Die Gesetze des weltweiten Handels las-
sen sich am Federvieh studieren. Das
Huhn wird, bevor es in den Handel
kommt, in seine Einzelteile zerlegt: für
den deutschen Konsumenten, aber auch
für Verbraucher weltweit. Die besten Stü-
cke, Brust und Schlegel, kommen in den
reichen Ländern auf den Tisch.
„Ich wollt ich wär ein Huhn, ich hätt nicht
viel zu tun. Ich legte vormittags ein Ei und
abends wär ich frei.“ So singen die Comedian
Harmonists in ihrem Welthit aus den zwanzi-
ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts,
und so ähnlich sieht auch heute noch unser
Bild vom Leben eines Huhns aus. Stellen wir
uns nicht immer noch die ländliche Idylle
früherer Zeiten vor, eine Schar gackernder
Hennen und mittendrin der Hahn auf dem
Misthaufen? Um noch einmal die Comedian
Harmonist zu Wort kommen zu lassen: „Ich
wollt ich wär ein Hahn, dann würde nichts
getan, ich legte überhaupt kein Ei, und wär
die ganze Woche frei.“
Natürlich wissen wir alle längst, dass es
mit dieser Idylle vorbei ist. Nicht nur die
Legebatterien haben uns eines Besseren be-
lehrt. Wer aufmerksam durch die Lebensmit-
telgeschäfte und Supermärkte geht, dem fällt
auf, dass in den Auslagen und Kühltheken
nur noch spezielle Teile des Hähnchens prä-
sentiert werden: Hühnerbrüste von erstaunli-
chem Ausmaß und auffallend große Schlegel.
Nur selten oder auf Nachfrage werden kom-
plette Hühner angeboten. Das Huhn wird,
schon bevor es in den Handel kommt, in
seine Einzelteile zerlegt. Die Strategie, die
dahintersteckt, ist banal: Die wohlhabenden
Europäer und Amerikaner verzehren die
Brüste oder sogar nur das Filetstück der
Brustkappe. Chinesen nehmen aus Gründen,
die nicht ganz leicht zu verstehen sind,
riesige Mengen von Hühnerfüßen ab. Es stellt
sich die Frage: Wer isst den Rest?
An diesem zunächst unbedeutend wirken-
den Detail unseres Ernährungssystems wird
deutlich, was für katastrophale Auswirkun-
gen die Globalisierung der Märkte auch auf
den Austausch von Lebensmitteln hat. Wer-
fen wir daher einen Blick nach Afrika: 1996
geschah in Kamerun etwas Überraschendes.
Die lokalen Märkte wurden plötzlich mit
gefrorenen Hühnerteilen aus Europa und den
USA überschwemmt. Es gab in dem westafri-
kanischen Staat bisher keinen Mangel an
Hühnerfleisch, die Bevölkerung versorgte
sich mit Hähnchen und Eiern entweder aus
eigener Haltung oder bezog beides von den
einheimischen Hühnerhaltern. Bis heute lau-
fen die Tiere üblicherweise auf den Höfen
frei herum und werden deshalb poulet bicy-
clette genannt, frei und mobil wie ein Fahr-
rad (französisch: bicyclette). Da aber auch in
Kamerun mittlerweile die Hälfte der Bevölke-
rung in Städten lebt, wurden zusätzlich Hüh-
nerfarmen gegründet.
Die veränderte Situation wird vom
ACDIC, der afrikanischen Partnerorganisation
des deutschen Evangelischen Entwicklungs-
dienstes (EED), so beschrieben: „Als hätten
die gefrorenen Hühner vor unserer Tür ge-
wartet.“ Dieses Zitat findet sich in der Studie
von Francisco Mari und Rudolf Buntzel über
das globale Huhn. Deren Zahlen belegen den
Eindruck des ACDIC: 1994 betrug der Import
gefrorenen Geflügelfleischs noch sechzig Ton-
nen. Zehn Jahre später waren es 24 000
Tonnen. Das entspricht einer Steigerung von
2300 Prozent. Kamerun wurde regelrecht mit
Hähnchenteilen überflutet. Anderen West-
und zentralafrikanischen Staaten erging es
ähnlich: Im Senegal stieg der Import um das
elffache, in Ghana um das achtfache. Aber
auch andere Staaten wie Gabun, Kongo, Togo,
Benin, Sierra Leone, Gambia und die Elfen-
beinküste wurden von gefrorenen Hähnchen-
teilen überschwemmt.
