Die Geschichte der Topographie des Terrors
in Berlin hat so viele unglaubliche Wendun-
gen genommen, dass man eigentlich nicht
mehr daran glaubte, weitere Überraschungen
erleben zu können. Doch dieser Tage wird
man schmerzlich eines Besseren belehrt.
Zehn Jahre nach dem Beschluss, am ehemali-
gen Sitz des Hauptquartiers der NS-Terroror-
gane ein Dokumentationszentrum zu errich-
ten, stehen hier nur drei Treppentürme.
In der Zwischenzeit hat sich die millio-
nenteure Geschichte der Nichterrichtung ei-
nes Baus zugetragen, den der Schweizer
Architekt Peter Zumthor geplant hat. Es gab
ein verantwortungsloses Planungschaos, in
dessen Folge die Kosten sich mehr als verdop-
pelten und sich herausstellte: Die Konstruk-
tion, selbst in vereinfachter Form, ist auch
für den doppelten Preis nicht zu machen und
niemand – auch der Architekt nicht – weiß,
wie teuer sie am Ende würde. Deshalb wurde
nun der Vertrag gekündigt.
Die Verantwortlichen taten das nicht,
weil es eine optimale Lösung wäre. Sie taten
es, um noch größeren Schaden zu verhin-
dern. Sie taten es nach vielen eigenen Feh-
lern, damit endlich ein Bau errichtet werden
kann, in dem gezeigt wird, was am Ort der
Täter geschah, damit das bedeutende Doku-
mentationszentrum, das permanent im Stil-
len seine unerlässliche Arbeit tut und jähr-
lich in einer Ausstellung auf dem Freigelände
allein schon 250 000 Besucher hat, endlich
eine Bleibe hat. Und nun zieht der Architekt
gegen den Abriss der Treppentürme vor das
Bundesverfassungsgericht, weil er seine Per-
sönlichkeitsrechte verletzt sieht. Er wolle
kein Geld, sagt er, er wolle bauen. Und
bekommt dabei Unterstützung von einer Pha-
lanx namhafter Kollegen, die seinen Bau für
alternativlos halten.
Für wen halten sich die Herren? Und
wofür halten sie ihr Werk? Worum geht es
Peter Zumthor eigentlich, wenn er sagt, er
wolle die Topographie des Terrors bauen?
Offensichtlich um nichts als um seine fili-
grane Stabkonstruktion, um seinen Namen,
sein Werk. Sicher, es ist nicht Peter Zumthors
Schuld, dass sich in Zeiten der Subventions-
mentalität ein eitler Berliner Senat für seinen
ehrgeizigen Entwurf entschieden hat. Man
mag auch den schöpferischen Impetus des
Architekten Peter Zumthor für sich genom-
men verstehen.
Im Hier und Jetzt einer finanziell erledig-
ten Hauptstadt allerdings ist er anmaßend
und absurd. Und schlimmer noch: er ist
zerstörerisch. Denn der Mann, der dem wich-
tigen Dokumentationszentrum ein Haus
bauen sollte, beschädigt die Topographie mit
diesem Streit weiter und weiter. Ob er recht-
lich obsiegen wird, ist für diese Bewertung
unwichtig. Darum kann es nicht immer ge-
hen. In der Gedenkstättenlandschaft der
Stadt scheint ausgerechnet der Ort der Täter
unbaubar – der Ort, an dem die Gesellschaft
auf die eigene Vergangenheit zurückgewor-
fen ist, und auf die Frage, wie der Terror im
Nationalsozialismus überhaupt möglich
wurde. Die Suche nach der Antwort darauf
ist wichtiger als das Persönlichkeitsrecht an
einem Treppenturm.
Im Jahr 1937, die Zeichen stehen längst auf
Krieg, inszeniert der amerikanische Regis-
seur Frank Capra eine große Fluchtfantasie.
