinem Buch. Aber in Wirklichkeit
sind sie wohl noch auf freiem Fuß.
Sie bekamen schon öfter Morddrohungen,
weil Sie in allen Ihren Kriminalromanen
wahre Verbrechen aufgreifen . . .
Ja, vor allem bei meinem ersten Roman, bei
dem es um die Ermordung des RAF-Mit-
glieds Wolfgang Grams am Bahnhof in Bad
Kleinen ging. Ich rechnete mit literarischen
Ehren – stattdessen wurde mein Leben be-
droht.
Die Leser lieben indes Ihre Krimis. Woran
liegt das?
Ich bemühe mich um Authentizität von
Handlung und Figuren. Ich recherchiere
gründlich und versuche verständlich zu
schreiben. Dazu kommt, dass die Orte, an de-
nen die Geschichten spielen, real sind – zu-
meist natürlich in Stuttgart. Außerdem
hoffe ich natürlich, dass die Geschichten
spannend sind.
Viele Ihrer Figuren sind nicht fiktiv, sondern
leben tatsächlich in Stuttgart.
Mario beispielsweise, der italienische Koch.
Ich wollte ihn in meinem neuen Buch ster-
ben lassen. Wir hatten ein Gespräch unter
Männern, und Mario war mit seinem Able-
ben einverstanden. Am nächsten Morgen
rief seine Frau empört bei mir an und be-
schwerte sich – jetzt spielt er auch in mei-
nem neuen Buch wieder eine wichtige Rolle.
Und ich habe gelernt: Es ist leicht, eine Fi-
gur zu erfinden, aber schwer, sie wieder aus
der Welt zu schaffen.
Und Ihre Hauptfigur, Dengler, gibt es den Er-
mittler tatsächlich?
Der ist eigentlich reine Fiktion. Ich habe
auch sein Äußeres in keinem meiner Bücher
beschrieben.
Was heißt eigentlich?
Mein Bruder sagte nach dem Lesen des ers-
ten Romans: Wolfgang, der ist ja wie du . . .
Verarbeiten Sie eigene Erlebnisse in Ihren
Krimis?
Nein – ich erzähle Geschichten und verar-
beite nicht mein Leben in meinen Büchern.
Natürlich fließt die eine oder andere persön-
liche Erfahrung mit in den Plot ein.
Hatten Sie als Schriftsteller sofort Erfolg?
Mein erstes Dengler-Buch stand wie Blei in
den Regalen der Buchhandlungen – den
Durchbruch schaffte ich erst als „Die blaue
Liste“ als Taschenbuch auf den Markt kam.
Können Sie von der Schriftstellerei leben?
Heute schon, als ich dem Management den
Rücken kehrte und mich als Autor ver-
suchte, war ich zunächst auf die ideelle und
finanzielle Hilfe von Freunden angewiesen.
¡ 1951 wird Wolfgang Schorlau in Idar-
Oberstein geboren. 1963 zieht er mit sei-
ner Familie nach Freiburg. Dort macht er
eine Lehre zum Großhandelskaufmann.
¡ Schorlau arbeitet sich ins Management ei-
ner Computerfirma hoch, wohnt unter an-
derem in Köln und Koblenz.
¡ Im Jahr 2000 erfüllt er sich einen Traum:
Schorlau lebt seither als Autor in Stuttgart.
¡ Im November 2009 erscheint sein neuer
Kriminalroman „Das München Komplott“
bei Kiepenheuer & Witsch.
Stuttgart
Heute Mittag:
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DIENSTAG MITTWOCH DONNERSTAG FREITAG
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Amsterdam Schauer 15°
Barcelona heiter 25°
Basel bedeckt 14°
Bellinzona heiter 17°
Bornholm bedeckt 10°
Bozen Gewitter 23°
Brüssel wolkig 14°
Chicago Regen 8°
Davos Schnee 4°
Florenz bedeckt 23°
Genf wolkig 17°
Graz bedeckt 15°
Hammerfest Schnee 3°
Heraklion heiter 26°
Helsinki Schauer 4°
Kairo heiter 31°
Klagenfurt Schauer 14°
Kopenhagen bedeckt 10°
Larnaka heiter 30°
Locarno bedeckt 23°
Los Angeles bedeckt 19°
Madeira wolkig 25°
Malaga heiter 27°
Marseille heiter 22°
Miami wolkig 32°
New York bedeckt 14°
Ottawa bedeckt 10°
Palermo wolkig 25°
Prag Schauer 11°
Straßburg wolkig 15°
Sylt Schauer 11°
Venedig wolkig 21°
Zugspitze Schnee -6°
1990 24,8
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EXTREMWERTE
in Stuttgart in ° C:
SONNE / MOND
REISEWETTER
Stark bewölkt mit schauerartigem Regen
Wetter:
LAGE
HEUTE
AUSSICHTEN
BIOWETTER
Ein Tiefausläufer überquert unsere Region
und lenkt mäßig warme und feuchte Luft-
massen heran.
Zeitweise ist es wechselnd, überwiegend
aber stärker bewölkt, und gebietsweise
fällt schauerartiger Regen. Bei einem stark
böigen, teilweise auch stürmischen Nord-
westwind werden nur noch 14 Grad er-
reicht. In der Nacht regnet es gelegentlich.
Morgen ist der Himmel wechselnd be-
wölkt, und vereinzelt fallen Schauer. Am
Mittwoch wolkig mit Auflockerungen.
Der Wettereinfluss auf das subjektive Be-
finden ist heute überwiegend günstig. Die
Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist
erhöht und auch die Schlafqualität bei den
meisten wetterfühligen Menschen gut. Bei
einem zu hohen Blutdruck steigt allerdings
die Anfälligkeit für Herz-Kreislaufbe-
schwerden.
GESTERN
in Stuttgart in °C
Höchstwert
(bis 16 Uhr):
Tiefstwert:
Sa: /
14,7
15,6 12,0
9,8
UMWELTDATEN
Mikrogramm pro Kubik-
meter Luft, in Stuttgart-
Bad Cannstatt, gestern 15
Uhr (Quelle LUBW):
Feinstaub:
(Vorsorgewert: 50)
Stickstoffdioxid:
(Vorsorgewert: 135)
Ozon:
(Richtwert: 180)
POLLENFLUG
Es besteht höchstens noch eine schwache
allergene Belastung durch den Flug von
Gräserpollen.
11
9
63
sonnig heiter wolkig bedeckt
Regen Schnee
Schauer
Gewitter
Hochdruck-
zentrum
Tiefdruck-
zentrum
Warmfront
Okklusion
Kaltluft
Kaltfront
Warmluft
100 Gründe . . .
„Stuttgart soll
wohl wieder ins
Provinzloch fallen“
Für den Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau sind die
geplanten Kürzungen im Kulturetat eine Katastrophe
Zur Person
Ein Riesenrad auf dem Cannstatter Wasen
spiegelt sich im Neckar
Foto: lsw
Wolfgang Schorlau mag die familiäre Großstadt Stuttgart
Foto: Franziska Kraufmann
Wolfgang Schorlau
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Montag bis Freitag 8 - 17.30 Uhr
Samstag 10 - 14.00 Uhr
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Nummer 235 • Montag, 12. Oktober 2009
S-Presso