Delikate Angelegenheiten von Krisenherden bis kulinarische Wonnen
Wolfgang Schorlau schreibt Krimis, die wie politische Alarmanlagen wirken

 

NACH GEHEIMEN EINSÄTZEN in Afghanistan kehrt der Berufssoldat Florian Singer schwer traumatisiert nach Deutschland zurück. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Dass die Ehefrau des Vermissten nicht nur verzweifelt, sondern

auch äußerst attraktiv ist, erleichtert dem Privatermittler Georg Dengler die Entscheidung, den Fall zu übernehmen.

Worauf er sich eingelassen hat, ahnt er erst, als ein rätselhafter Mord nach dem anderen geschieht. Dengler ist ebenfalls

in Lebensgefahr, denn er bewegt sich mitten auf einem internationalen Minenfeld, wo militärische und wirtschaftliche

Interessen eine unheilvolle Allianz bilden. Ein Thriller der Extraklasse: furios, fesselnd und ebenso erschütternd wie erkenntnisreich.

Wolfgang Schorlau:

„Brennende Kälte“

Kiepenheuer & Witsch,

7,95 €

 Hat brisante Entwicklungen im Visier: Wolfgang Schorlau

© Heike Schiller

Interview

Als Spezialist für brandaktuellen Zündstoff hat er sich längst einen Namen gemacht – als Kenner entdeckenswerter Stuttgarter Adressen für gepflegte Lebensart ebenfalls: Wolfgang Schorlau, einst Manager in der Computerbranche und seit einigen Jahren Schriftsteller mit unverkennbarem Profil, dem seine

Romane wichtige Auszeichnungen eingebracht haben. 2006 beispielsweise wurde er mit dem „Deutschen Krimipreis“ geehrt. Kein Wunder, denn kaum einer verbindet so gekonnt Hochspannung mit sorgfältig recherchierten Informationen über üble Machenschaften im politischen und wirtschaftlichen Bereich. Gänsehaut verursacht er auch durch „Brennende Kälte“, sein neues Buch aus der Reihe um den Ermittler Georg Dengler, einen Mann mit Rückgrat, der aber die Moral nicht gepachtet hat, sondern immer wieder darum ringen muss, einen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Der Sympathieträger hat viel mit seinem Erfinder Wolfgang Schorlau gemeinsam.

 

> In Ihren Kriminalromanen machen Sie den Lesern Ihre Heimatstadt Stuttgart – besonders das Bohnenviertel – so richtig schmackhaft, beispielsweise indem Sie das Flair bestimmter gastronomischer Perlen vermitteln. Warum sind diese lokalen Bezugspunkte literarisch so reizvoll für Sie?

< Schauplatz und Kriminalroman gehören zusammen. Der Schauplatz gibt der Geschichte Authentizität und den Figuren Heimat und Identität – und damit Glaubwürdigkeit. Denken Sie an Los Angeles und Philip Marlowe, Chicago und Vic Warshawski oder Kommissar Maigret und Paris. Ich habe die Schraube noch ein bisschen angezogen: In meinen Romanen gibt es bis auf eine Ausnahme keinen ausgedachten Schauplatz, alle sind auffindbar und manchmal sogar die Figuren, die  dort auftreten. So gibt es in Stuttgart nicht nur das „Basta“, sondern auch den kahlköpfigen Kellner, der Dengler das Glas mit dem Grauburgunder bringt.

> Trotz der vielen lokalen Bezüge verstehen Sie Ihre Bücher nicht als Regionalkrimis. Was spricht für Sie dagegen?

< Die Fälle, die Georg Dengler zu lösen und zu erleiden hat, sind nicht lokal verortet. Die Themen sind global.

> Wo würden Sie denn Ihre Bücher einordnen? Bei den Politthrillern?

< Ich kann meine Bücher nicht einordnen, ich glaube, dafür fehlt mir die Distanz. Für den Politthriller spricht, dass die  Dengler-Romane jedes Mal von einem zentralen politischen oder gesellschaftlichen Thema getragen werden und dass Verbrechen aufzuklären sind. Aber die Erzählweise widerspricht den Regeln des Thrillers. Dafür erlaube ich mir zu viele erzählerische Ausflüge, mal in die Musik, mal in die Atmosphäre einer Stadt, mal hier- und mal dorthin – je nachdem, was mir gerade so auf der Seele brennt.

> In Ihren Büchern packen Sie vorzugsweise heiße Eisen an, z.B. problematische Entwicklungen durch die Privatisierung der Trinkwasserversorgung in „Fremde Wasser“. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Autor?

< Meine Aufgabe als Autor ist es, spannende Geschichten zu schreiben. Und zwar erstens, zweitens und drittens. Doch bedenken Sie viertens meine privilegierte Situation. Ich kann mich ein Jahr lang mit einem frei gewählten Thema befassen. Das ist keinem Journalisten möglich und auch keinem Politiker. Und würden Sie diese wertvolle Lebenszeit an ein „kaltes Eisen“ oder ein nur ausgedachtes Verbrechen verschwenden?

> Ereignisse und Entwicklungen der deutschen und internationalen Geschichte und Gegenwart sind in jedem Ihrer Bücher der Ausgangspunkt, z.B. die Ermordung des Treuhand-Präsidenten Rohwedder in Ihrem Politthriller „Die blaue Liste“. In welchem Verhältnis stehen denn Realität und Fiktion in Ihren Werken?