Sie wird getragen von der Sehnsucht nach
ewigem Frieden, und sie führt, weil das zu
diesem Zeitpunkt auf Erden wohl nicht zu
leisten ist, an keinen realen, sondern an
einen utopischen Ort hoch oben im Himalaja,
in ein verstecktes und von der Außenwelt
abgeschnittenes Tal, in dem die Menschen
frei vom materiellen Ballast der westlichen
Zivilisation ein langes, besinnliches und er-
fülltes Leben führen. „Der verlorene Hori-
zont“, so heißt der Film, und der Name, den
er seinem Sehnsuchtsort gibt, ist längst zum
Synonym für ein zwar noch nicht ganz himm-
lisches, aber doch schon halb überirdisches
Paradies geworden: Shangri-La.
67 Jahre nach Frank Capra hat sich nun
auch der junge Regisseur Kerry Conran eine
große Fluchtfantasie gebastelt. „Sky Captain
und die Welt von morgen“ spielt im Jahr
1939, als Fiktion also nur zwei Jahre nach
Capra, und irgendwann führt diese Ge-
schichte den sehr britischen Fliegerhelden
Joe Sullivan (Jude Law) und die sehr blonde
amerikanische Reporterin Polly Perkins (Gwy-
neth Paltrow) auch tatsächlich nach Shangri-
La, das noch fast so aussieht wie damals.
Aber seinen Frieden findet dieses Duo dort
nicht, die Suche nach der geheimen Basis des
Dr. Totenkopf muss fortgesetzt werden, es
geht schließlich um die Rettung der Welt.
Nein, nicht um die Rettung der Welt in
einem realen, sondern um die in einem
fiktiven Jahr 1939. „Sky Captain and the
World of Tomorrow“ malt sich nämlich eine
alternative Historie aus, in welcher der majes-
tätische Zeppelin Hindenburg III scheinwer-
ferumstrahlt und zu fanfarenhaft optimisti-
schen Klängen an der Spitze des Empire State
Building andockt; in welcher Polly Parker in
der Radio City Music Hall von einem Wissen-
schaftler vor einer Verschwörung gewarnt
wird; in welcher Sirenen gleich danach Luft-
alarm signalisieren, weil über dem Himmel
von New York riesige Roboter im Retro-Look
schwärmen. Die dröhnen nach ihrer Lan-
dung, dreißig Meter hoch und im Gleich-
schritt, durch die Straßen, fotografiert von
der unerschrockenen Polly, attackiert vom
tollkühnen Fliegerass Joe in seinem Jäger mit
dem aufgemalten Haifischmaul.
Und so geht es weiter, auf eine Insel vor
der Stadt und in einen riesigen Hangar, in
dem Joes Freund, der geniale Mechaniker
Dex (Giovanni Ribisi), einen der Roboter
untersuchen will. Und hinein in einen Angriff
flügelschlagender Flugmaschinen, der von ei-
ner geheimnisvollen Frau im schwarzen Cape
geleitet wird. Und nun wieder fliegend wei-
ter mit Polly und Joe durch die Schluchten
der City, mal diesen seltsam lebendig wirken-
den Flugmaschinen hinterher, mal von ihnen
verfolgt. Und dies alles über Kreuzungen
hinweg oder an ihnen abbiegend und vorbei
an Reklamewänden, auf denen man trotz des
Tempos Wörter wie Coca-Cola oder Dubble
Bubble erkennen kann.
Aber nicht nur die Häuser, die Straßen
oder die Reklame wirken vertraut, nein, auch
die sich mit diesen Insignien der realen Welt
verknüpfende Fiktion. Denn Kerry Conran
hat sein alternatives Jahr 1939 inszeniert als
Hommage an die amerikanischen SF-Serials
mit Flash Gordon und Buck Rogers, an die
britischen Fliegerstorys um den Helden Big-
gles, an die belgischen SF- und Abenteuerco-
mics um Blake und Mortimer; als Hommage
auch an den Film noir, an Fritz Langs „Metro-
polis“ oder an den „Zauberer von Oz“, der in
der hier schon erwähnten Radio City Music
Hall über die Leinwand flimmert. Und als
Hommage an die Mode (Pollys Trenchcoat,
Joes Lederjacke oder die schneidige Uniform
der von Angelina Jolie sehr schwarzhaarig
gespielten Luftlandekommandeurin) und
auch an die Architektur dieser Zeit – der Film
ist unter anderem ein wunderschöner Art-
déco-Traum! Und wenn sich Polly und Joe
immer wieder kabbeln, obwohl sie mal ein
Paar waren und sich wohl immer noch lie-
ben, dann ist das auch eine Hommage an die
Filme von Claudette Colbert, Katharine Hep-
burn, Lauren Bacall, Veronica Lake, Clark
Gable, Cary Grant, Humphrey Bogart oder
Spencer Tracy. So könnte das mit den Hom-
magen noch lange weitergehen.
