„Fremde Wasser“ heißt der neue Krimi
von Wolfgang Schorlau. Am 23. Novem-
ber wird er in Stuttgart vorgestellt. Julia
Schröder hat sich mit dem Autor über
seinen Helden Georg Dengler, das Schrei-
ben, den Krimiboom und die kommunale
Wasserversorgung unterhalten.
„In diesem Krimi ist verdammt wenig
erfunden“: So wirbt der Verlag für „Fremde
Wasser“. Glauben Sie, der Satz ist eine gute
Reklame für einen Roman?
Ja. Weil der Roman sich auf einen realen
gesellschaftlichen Konflikt gründet. Und das,
glaube ich, interessiert die Leser.
Konservativere Lesergemüter hängen der
Theorie an, das Erfundene sei eine unab-
dingbare Eigenschaft von Literatur.
Das seh ich genau so.
Und es ist immer noch genügend Erfunde-
nes in diesem Roman?
Ja. Alle Figuren sind erfunden, die Geschichte
ist erfunden, der zu Grunde liegende Konflikt
ist real. Aber so ist es in der Literatur ja
meistens. Sonst kann es sein, dass das Buch
schnell langweilig wird.
Sie nennen wieder diverse Figuren der
Zeitgeschichte, aber auch Leute, die nicht
so berühmt sind, mit Namen. Haben Sie,
hat Ihr Verlag keine Angst, dass das juristi-
schen Ärger gibt? Kiepenheuer und Witsch
hat ja Erfahrung mit so etwas.
Ja, das ist wahr. Deshalb gehen über meine
Bücher die Lektoren sehr, sehr sorgfältig
drüber, und hin und wieder wird da auch ein
spezialisiertes Anwaltsbüro eingeschaltet.
In Ihrem dritten Krimi geht es nicht um
Ereignisse aus der Vergangenheit, es geht
um etwas sehr Aktuelles: die Privatisie-
rung der kommunalen Wasserversorgungs-
unternehmen. Das klingt zunächst nicht so
spannend wie die Machenschaften rund
um die Treuhand oder Lynchmorde an
alliierten Piloten während der Nazizeit.
Was hat Sie an dem Thema interessiert?
Wasser ist ein mythisches Wort. Ohne Was-
ser muss jedes Lebewesen innerhalb kurzer
Zeit sterben. Und die Frage, wie die Mensch-
heit Wasser organisiert, ist zentral für
menschliches Zusammenleben schlechthin.
Bisher klappt es in Deutschland ja ganz
gut, dass die Stadtwerke Trinkwasser zur
Verfügung stellen, das man tatsächlich
trinken kann. Daran wird sich unter Um-
ständen etwas ändern.
Um den Eigentumstitel am Wasser ist ein
scharfer Kampf entbrannt. Es gibt zwei Li-
nien: die Berliner und die Hamburger Linie.
Die Berliner Wasserversorgung ist weitge-
hend an ein Konsortium zweier Wasserkon-
zerne verkauft worden, sie funktioniert
schlecht, ist teuer, die Qualität des Wassers
sinkt, und die Preise steigen. In Hamburg hat
die Stadt die Wasserversorgung in ihrer
Hand behalten. Davon, wer diese Auseinan-
dersetzung gewinnt, ob Wasserversorgung
als staatliche Daseinsvorsorge organisiert
wird oder nicht, hängt ganzviel ab.
Privatisierung gilt aber doch als Patentre-
zept. Unternehmen können ihre Kunden
besser versorgen als die bräsigen Bürokra-
ten in der öffentlichen Verwaltung, heißt
es. Warum glauben Sie das nicht?
Die ersten Ergebnisse von Wasserprivatisie-
rung liegen ja bereits vor, und sie sind alle
schlecht. Man sieht es
nicht nur in Berlin. Die
Zahl der Beschäftig-
ten, aber auch die der
nach außen vergebe-
nen Aufträge wird we-
sentlich geringer. In
Kiel zum Beispiel hat
das zu großen Problemen in einer ohnehin
strukturschwachen Region geführt.
In London ist Thames Water dafür verant-
wortlich, dass, glaube ich, dreißig Prozent
des Wassers einfach versickern.
Es sind vierzig bis sechzig Prozent. Es ist für
das Unternehmen einfach billiger, Wasser
aus der Themse rauszufiltern, als die Rohre
zu sanieren. Diese Katastrophe wünsche ich
Deutschland nicht.
Glauben Sie, Sie können mit Ihrem Roman
zur politischen Willensbildung beitragen?
Also erst mal bin ich froh, wenn ich eine
spannende Geschichte geschrieben habe.
Wenn der Leser darüber hinaus noch ein
bisschen was lernt über das Thema, dann ist
es umso besser.
