Der blonde Engel
Eine Georg-Dengler-Story
von Wolfgang Schorlau
1.
Spieltag:
Der Sieg ist fest eingeplant. Drei Punkte gegen den Aufsteiger
aus Duisburg. Aber nur in den ersten Minuten sieht es nach einem Sieg der
Stuttgarter aus. Bernhard Wiese, vom SC Freiburg zum VfB gekommen, tänzelt
durch die Duisburger Reihen, lässt Ahanfouf locker hinter sich, passt zu Cacau,
der sofort schießt. Kein besonders hart getretener Ball. Aber er wird
abgefälscht und bringt die Stuttgarter bereits in der 5. Minute in Führung.
Zehn Minuten später wechselt Trapattoni Wiese gegen Carevic aus. Nun scheint es
so, als habe seine Mannschaft die Lust am Spiel verloren. Die Duisburger
übernehmen die Kontrolle. In der 31. Minute gleicht Aziz Ahanfouf aus, nachdem
er Fernando Meira ziemlich alt aussehen lässt. Überraschend nimmt Trapattoni in
der 64. Minute auch Zvonimir Soldo aus dem Spiel. Als Cacau in der 68. Minute
wegen eines Fouls vom Platz fliegt, ist das Spiel entschieden. Es bleibt beim
1:1. Das Publikum ist irritiert. So hat man sich den neuen VfB unter dem
italienischen Erfolgstrainer nicht vorgestellt. Die Stuttgarter Presse sieht bestenfalls
„gute Ansätze“, doch der VfB-Manager Briem spricht „von einem klaren
Aufwärtstrend“ in der Mannschaft.
*
Georg Dengler beobachtet besorgt, wie der Mann sich auf den Sessel vor
seinem Schreibtisch fallen lässt. Die Federn jaulen empört auf und fügen sich
dann den 100 kg Lebendgewicht, die sie zusammen quetschten. Der Mann zieht aus
seinem Jackett ein riesiges Taschentuch, entfaltet es mit beiden Händen und
wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann steckt er umständlich das Tuch
wieder in die rechte Hosentasche und sieht Georg Dengler an.
„Sie wurden mir empfohlen“, sagt er.
Auf seiner Stirn bilden sich erneut Schweißtropfen, erst kleine,
doch Dengler kann ihnen beim Wachsen zusehen.
„Wir werden erpresst“, sagt der Mann.
Er beugt sich nach vorne, greift sich mit der rechten Hand an
die Gesäßtasche und versucht einen Geldbeutel herauszuziehen. Es gelingt ihm
nicht. Er lehnt sich weiter vor. Die Sitzfläche des Sessel schießt sofort nach
oben. Sie klatscht gegen seine Hose. Mit zwei Finger zieht der Mann die Börse
hervor und lässt sich wieder in den Sessel sinken. Die Federn seufzen erneut.
Der Dicke hat eine Visitenkarten herausgezogen und schiebt sie zu Dengler über
den Tisch.
Gregor Bordanovic – Spielerberater, liest Dengler.
„Wir werden erpresst“, wiederholt der Mann.
„Wer ist wir?“, fragt Dengler.
„Bernhard Wiese wird erpresst. Ich bin sein Manager.“
“Bernhard Wiese?“
“Sie verstehen wohl nichts von Fußball?“
“Nur wenig. Wer ist Bernhard Wiese?“
„Ein Spieler des VfB. Ein verdammt guter Spieler. Große Hoffnung.
Neu zum VfB gekommen. Vom Sportclub Freiburg. Er spielt jetzt in der Bundesliga.“
„Waren Sie schon bei der Polizei?“
„Keine Polizei. Dann haben wir sofort die Presse auf dem Hals.“
Dengler beobachtet, wie sich eine Schweißperle von der Stirn des Mannes
löst, erst langsam und unsicher, dann immer schneller abwärts gleitet. Zwischen
den Augenbrauen des Mannes hindurch, den linken Nasenflügel hinab, dabei größer
werdend.
Wie eine Lawine, denkt Dengler.
Dann erreicht sie die Oberlippe des Mannes und verlangsamt ihr
Tempo. Sie rutscht nun seitlich die Lippe entlang. Als sie den Mundwinkel
erreicht, schießt die Zunge des Dicken hervor und die Schweißperle ist
verschwunden.
Georg Dengler sieht ihn fasziniert an.
Gregor Bordanovic beugt sich nach vorne, erneut ächzt der Sessel
gequält auf.
„Wissen Sie, um wie viel der Junge durch diesen Wechsel im Wert
gestiegen ist?“
„Keine Ahnung.“
„Fünf Millionen. Er ist jetzt fünf Millionen mehr wert als in
der letzten Saison. Er muss jetzt spielen. Sein Preis wird weiter klettern,
wenn Trapattoni ihn aufstellt. Aber es darf keine Gerüchte geben.“
„Erzählen Sie mir von der Erpressung.“
Bordanovic zieht erneut das riesige Taschentuch hervor und reibt
sich damit Stirn, als wolle er sie polieren.
„Sie sind doch vertrauenswürdig?“
„Sicher.“
„Sie haben einen guten Ruf. Als Privatdetektiv, meine ich.“
Dengler schweigt.
Bordanovic steckt das Taschentuch in die Innentasche des
Jacketts, zieht stattdessen ein gefaltetes Papier heraus und wirft es auf die
Schreibtischplatte. Dengler nimmt es
und faltet es auseinander. Er hebt das Blatt gegen das Licht. Dunkle
Schweißflecken bilden sich auf dem Papier ab. In Großbuchstaben hat ein
Tintenstrahldrucker nur einen Satz hinterlassen: „500.000 Euro und niemand
erfährt dass du eine Schwuchtel bist.“
Dengler sieht den Mann verblüfft an.