Und anders als Steven Spielberg in den
achtziger Jahren mit seiner robusten Indiana-
Jones-Serie, in der die ebenfalls zitierten
alten Fiktionen für neue Zeiten umgerüstet
wurden, will Kerry Conran mit seinem „Sky
Captain“ nie über die gloriose Hommage
hinaus. Immer wirken seine Bilder so, als
wäre die Farbe auf ihnen verblasst oder als
wären sie eigentlich schwarzweiß und nur
leicht mit Sepiafarben nachkoloriert worden,
immer wirken sie auch ein wenig schummrig
und unscharf, so als wären sie noch vom
Dunst der Erinnerung umgeben.
Das Paradoxe dabei aber ist, dass diese
Patinawelt der Retro-Science-Fiction durch
modernste technische Mittel entstanden ist:
Alles, was hier um die Schauspieler herum zu
sehen ist, wurde am Computer generiert.
Auch die früher preisgünstig als Miniaturmo-
delle gebauten Szenerien sind nun, von der
Stadt New York über ein fliegendes Flugzeug-
landedeck bis hin zur unterirdischen Festung
des Dr. Totenkopf, aufwendige virtuelle Simu-
lationen von Miniaturmodellen. Man könnte
sagen: „Sky Captain and the World of Tomor-
row“ ist das teuerste B-Picture aller Zeiten.
Auch die Story in diesem nostalgietrunke-
nen Bilderreigen bleibt bloßes Spiel mit dem
Zitat oder der Nachempfindung. Die Figuren
entwickeln deshalb nie so etwas wie ein
Eigeninteresse, so etwas wie Individualität.
Sie sind auch nie recht greifbar, ja, es ist fast
so, als hätten sie in diesen virtuellen Räumen
ihre Physis verloren und schwebten durch
ihre Geschichte hindurch wie die Figuren
eines abenteuerlichen Traums. In diesem
Traum herrscht das Prinzip der Steigerung,
und wenn Polly mit ihrer Fotokamera nur
noch ein Bild knipsen kann und immer wie-
der den Finger vom Auslöser nimmt, weil vor
ihrer Linse ja noch etwas Tolleres auftauchen
könnte, dann spiegelt sich darin das Prinzip
des ganzen Films wider.
Am Ende wird hier mit einer großen
Rakete und mit dem Weltuntergang gespielt,
allerdings auf sehr nostalgische Weise. Begon-
nen hat Kerry Conran mit diesem Spiel schon
vor dem 11. September 2001 – und er hat es
danach einfach weitergespielt. Mit einer gro-
ßen Sehnsucht nach den guten, alten, naiven
und fiktiven Zeiten. Aber wie schon in Frank
Capras alternativem Beinaheparadies Shan-
gri-La ist auch in der alternativen Zukunft
von Sky Captain und Co. manchmal zu spü-
ren, wie die Fluchtfantasie an ihren Rändern
Risse bekommt und heimlich verzweifelt.
Weil sie der realen Welt nämlich nur durch
den unbedingten Willen zur Regression ent-
kommen kann, durch ein Verschließen der
Augen und den Versuch, sich in andere
Welten zu träumen. Gegen diesen Versuch
ließe sich manches einwenden – aber man
kann auch wunderbar mitträumen.
Von morgen an im Ufa und im Metropol
Wie ein nachkolorierter Schwarzweißfilm: „Sky Captain and the World of Tomorrow“ ist eine Hommage an vergangene Zeiten.
