E
s ist ein warmer, sonniger Herbsttag,
als der Täter zum Tatort zurück-
kehrt. Den Täter fröstelt an diesem war-
men, sonnigen Herbsttag ein wenig, der
Täter bin ich. Dort hast du gewohnt,
denke ich, und schaue unsicher hinauf
zum ersten Stock des Altbaus in der
Lehenstraße, gleich neben der Kneipe
Lehen, diesem südlichen Wirtshaus-
monument mit seinem lebenden Wirts-
denkmal namens Gerd. Vermutlich ste-
hen Blumen am Fenster der früheren
Wohnung, ich schaue vor-
sichtshalber nicht hin.
Lange ist es her, fast
zwanzig Jahre, aus dem
Lehenviertel ist ein acht-
bares Stadtquartier ge-
worden. Unten an der
Ecke Filderstraße, wo ich
mehrfach die undefinier-
bare Kost eines Balkan-
Wirtes nur knapp über-
lebt habe, ist längst das
Restaurant Sultan Saray
eingezogen. Der Klein-
bus vor der Tür fährt, so
steht es auf dem Wagen,
„im Auftrag des Sul-
tans“, über der Stoß-
stange klebt folgerichtig
das Wappen des VfB.
I
ch gehe die Filderstraße entlang, am
Friedhof vorbei, raus aus dem Lehen-
viertel. In die Immenhofer Straße will
ich, dann stadteinwärts. An der Ecke
zur Alexanderstraße sehe ich einen
Laden für Hängematten, das gefällt mir,
er passt zu diesem Hängemattentag.
Gerade will ich einen Gang zulegen,
um der Vergangenheit schneller zu ent-
kommen, da sehe ich den Kriminal-
schriftsteller Schorlau um die Ecke bie-
gen. Guten Tag auch, Herr Dichter, wo-
hin so eilig? Die Zeit ist knapp, sagt er,
am 23. November wird er im Literatur-
haus auf dem Bosch-Areal sein neues
Buch vorstellen: „Fremde Wasser –
Denglers dritter Fall“. Es geht um die
Wasserrechte der Konzerne, vielleicht
wie damals in dem Film „Chinatown“,
als man dem Detektiv Jack Nicholson
die Nase aufschlitzte. Diesmal heißt der
Schnüffler Georg Dengler, und ich
denke, seine Nase wird er behalten.
Z
eit für einen Kaffee, wir gehen in die
Espresso-Bar Herbert’z an der Ecke
Mozart-/Immenhofer Straße, wo man
sich zur Mittagspause trifft. Der Kaffee
gehöre zum besten in der Stadt, heißt es
überall, da muss was dran sein, womög-
lich fliegen hier die Bohnen.
Im Schaufenster der mit feinem
Kitsch und Plunder ausgestatteten Bar
steht eine stattliche, holzgeschnitzte
Nachbildung des WM-Pokals, und auf
dem Fußboden des
Lokals liegen Sägespäne.
Diese Art von Parkett
habe ich zum ersten Mal
in meinem Leben vor
zwanzig Jahren in einem
Rock-Club in New York
gesehen. Damals dienten
die Späne vorzugsweise
als Ersatz für das zuge-
müllte Herrenklo.
D
ie Mozartstraße, sagt
der Schriftsteller
Schorlau, sei seine „Lin-
denstraße“. Hier gibt es
alles. An der Ecke die
Casa Granada, einen spa-
nischen Laden mit garan-
tiert frischem Fisch. Die
Familie Jurin betreibt in
der Mozartstraße eine Schneiderei,
Frau Gudrun Karch eine meisterliche
Handbuchbinderei, und im Laden Such
& Find lagern Original-Bambis und Co-
mics, Matchbox-Autos und eine LP von
Abi und Esther Ofarim mit dem Titel
„Melodie einer Nacht“. Nur konse-
quent, dass wir hier auch an einem
Musik-Antiquariat vorbeikommen, im
Fenster stehen Robert Schumanns
Briefe für 65 Euro.