< Einem Autor sollte natürlich möglichst etwas einfallen. Aber fast noch wichtiger ist, dass ihm etwas auffällt. Mir fällt meistens das auf, über das ich mich aufrege. Das war im ersten Dengler-Krimi die unverantwortliche, ruinöse Politik der Treuhand. Darüber kann man sich mit heißem Herzen empören. Aber dann folgt die zweite Phase, in der man mit kaltem Verstand Spannungsbögen legen, Handlungsabläufe festlegen, Figuren entwickeln muss – Handwerk eben.

 

> Auf Verbrecherjagd schicken Sie Georg Dengler. Wie Sie liebt er guten Wein und Blues-Musik, der Sie schon ein Buch gewidmet haben. Welche Gemeinsamkeiten gibt es eigentlich noch zwischen Ihnen und Ihrer Hauptfigur?

< Nun, bei dieser Frage bin ich etwas befangen. Ursprünglich konzipierte ich Dengler am Reißbrett. Nur bei Nebensächlichkeiten, dem Musikgeschmack zum Beispiel, gab ich ihm etwas von mir mit, aber auch nur, um den Rechercheaufwand zu minimieren. Doch merkwürdigerweise sagte mein Bruder, nachdem er „Die Blaue Liste“ gelesen hatte: „Mensch, der Dengler, das bist doch du.“ Das erstaunte mich sehr. Ich dichtete Dengler auch eine Vorliebe für badischen Grauburgunder an. Das führte dazu, dass mir automatisch in einigen Stuttgarter Lokalen Grauburgunder serviert wurde. Mittlerweile trinke ich ihn gerne, und ich habe mich damit abgefunden, dass unsere Charaktere ineinander überfließen.

> Dengler gab seine viel versprechende Karriere beim Bundeskriminalamt auf, als er erkannte, welche Grenzen der Gerechtigkeit gesetzt sind, der er nun als Privatermittler zur Geltung zu verhelfen versucht. Ein hoffnungsloser Fall von Naivität? Oder ein Idealist mit Vorbildfunktion? Held oder Anti-Held?

< Dengler leidet, wie die meisten von uns, an der Kluft zwischen dem Zustand der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie wir sie gerne hätten. Im BKA wurde dieser Widerspruch für ihn unerträglich. Deshalb ging er. Aber er versucht keineswegs, ein ausgedachtes Ideal zu verwirklichen. Er will seinen Auftrag erledigen. Er muss sehen, dass er über Wasser bleibt. Es sind die Fälle, die ihn dann zu einer Entscheidung zwingen. Gott und Olga sei Dank, dass er sich trotz innerer Anfeindungen letztlich dann doch für die anständige Variante entscheidet. Es fällt ihm selten leicht.

> In Ihrem neuen Buch „Brennende Kälte“ setzen Sie Dengler ziemlichen Anfechtungen

aus. Dem Privatermittler in notorischer Finanznot winkt ein lukrativer Auftrag, durch den er „ausgesorgt“ hätte, wenn er sich auf die Seite von Geldhaien schlüge. Warum muss er solche Gewissensqualen ausstehen?

< Um die Spannung zu erhöhen. Ich höre aus Ihrer Frage ein gewisses Mitleiden heraus. Das freut mich, denn dann habe ich meine Arbeit gut gemacht.

> Am Anfang seiner Karriere fühlte er sich heldenhaft wie ein Großwildjäger.

Und jetzt? Wie würden Sie sein gegenwärtiges Lebensgefühl beziehungsweise seine gegenwärtige Arbeitsauffassung beschreiben?

< Er ist abgeklärter geworden, oder er denkt, dass er es sei. Aber er ist dann doch immer  wieder überrascht, zu welcher Niedertracht der Mensch fähig ist. Ich glaube, man muss ihm anrechnen, dass er in all dem Sumpf von Verbrechen, in dem er watet und die oft auf höchster Ebene begangen wurden, immer noch seiner inneren Stimme folgt.

> Olga, Denglers Freundin, ist eine Top-Taschendiebin – die allerdings eine unbestechliche moralische Position vertritt. Man könnte sie für einen weiblichen Robin Hood halten. Welche Funktion bzw. welche Bedeutung hat sie für Sie?

< Olga hat vom ersten Roman an ein energisches Eigenleben entwickelt. Ursprünglich war sie als sidekick von Dengler geplant, als Hilfsfigur, die den Charakter von Dengler besser zum Ausdruck bringen sollte. Dem hat sie sich energisch widersetzt. Heute spielt sie eine nahezu gleichberechtigte Hauptrolle in all meinen Büchern. Wenn Dengler bereits aufgibt oder  verloren hat, dann läuft Olga zur Bestform auf. Sie ist einfach klasse.

> Die meisten der Romanfiguren, denen wir Leser in Ihren Büchern immer wieder begegnen, haben keinen geraden Lebenslauf, sondern Brüche in ihrer Biografie.

Was macht das so spannend für Sie? Warum sind Ihnen solche Gestalten sympathisch?

< Vielleicht, weil sie uns so ähnlich sind? Versuchen nicht die meisten von uns in einer irre gewordenen Welt, in der alles – auch Leben und Gesundheit – der Verzinsung des eingesetzten Kapitals unterworfen wird, irgendwie einen Kurs zu halten, den wir vor uns selbst vertreten können?

> Wie für Georg Denglers Freund Martin Klein war es Ihr Lebenstraum, Schriftsteller zu werden. Dafür gaben Sie sogar Ihren sicheren Job in der Computerbranche auf. Was veranlasste Sie dazu?

< Das Schreiben ist die befriedigendste Arbeit, die ich kenne.