Foto
Verleih
KULTUR IN KÜRZE
Die Redakteurin war verzweifelt. Für die ARD
drehte sie in Großbritannien einen Dokumen-
tarfilm über die Schriftstellerinnen Anne
Fine, Fay Weldon und Celia Fremlin. Nun
rannte sie in London von Buchladen zu Buch-
laden, aber sie fand in den Ladenregalen von
diesen Autorinnen nur ein Buch, nämlich das
zuletzt erschienene Werk. Die Redakteurin
wusste nicht, dass sie gerade die Auswirkung
der Aufhebung der Buchpreisbindung in
Großbritannien zu spüren bekam. Aus
Deutschland war sie gewohnt, dass gut sor-
tierte Buchgeschäfte alle Werke dieser Auto-
rinnen, deren deutsche Übersetzungen bei
Diogenes Bestseller sind, vorrätig halten oder
innerhalb von 24 Stunden beschaffen. In
London hatte sie kein Glück.
Dem allgemeinen Aberglauben folgend,
anonyme Märkte könnten die Versorgung
der Bevölkerung besser gewährleisten als
denkende Menschen, hob die Regierung Blair
1995 die Preisbindung für Bücher auf. Die
Versprechungen waren damals die gleichen,
wie sie die Deregulierer heute gebrauchen:
Die Produkte werden billiger und die Versor-
gung besser. Heute, fast zehn Jahre später,
können die Folgen besichtigt werden.
Entgegen den Ankündigungen fielen die
durchschnittlichen Buchpreise nach der Auf-
hebung der Preisbindung nicht, sondern stie-
gen um 7,5 Prozent. Der mittlere Taschen-
buchpreis stieg auf umgerechnet rund zehn
Euro und liegt damit über dem deutschen
Niveau. Drastisch im Preis gefallen sind je-
doch die Preise für die etwa achtzig Bücher,
die als Bestseller gelten. Um das Geschäft mit
diesen Bücher entbrannte sofort ein ruinöser
Wettbewerb. Ein aktueller Taschenbuchbest-
seller ist heute in London für umgerechnet
weniger als vier Euro zu haben.
Große Ladenketten wie W. H. Smith bie-
ten die fünfzig bestverkäuflichen Bücher mit
Rabatten von 25 Prozent, manchmal sogar
mit Nachlässen bis zu achtzig Prozent an. Bei
einem solchen Preisnachlass muss sich das
Buch jedoch neunmal so häufig verkaufen
wie zum normalen Ladenpreis, um Gewinn
zu erzielen. Dies schaffen die großen Buchket-
ten kaum, unabhängige Buchläden auf kei-
nen Fall. Kritiker vermuten hinter der Maß-
nahme der Blair-Regierung zu Recht weniger
die Sorge um die Versorgung der Bevölke-
rung als das Interesse der großen Verlage
und Buchhandelsketten, sich der mittleren
und kleineren Konkurrenz zu entledigen. Ih-
nen wurden mit der Aufgabe der Preisbin-
dung die „schnell drehenden“ Bücher aus
dem Sortiment gefegt. Viele mussten schlie-
ßen, der Marktanteil unabhängiger Buchlä-
den beträgt heute nur noch 13 Prozent.
Allerdings ging die Rechnung der Großen
im Buchgeschäft nur zum Teil auf: Zwar
konnten sie ihre kleineren Wettbewerber
verdrängen, aber nun trat mit der Lebensmit-
telkette Tesco ein neuer Akteur auf den Plan.
Tesco verkauft am Ausgang seiner Super-
märkte die aktuellen Bestseller und unterbie-
tet dabei im Preis sogar noch die großen drei
Buchhandelsketten W. H. Smith, Waterstone
und Ottakar’s. Das Buchgeschäft macht im
Gesamtumsatz der Supermarktkette nicht
einmal ein Prozent aus, aber es ist für sie ein
wichtiger zusätzlicher Kundenbringer. Vom
gesamten Buchmarkt haben die Supermärkte
„nur“ fünf Prozent abschöpfen können, aber
diese fünf Prozent sind eben das zentrale
Segment der Bestseller. Ohne Verkauf durch
die Supermärkte wird heute in England kein
Buch zum Bestseller.