Die Straße könnte noch viel erzählen,
doch jede gute Straße ist länger als der
Text einer Zeitungskolumne. Adios,
Schorlau, bis demnächst im Süden.
Ob „Kids Week“, „Child in the City“
oder „Stuttgart für Kinder“ – die Be-
lange von Kindern sind in aller Munde.
Die Vereinigung für Stadt-, Regional-
und Landesplanung (SRL) moniert
angesichts des bevorstehenden
Kongresses ausstehende Taten.
VON BARBARA CZIMMER-GAUSS
Dass OB Schuster Stuttgart zur kinder-
freundlichsten Stadt machen will und Ver-
waltung wie Gemeinderat sich einig sind,
Betreuung, Bildung und Gesundheit von
Kindern zu verbessern, merken die Architek-
ten, Stadt- und Sozialplaner der Vereini-
gung positiv an. Gleichwohl kritisieren sie
in einem offenen Brief an Wolfgang Schus-
ter, dass die Stadtplanung im Arbeitspro-
gramm des OB „bisher nur eine marginale
Rolle spielt, bewährte Ansätze im Bereich
der Stadterneuerung und Stadtteilentwick-
lung sind nicht in das Konzept eingeflos-
sen“, heißt es in dem Schreiben.
Als Beispiel nennt Gabriele Steffen, die
SRL-Regionalgruppensprecherin, die Mög-
lichkeit, Baugemeinschaften städtisches
Gelände zur Verfügung zu stellen für famili-
engerechtes Wohnen in der Stadt.
Lücken entdeckt die Vereinigung, der
auch Vertreter der Architektenkammer, der
Hochschule für Technik und des Verkehrs-
clubs Deutschland angehören, ferner beim
Verkehr: Kinder würden verkehrsgerecht
erzogen, statt beispielsweise bei Gehwegpar-
kern „ordnungspolitische Konsequenzen zu
ergreifen“, so Gabriele Steffen weiter.
Enttäuscht zeigen sich die Planer auch da-
rüber, dass die Anregungen für eine weitere
Stadtentwicklung, die vor zwei Jahren im
Wilhelmspalais im Rahmen der Veranstal-
tung „Stuttgart für Kinder“ zusammenge-
tragen worden sind, „weder dokumentiert“
worden seien, noch die Veranstaltung „er-
kennbare Konsequenzen gehabt“ habe.
Hier widerspricht allerdings die städti-
sche Kinderbeauftragte Roswitha Wenzl:
„Alle einzelnen Veranstaltungen aus der
Reihe sind protokolliert und liegen in den
Fachämtern vor.“ Die Stadt habe neue Haus-
ordnungen für Wohnanlagen der SWSG ent-
wickelt, auf den demografischen Wandel
und mit neuen Konzepten auf den Bildungs-
mangel reagiert. „Ich kann die Kritik nicht
nachvollziehen“, so Wenzl. Baubürgermei-
ster Matthias Hahn war gestern nicht für
eine Stellungnahme zu erreichen.
Die SPD-Gemeinderatsfraktion fordert
angesichts des bevorstehenden Kongresses
ebenfalls Taten. In einer gemeinsamen Sit-
zung der Ausschüsse für Jugendhilfe sowie
Umwelt und Technik sollen mindestens
neun Fragen zur Verkehrssicherheit für Kin-
der geklärt und die Einrichtung von Spiel-
straßen zur Chefsache gemacht werden.
Im Auftrag
des Sultans
Verband rügt: Kaum Kinderfreundlichkeit
Planer fordern Konsequenzen aus Fachkongressen ein – SPD will Sondersitzung
Bei der Veranstaltungsreihe „Stuttgart für Kinder“ wurden die Kleinen zu großen Künstlern
Foto: Thomas Hörner
Kaffeepause
Foto: Kern
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Deutschland:
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STUTTGART
21
Nummer 236
Donnerstag, 12. Oktober 2006