Das Fleisch stammte zum großen Teil aus
europäischen Schlachthäusern. Es handelt
sich dabei um die Teile des Huhns, die wir in
den Auslagen unserer Supermärkte nicht
mehr finden: sogenannte Hähnchenviertel,
bestehend aus Schlegel und Rückenanteil
sowie einem Flügel, aber auch Hälse, Bürzel
und Innereien fanden ihren Weg auf die
afrikanischen Märkte.
Das importierte Fleisch war billig – billi-
ger jedenfalls als die einheimischen lebenden
Hühner. Verarbeitet und gekocht sah man
dem Fleisch nicht mehr an, dass es eine lange
Reise hinter sich hatte. So wurde es vor allem
in den städtischen Garküchen am Straßen-
rand verwendet, in Restaurants mit Laufkund-
schaft, aber auch auf den Märkten.
Die Folgen der Importe waren und sind
für Kamerun ruinös. Der ACDIC spricht von
einer „nationalen ökonomischen und sozia-
len Katastrophe“. Es waren nicht nur die
Hühnerhalter, die pleitegingen. Allein die
Devisenverluste betrugen zuletzt sechzehn
Millionen Euro im Jahr. Dem Staat entgingen
über zehn Millionen Euro Steuereinnahmen.
Die Produzenten von Futtermittel, also vor
allem die Mais- und Sojabauern, verloren
Einkommen und Lebenschancen. Laut ACDIC
verschwanden mit jeder Tonne importiertem
Hähnchenfleisch fünf Arbeitsplätze in Afrika.
110 000 Arbeitsplätze seien allein 2003 in
Kamerun durch die importierten gefrorenen
Hähnchenteile verloren gegangen. Warum
aber sind die gefrorenen Hähnchenteile trotz
der langen Transportwege billiger als das
einheimische Kameruner Federvieh?
Mari und Buntzel zitieren in ihrer Arbeit
ein von der EU-Kommission in Auftrag gege-
benes Gutachten. Dessen Ergebnis lässt sich
auf eine einfache Formel bringen: Für die
Schlachtbetriebe ist der Export der Hähn-
chen-Nebenprodukte nach Afrika immer
noch billiger als deren Vernichtung. Früher
ging das nicht verkäufliche Fleisch in die
Tiermehlfabrik. Wegen der BSE-Er-
krankungen bei Rindern verbot
die EU aber generell die Verfütte-
rung von Tiermehl. Seither sind
die Fleischentsorgungskosten für
diese schwer absetzbaren Teile
erheblich gestiegen.
Aber es gibt noch ein zwei-
tes Problem für die afrikani-
schen Verbraucher: Fleisch be-
darf beim Transport einer ge-
schlossenen Kühlkette, die es
bei einer Temperatur von 18
Grad Minus frisch hält. In West-
afrika gibt es jedoch kein solches
Kühlsystem. Dort herrschen Tem-
peraturen von 35 Grad in der
Sonne bei einer Luftfeuchtigkeit
von 95 Prozent. Auf dem Weg vom
Hafen bis ins Landesinnere wird das
Fleisch oft auf Pritschenwagen trans-
portiert, bevor es wieder in eine Tief-
kühltruhe gelegt wird, manchmal
nicht einmal das. Geflügelfleisch ver-
dirbt in nicht-gefrorenem Zustand be-
reits nach wenigen Stunden. Es wundert
niemanden, dass unter diesen Umstän-
den gesundheitsgefährdende Bakterien
aller Art prächtig gedeihen. Ganze Hoch-
zeits- und Beerdigungsgesellschaften er-
krankten schon an dem importierten
Fleisch, das die Bevölkerung schon bald
auf den Namen poulet de la mort taufte,
Hähnchen des Todes.
Bis in die sechziger Jahre domi-
nierte auch in Europa die soge-
nannte Hinterhofhaltung. Hahn,
Hennen und Küken liefen frei
herum und suchten den größten
Teil ihres Futters selbst. Nur hin
und wieder erfolgte eine Zufüt-
terung mit Getreide. Sonst er-
forderte die Haltung wenig
Kapital und wenig Aufmerk-
samkeit. Der Schutz vor Füch-
sen, Mardern und Raubvögeln
schien das größte Problem die-
ser Art von Hühnerzucht zu
sein. Es entstanden unkontrol-
lierte Kreuzungen, sogenannte
Landrassen, die ausreichend
Fleisch und Eier hergaben.