Die Einzelhändler kennen ihre Markt-
macht genau und nutzen sie, um den Verla-
gen immer neue Rabatte, bessere Liefer- und
Zahlungskonditionen abzuverlangen. Diese
wiederum kontern mit Preissteigerungen für
die „normalen“ Bücher und mit einer weite-
ren Verschlechterung der Binde- und Druck-
qualität. Der deutsche Leser kennt bei den
Taschenbüchern kaum Qualitätsverlust ge-
genüber dem Hardcover. Die britischen Ta-
schenbücher sind jedoch so schlecht gebun-
den, dass sie häufig eine Zweitlektüre nicht
überstehen. Und das Papier ist von so einer
schlechten Qualität, dass es selbst für ge-
wisse körperhygienische Notwendigkeiten
nicht verwendet werden könnte.
Eine zusätzliche Folge dieser Entwicklung
ist die weitere Reduzierung lieferbarer Titel.
Während sich in Deutschland die Zahl der
lieferbaren Titel der Millionengrenze nähert,
ist die Zahl in Großbritannien auf 548 000
zusammengeschnurrt. Eine Verteuerung der
Bücher mit Ausnahme der Bestseller, eine
deutliche Reduktion der Buchvielfalt und
eine Verschlechterung der Buchqualität – das
sind die Folgen der Aufhebung der Preisbin-
dung in England. Es sind alles Lasten, die die
Leser nun zu tragen haben.
Wie schnell sich solche Zustände auch in
Deutschland ausbreiten könnten, konnte
man anlässlich der Auslieferung des letzten
Harry-Potter-Bandes beobachten. Bis die
deutsche Übersetzung vorlag, stürmte die
englischsprachige Ausgabe auf den ersten
Platz der deutschen Bestsellerliste. Dieses
Buch unterlag als Import nicht der deutschen
Buchpreisbindung. Sofort lag es für 14,90
Euro (und damit zehn Euro unter dem Listen-
preis) an den Kassen bei den Handelsketten –
als Motor für das eigentliche Geschäft.
INS NETZ GEGANGEN
Das Städtische Kunstmuseum im Spendhaus
Reutlingen erhält eine außergewöhnliche
Schenkung. Der Hamburger Peter Kemna
wird dem Haus seine Kunstsammlung über-
geben. Der 84-jährige Spender hat sich in
seiner Sammlung auf Holzschnitte des
20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert, die Kol-
lektion von 660 Blättern wird auf einen Wert
von einer Million Euro geschätzt.
„Ein absoluter Glücksfall“, sagt die Leite-
rin des Museums, Beate Thurow, zu der
Schenkung. Die Sammlung ergänze sich bes-
tens mit den Beständen des Hauses. „Es gibt
kein Blatt doppelt“, sagt sie. Außerdem be-
sitze Kemna Bereiche, die in Reutlingen ge-
fehlt hätten – wie die abstrakte Kunst. „Bei
Ernst Wilhelm Nay hatten wir bisher nichts
Vernünftiges.“ Auch mit einem hochkaräti-
gen Blatt von Paul Gauguin kann das Spend-
haus eine Lücke schließen.
Eine Schenkung in dieser Größenordnung
hat das Museum noch nie erhalten. Unge-
wöhnlich ist, dass Peter Kemna – im Gegen-
satz zu manchem Sammlerkollegen – keine
weiteren Forderungen stellt. Sein Wunsch ist
es, dass die Sammlung künftig mit seinem
Namen verbunden wird, dass sie professio-
nell betreut wird und vor allem, dass mit den
Blättern gearbeitet wird. Deshalb wollte er
seinen Besitz auch nicht an eines der großen
Kupferstichkabinette verschenken, sondern
hat sich bewusst für das kleinere Spendhaus
entschieden, das auf Holzschnitt spezialisiert
ist und derzeit 10 000 Blätter besitzt.