Gut, sprechen wir über das Literarische an
Ihrem Roman. Neben Georg Dengler, dem
Stuttgarter Privatermittler, treffen wir in
„Fremde Wasser“ wieder seine Freundin,
die schöne Extaschendiebin Olga, den ge-
treuen Nachbarn und Horoskoperfinder
Martin Klein, seinen Jugendfreund, den
Künstler und Koch Mario, die sich zwi-
schen Basta und Brenners im Bohnenvier-
tel herumdrücken. Helfen Ihnen diese „al-
ten Bekannten“ beim Schreiben?
Die Nebenfiguren helfen mir, die unterschied-
lichen Seiten der Hauptfigur zu charakterisie-
ren. Bei Olga zeigt Dengler sich manchmal
schwach, sie ist an manchen Punkten einfach
die stärkere Person. Gegenüber Martin Klein
ist er eher der Stärkere. So kann man die
Hauptfigur besser ausleuchten.
Woran liegt Ihnen mehr: an der Figur
Dengler und ihrer Entwicklung oder an
den brisanten Inhalten Ihrer Romane?
An beidem. Mich interessiert die Figur –
Georg Dengler, der sich in Stuttgart als eine
Art Ich-AG durchs Leben schlägt und sich von
Buch zu Buch entwickelt. Das braucht die
Geschichte, damit man dranbleibt. Aber
wenn der dahinter liegende Konflikt langwei-
lig ist, hilft auch die beste Figur nichts.
In Ihren Büchern versammeln sich sehr
unterschiedliche literarische Elemente:
konventionelle Erzählung wechselt mit Dia-
logszene, innerem Monolog oder Protokoll,
eine gewisse Vorliebe fürs popliterarische
Markenwesen fällt auf, es gibt Zitate aus
Filmen, kleine Gimmicks; in diesem Roman
hat etwa im Berliner Abgeordnetenhaus
ein Parlamentarier namens Keetenheuve
einen kurzen Gastauftritt – eine Verbeu-
gung vor Wolfgang Koeppens Roman „Das
Treibhaus“. Was sind Ihre Vorbilder?
Sagen wir so: wonach ich strebe, ist beispiels-
weise, eine Szene zu
schreiben, die so leicht
hingeworfen wirkt
wie die Eingangsszene
auf dem Friedhof in
Philip Roths „Jeder-
mann“. Diese schein-
bare Beiläufigkeit, das
finde ich ziemlich klasse. In diese Richtung
würde ich mich gern entwickeln.
Kennen Sie im Bereich des Kriminalromans
bestimmte Autoren, bei deren Arbeiten Sie
denken, „so möchte ich es auch haben“?
Nein. . . Unter den Krimiautoren fühle ich
mich ziemlich allein. Aber wenn, bin ich
verwandter mit schwedischen Kriminalauto-
ren als mit deutschen, bei den deutschen
vielleicht am ehesten mit Ulrich Ritzel.
Mir ist als Vergleichsgröße aus dem angel-
sächsischen Raum komischerweise eine
Frau eingefallen, nämlich Sara Paretsky,
die ja auch ziemlich viel Chicago in ihren
Krimis hat und immer ziemlich große
Dinger im Hintergrund.
Das ist ein Vergleich, der mir Freude macht.
A propos Chicago. Dengler ist Detektiv in
Stuttgart, das ist nicht zu übersehen. Die
Straßen, die Kneipen, die Geschäfte, die
Quartiere und Wohngegenden, alles ist
wiedererkennbar. Wieso ist das Lokalkolo-
rit so wichtig in Ihren Romanen?
Ich glaube, es ist eine große Stärke des
Kriminalromans, dass er den Schauplatz
liebt. Vielleicht mehr als jede andere literari-
sche Gattung. Ich bin, lange bevor ich in Los
Angeles war, mit Chandlers Romanen durch
die Stadt gefahren oder mit Simenon durch
Paris, und übrigens war ich auch mit Paret-
sky viel eher auf dem Lake Shore Drive
unterwegs, als ich da tatsächlich war. Das ist
eine literarische Tradition, und die Leser
mögen das. Ich selber mag’s ja auch.
Dabei besteht aber die Gefahr, dass man
bei Leuten, die viel Krimis lesen, damit in
der Schublade Regionalkrimi landet. Da
würden Sie sich nicht wohl fühlen, oder?
Da gehöre ich auch nicht hin. Der Dengler ist
in Stuttgart zwar beheimatet, aber seine Fälle
gehen weit über die Stadt hinaus.
