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Stuttgarter Zeitung

13.06.2000

Seite   7

68 Zeilen

SUDW


Über den Toten haben alle geschwiegen

Mordermittlungen nach Skelettfund - Ist ein US-Bomberpilot von Bauern gelyncht worden?

BRUCHSAL. Seit Jahrzehnten wird in Bruchsal über einen Lynchmord in den letzten Kriegstagen geredet. Jetzt wurde ein Skelett gefunden, die Kriminalpolizei und US-Spezialisten ermitteln - aber die Mauer des Schweigens wird wahrscheinlich halten.

Von Wieland Schmid

Ein Mann hat sein Gewissen erleichtert. Vor 33 Jahren hat er mitgeholfen, hastig die Leiche eines Unbekannten erneut zu verscharren, die er und andere beim Bau einer Gartentreppe in einem Hanggrundstück zwischen Bruchsal und Ubstadt entdeckt hatten. Die Männer wollten nichts mit der Sache zu tun haben, weil sie schon damals an einen lange zurückliegenden Lynchmord dachten. Aber jetzt ist das Skelett wieder ausgegraben worden, und dieses Mal wird offiziell ermittelt: Nach Ansicht der Bruchsaler Kripo könnte es sich um die Überreste eines US-Bomberpiloten handeln, der hartnäckigen Gerüchten zufolge im März 1945 von einheimischen Bauern erschlagen und verscharrt worden ist.

"Mord verjährt nicht", begründet der Bruchsaler Kripochef Günter Brüstle die umfangreichen Maßnahmen zur Bergung des Toten in den vergangenen Tagen. Techniker der Bereitschaftspolizei säuberten die Fundstelle auf dem bereits seit 20 Jahren verwilderten Brachgrundstück am Rollenberg, Bundeswehrfeldjäger sicherten die Grabungsstelle. Neun Spezialisten der US-Dienststelle für die Bergung und Identifizierung von US-Soldaten in Europa kamen eigens aus Landstuhl angereist, um das Skelett zu bergen.

Vier Tage lang ist jeder Quadratzentimeter der Umgebung abgesucht und durch Siebe geschüttelt worden. Die Erbauer der Gartentreppe hatten den Toten Ende der sechziger Jahre bäuchlings in eine 40 Zentimeter tiefe Grube geworfen, zugeschaufelt und Stillschweigen vereinbart. Ob sie der Leiche auch noch die letzten Erkennungszeichen abgenommen haben, ist bisher nicht bekannt. Die US-Spezialisten haben jedenfalls vorerst nichts gefunden, was zur Identifizierung beitragen könnte. Das Skelett, bei dem Unterschenkel und Füße fehlen, wird jetzt von US-Gerichtsmedizinern untersucht.

Aber Peter Huber (46), Bruchsaler Journalist und Autor zweier Bücher über die Kriegszeit im Kraichgau, ist sich ziemlich sicher. Wenn es kein bisher unbekanntes Mordopfer sei, müsse es wohl jener US-Pilot sein, über dessen gewaltsamen Tod in Bruchsal seit Jahrzehnten hinter vorgehaltener Hand Gerüchte verbreitet werden. Mit Peter Huber an der Spitze sucht ein halbes Dutzend Hobbyhistoriker unter dem Namen "Bruchsaler Bergungsteam" seit 20 Jahren nach abgestürzten Kampfflugzeugen und ihren Piloten aus den Kriegstagen. 72 Maschinen haben sie gefunden, allein im Raum Bruchsal waren es 27 alliierte und 26 deutsche Flugzeuge.

1966 entdeckten sie unweit der jetzigen Skelettfundstelle auch die Trümmer eines Thunderbolt-Jagdbombers, dessen Pilot den Gerüchten zufolge im März 1945 einem Lynchmord zum Opfer gefallen war. Huber und seine Freunde haben die kargen Hinweise auf die damaligen Ereignisse zusammengetragen. Danach hatte der Jagdbomber die Bahnstrecke Bruchsal-Ubstadt sowie mehrere Bauern auf dem Feld angegriffen. Als die Maschine von einer Flak getroffen worden war, sprang der Pilot mit dem Fallschirm ab. Er wurde angeblich sofort von den Bauern erschlagen und verscharrt.

Lynchmorde dieser Art waren nicht ungewöhnlich in jenen Tagen. Laut Kripochef Brüstle gibt es einen "Parallelfall" in Bruchsal. Ein US-Pilot hatte ein Bauernfuhrwerk beschossen und dabei ein Kind getötet, bevor er abstürzte. Der Großvater des Kindes tötete seinerseits den Piloten und wurde dafür von den Amerikanern gehängt. Der Mann war nicht der einzige: Am Galgen im Bruchsaler Gefängnis starben nach dem Kriegsende 13 Deutsche aus ganz Süddeutschland, die von der 7. US-Armee für Morde an abgeschossenen Piloten verantwortlich gemacht worden waren. Bis heute werden in ganz Europa noch 44200 US-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg vermisst.

Ob auch der bisher unbekannte Tote vom Rollenberg einem Kriegsverbrechen zum Opfer gefallen ist, wird möglicherweise nie geklärt werden. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir die Täter noch finden", sagt Kripochef Brüstle, "von denen lebt wahrscheinlich niemand mehr." Außerdem sei es "vielen unangenehm, an alte Geschichten zu rühren und alte Wunden wieder aufzureißen". Trotzdem wird jetzt ermittelt und die Bruchsaler Bevölkerung um Hinweise gebeten. Vielleicht, so hofft man bei der Kripo, "bekennt ja wirklich noch jemand Farbe".

 


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