Vom 8. Juli nächsten Jahres an wird das
Kunstmuseum im Spendhaus nun eine große
Ausstellung mit der Sammlung Kemna prä-
sentieren. Danach werden die Blätter in den
eigenen Bestand eingereiht. Eine wissen-
schaftliche Aufarbeitung der 660 Holz-
schnitte ist nicht nötig. Kemna beschäftigt
seit zehn Jahren eine Kunsthistorikerin, die
seine Sammlung betreut. „Jedes Blatt ist
wissenschaftlich ausgesucht und dokumen-
tiert“, sagt Thurow, eben deshalb sei die
Kollektion auch „klug aufgebaut“.
Der Ingenieur Peter Kemna war in der
Baubranche tätig. Vor zwanzig Jahren zog er
sich aus dem Familienbetrieb zurück und
widmet sich seither der Kunst. Dabei hat er
nicht nur die Werke großer Künstler wie
Edvard Munch, Roy Lichtenstein, Max Pech-
stein und Pablo Picasso angekauft, sondern
nach der Wende auch viele Ateliers in Ost-
deutschland besucht und dortige Künstler
unterstützt.
Das Miniaturmodell hat ausgedient
Die Topographie des Terrors
Was wichtig wäre
Verzaubernder Retro-Look
Großzügiges
Geschenk
Sammlung Kemna in Reutlingen
Von Katja Bauer
Was in Deutschland gilt, fehlt den Briten: Die
Buchpreisbindung garantiert Vielfalt.
Foto
Joker
Zagrosek bei Mahnmal-Feier
Die Feiern zur Eröffnung des Holo-
caust-Mahnmals in Berlin beginnen
am Abend des 9. Mai 2005 mit einem
Festkonzert in der Philharmonie. Für
rund 2000 Gäste wird die Junge Deut-
sche Philharmonie unter Lothar Zagro-
sek spielen. Auf dem Programm stehen
unter anderem Schönbergs „Ein Überle-
bender aus Warschau“ und die Urauf-
führung von Rihms Requiem-„Bruch-
stücken“. Das Mahnmal soll am
10. Mai offiziell eröffnet werden. dpa
Ehrenrat für Schindhelm konstituiert
Im Streit um den künftigen Generaldi-
rektor der Berliner Opernstiftung ist
der von Kultursenator Thomas Flierl
(PDS) berufene Ehrenrat über die
Stasi-Kontakte des Basler Intendanten
Michael Schindhelm erstmals zusam-
men gekommen. Dem Gremium gehö-
ren die früheren DDR-Bürgerrechtler
Ulrike Poppe und Wolfgang Templin,
der Präsident des Berliner Abgeordne-
tenhauses, Walter Momper, sowie der
Schriftsteller Lutz Rathenow an.
Schindhelm war von Flierl für den
Posten des Generaldirektors vorge-
schlagen worden.
dpa
Die Zeche zahlen ausnahmsweise alle
Zehn Jahre freie Buchpreise in England – die Bilanz enttäuscht Leser, Buchhändler und Verlage
Schimmelspiele
Dass der Spieltrieb ein wichtiges Ele-
ment der Kunst ist, das kann man
anhand von Dieter Roths Werk viel-
leicht auch jenen nahe bringen, die mit
der Moderne sonst nicht so viel anfan-
gen können. Der in Hannover gebo-
rene Roth (1930–1998) war ein Tau-
sendsassa, Designer, Künstler, Musi-
ker, Fotograf. In New York hätte er
vielleicht Andy Warhol den Rang abge-
laufen, aber er zog es vor, in Island zu
arbeiten, fern vom Medienrummel.
Das unmittelbar Sinnliche war Roth
wichtig. Online lässt sich das leider
nicht vermitteln. Weder das Museum
of Modern Art mit dem Gewürzfenster
noch das Dieter-Roth-Museum in Ham-
burg mit seinem virtuellen Rundgang
durch eine enorme Schimmelinstalla-
tion können unsere Nase kitzeln. Aber
unsere Neugier durchaus.
tkl
www.dieter-roth-museum.de;
www.moma.org/exhibitions/2004/dieter-
roth
Zurück
nach
Shangri-La
Neu im Kino: „Sky Captain
and the World of Tomorrow“
Von Adrienne Braun
Von Wolfgang Schorlau
Von Rupert Koppold
29
Mittwoch, 17. November 2004
Stuttgarter Zeitung Nr. 267
KULTUR