Sie haben es angesprochen: Stuttgart gilt
nicht gerade als Hochburg des Verbrechens
und auch nicht als literarisch besonders
inspirierende Metropole. Mittlerweile le-
ben hier aber mindestens vier namhafte
Kriminalschriftsteller; neben Ihnen wären
das Uta-Maria Heim, Christine Lehman
und Heinrich Steinfest. So unterschiedlich
Anspruch und Machart von deren Roma-
nen sind, eins haben sie gemeinsam: sie
spielen in nicht unwesentlichen Teilen in
dieser Stadt. Ist Stuttgart auf dem Weg zur
Krimihochburg, nach dem Motto, „wir kön-
nen alles, außer anständig bleiben“?
Es wäre schön, wenn’s so wäre (lacht). Nein,
ich glaube, Stuttgart war schon immer eine
Krimihochburg. Zwar haben sich die beiden
„Altvorderen“ Felix Huby und Fred Breiners-
dorfer anderswohin aufgemacht, aber mittler-
weile gibt es hier eine erstaunliche Anzahl
von Kriminalautoren. Was es hier nicht gibt,
ist ein Krimifestival.
Wenn man sich allerdings das Programm
der Stuttgarter Buchwochen so anschaut,
könnte man fast den Eindruck bekommen,
es handele sich um ein Krimifestival. An
jedem zweiten Tag eine Krimilesung, eine
Kriminacht, ein schwäbisch-badischer Kri-
miabend, eine Thrillerpräsentation. Anzei-
chen eines neuen Krimibooms?
Ich habe mir sagen lassen, dass innerhalb des
Buchmarkts die Krimisparte die am schnells-
ten wachsende ist. Ich vermute, dass es keine
Kreisstadt in Deutschland gibt, die nicht über
einen eigenen fiktionalen Ermittler verfügt –
bis in die Dörfer. Wahrscheinlich ist das
Krimischreiben heute eine der breitesten
literarischen Bewegungen seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs.
Wie erklären Sie sich das?
Das liegt an den Vorteilen des Kriminalro-
mans. Der Kriminalroman verspricht am ehes-
ten das, was man von guter Literatur und
vom guten Leben erwartet, wie Isaac B.
Singer sagt: nämlich Spannung.
Der Titel des neuen Kriminalromans von
Wolfgang Schorlau mutet poetisch an:
„Fremde Wasser“. Aber sein Thema ist
hochaktuell: Es geht um die Methoden,
mit denen sich deutsche und internatio-
nale Versorgungsunternehmen den Zugriff
auf Wasserrechte sichern, es geht darum,
wie Lobbyisten Politiker beeinflussen.
„Fremde Wasser“ ist der dritte Krimi mit
dem in Stuttgart lebenden Privatdetektiv
Georg Dengler, den der ebenfalls in Stutt-
gart lebende Wolfgang Schorlau verfasst
hat. Das Buch wird während der Stuttgar-
ter Buchwochen im Literaturhaus vorge-
stellt (23. November, 20 Uhr). Der Autor
unterhält sich mit dem langjährigen Bun-
destagsabgeordneten Peter Conradi, dazu
spielt der Bluesmusiker Wolfgang Kallert
alias Coloured Wolfe.
StZ
Wolfgang Schorlau: Fremde Wasser. Kiwi
Paperback Nr. 964. 256 Seiten, 7,95 Euro.
INHALT
I
ch vermute, dass es keine Kreisstadt in
Deutschland gibt, die nicht über ihren
eigenen fiktionalen Ermittler verfügt –
das gilt bis in die Dörfer.
Wenn morgen Abend die 56. Stuttgarter
Buchwochen im Haus der Wirtschaft eröffnet
werden, wird einerseits alles sein wie jedes
Jahr: Es gibt rund 25 000 Bücher aus 350
Verlagen zu betrachten, zu bestaunen und
auf Weihnachtsgeschenktauglichkeit zu be-
gutachten (aber nicht zu kaufen), es steht ein
gut dreiwöchiges Programm von Lesungen,
Diskussionen, Buchpräsentationen bevor. So
kennen es die Besucher, so schätzen sie es.
Andererseits soll der heutige Eröffnungs-
abend sich von seinen Vorgängern deutlich
unterscheiden. Statt der naturgemäß immer
ein wenig abwechslungsarmen Kette der Re-
den und Grußworte soll es eine Art Bücher-
talk geben. Rainer Moritz, der Leiter des
Hamburger Literaturhauses, gebürtiger Heil-
bronner und als Autor immer wieder gern
gesehener Gast bei den Buchwochen, wird
die Runde – mit Bas Pauw vom Niederländi-
schen Literaturfonds, Staatssekretär Dietrich
Birk vom Kunstministerium und Konrad M.
Wittwer, dem Vorsitzenden des Börsenver-
eins in Baden-Württemberg – leiten.
Das Gastland der Stuttgarter Buchwo-
chen 2006 sind die Niederlande. Zwar fehlen
die literarischen Schwergewichte des Nach-
barlandes – Cees Nooteboom, Harry Mulisch,
Margrit de Moor, Jessica Durlacher oder Leon
de Winter sind, wenn überhaupt, nur in
Gestalt ihrer Bücher anwesend –, aber unter
den literarischen Gästen wäre die eine oder
andere Entdeckung durchaus lohnend, etwa
die des Kriminalautors Jac. Toes (Porträt auf
Seite II dieser Beilage). Hier zu Lande von
vielen gern gelesen ist Arnon Grünberg, der
seinen Roman „Gnadenfrist“ vorstellen wird.
Das Schwerpunktthema Geschichte hat
sich in diesem Jubiläumsjahr des Königreichs
Württemberg geradezu aufgedrängt, weshalb
der Akzent denn auch auf der Landeshistorie
liegt. „Grüß Gott, Herr König!“ ist eine Aus-
stellung mit Erinnerungsstücken aus dem
württembergischen Königshaus betitelt.
So etwas wie ein zweiter Schwerpunkt
dieser Buchwochen ist das Thema Kriminal-
roman. Spannende Abende werden den Besu-
chern neben den Stuttgartern – darunter
Uta-Maria Heim, Wolfgang Schorlau und
Heinrich Steinfest – etwa auch Friedrich Ani
oder Ulrich Ritzel bescheren. Ein Höhepunkt
der Buchwochen wird mit Sicherheit der
Auftritt des Schweden Hakan Nesser sein.
Ein fester Bestandteil der Stuttgarter
Buchwochen ist mittlerweile die Reihe
„Junge deutsche Literatur“, die in Koopera-
tion mit dem Stuttgarter Literaturhaus veran-
staltet wird. In diesem Jahr kommen unter
anderem Jakob Hein, Nora Bossong, Artur
Becker, Tobias Hülswitt, Steffen Kopetzky
und Martina Kieninger.
Ob der erhofft muntere Auftakt das wei-
tere Treiben im Haus der Wirtschaft prägen
kann, wird sich zeigen. Die Programmkom-
mission hat jedenfalls das Ihre dazu getan,
dass die Luft bei den Buchwochen nicht zu
trocken wird: „Flüssiges am Donnerstag“ soll
die Besucher locken – mit einer Verkostung
niederländischer Biere, mit einer Weinprobe
und mit einem Abend unter dem Motto
„ChoaXa – Schokolade und Wein“.
Stuttgarter Buchwochen. Haus der Wirt-
schaft, Willi-Bleicher-Str. 19. Bis 10. Dezem-
ber, geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr.
www.buchwochen.de
Wolfgang Schorlaus
„Fremde Wasser“
Welkom,
Nederlanders
Was uns erwartet bei den
Stuttgarter Buchwochen
„Stuttgart war schon immer eine Krimihochburg“
Wolfgang Schorlau stellt auf den Buchwochen seinen neuen Roman „Fremde Wasser“ vor
Spitzenqualität aus Holland
Der niederländische Kriminalschrift-
steller Jac. Toes hat früher mal Häuser
besetzt. Den ermittelnden Figuren sei-
ner Romane würde so etwas vermut-
lich nicht einfallen.
Seite
II
Es geht um die Wurst
Drei Männer, ein Thema: „Wurst“
heißt das appetitliche Gemeinschafts-
werk von Wiglaf Droste, Nikolaus Hei-
delbach und Vincent Klink.
Seite
III
Schwäbisch und weltoffen
Vor fünfzig Jahren hat Konrad Theiss
in Stuttgart seinen Verlag gegründet –
um Porträts von Städten im Land zu
veröffentlichen. Heute geht es bei
Theiss um Kultur in aller Welt.
Seite
IV
Literarische Kalender
In Oktavformat, für den Tisch und für
die Wand, zum Abreißen für jeden Tag,
zum Blättern, in Postkartenform: eine
Auswahl literarischer Kalender.
Seite
V
Für junge Leser
Ein Schwarzwalddorf und die mongoli-
sche Steppe: zwei Romane entführen
junge Leser in andere Zeiten und an-
dere Länder.
Seite
VI
Redaktion: Julia Schröder
Annette Pfeiffer (Kinderbuch)
Von Julia Schröder
Wolfgang Schorlau will vor allem eine spannende Geschichte schreiben: „Wenn der Leser außerdem noch etwas lernt, umso besser.“
Foto
Gottfried Stoppel
DAS
B
U
C
H
Beilage zu den Stuttgarter Buchwochen
Dienstag, 14. November 2006