Mit dieser Idylle war es
aber bald vorbei. Die hohe
Fruchtbarkeit und die kurzen Ge-
nerationsintervalle haben das
Huhn zu einem Objekt gezielter
Züchtungsanstrengungen ge-
macht und sind einer der
Gründe, warum sich
Hobbyzüchter
heute noch größ-
tenteils auf die-
ses Tier konzen-
trieren.
Ziel der
kommerziel-
len Züchtun-
gen waren die
Steigerung der
Eierzeugung
und die bessere
Mast. Da Rassen,
die schnell Fleisch
ansetzten, nicht
gleichzeitig viele Eier
legten, entstanden ge-
trennte Rassen für beide
Funktionen. Masthähnchen soll-
ten mit wenig Futterkosten in
kurzer Zeit möglichst viel Fleisch
ansetzen. Heute ist ein Hähnchen
nach etwa dreißig Tagen schlacht-
reif. Auch bei den Legehennen
wurde eine enorme Leistungssteigerung er-
zielt: dreihundert Eier pro Huhn und Jahr
sind keine Ausnahme mehr.
Ein wichtiges Zuchtziel ist es bis heute,
spezielle Fleischpartien des Tieres besonders
zu entwickeln – vor allem jene Partien, für
die sich ein hoher Preis erreichen lässt: die
Brustfilets. Deshalb kreuzte man asiatische
Kampfhähne, die stark ausgeprägte Brustmus-
keln haben, mit einheimischen Hennen und
züchtete dem Nachwuchs anschließend die
Aggressivität wieder ab.
Ergebnis all dieser Anstrengungen war
auf der ökonomischen Seite die Entstehung
großer Zuchtkonzerne – und mit ihnen das
Hybridhuhn, im Volksmund Turbohühnchen
genannt. Es entsteht dadurch, dass Eltern-
tiere zunächst in strenger Inzucht gehalten
und dann gekreuzt werden. Welche Linien
gemischt werden, ist das Betriebsgeheimnis
der Züchter. Es sind nur vier Konzerne
(Merck/Aventis, Tyson Foods, Hendrix/Nu-
treco und Aviagen), die sich den Weltmarkt
teilen. Aus ihren Fabriken stammen nahezu
alle Hühner, die wir heute
verzehren und deren Eier wir
essen. Täglich werden Aber-
millionen befruchtete
Eier und Eintagsküken
international ver-
schifft. Mari und Bunt-
zel zufolge verschifft
alleine die türkische
Firma Hastavuk,
Europas zweit-
größte Brüterei,
jährlich hundert
Millionen Küken in
alle Herren Länder.
2004 sind aus
Deutschland 4,8 Millio-
nen weibliche Zuchtküken
exportiert und 2,3 Millionen
importiert worden.
Die Legehybriden sind Hoch-
leistungshühner, die für Käfighal-
tung, optimale Legeleitung und Futter-
verwertung (niedrige Futterkosten pro Ei)
und gute Eierschalenqualität gezüchtet wer-
den. Nach einem Jahr Eierlegen im Akkord
sind die Tiere ausgezehrt und krankheitsan-
fällig und werden ersetzt. Sie gelten dann als
Abfall, werden Zusätze in Hunde- oder Kat-
zenfutter oder landen in Kamerun. Etwa 75
Millionen Legehühner ereilt jährlich dieses
Schicksal.
Die Masthühner leiden durch den hohen
Brustanteil an Kreislaufschwierigkeiten und
Gleichgewichtsstörungen. Die extreme Ver-
größerung der Muskelfasern der Hühner-
brüste verursacht Probleme bei der Sauer-
stoffversorgung, krankhafte Stoffwechselzu-
stände und somit am Ende auch eine min-
dere Fleischqualität.
Das „globale Huhn“ kann beispielhaft für
unseren gesamten Umgang mit Fleisch ste-
hen. Fleisch ist ein rares und deshalb auch
ein kostbares Nahrungsmittel. Das liegt
schon allein daran, dass eine große Menge an
Futterpflanzen zur Ernährung vergleichswei-
ser weniger Tiere notwendig ist. Alle frühe-
ren Hochkulturen kultivierten daher nur jene
Tiere, die nicht unmittelbar Ernährungskon-
kurrenten waren. So fressen Pferde, Rinder,
Ziegen und Schafe Gras, Stroh und Laub.
Hühner und Schweine hinge-
gen sind Allesfresser,
die sich ihr Futter
selbst suchen oder
auch mit Abfällen er-
nährt werden können.
Fleischkonsum war
in agrarischen Gesell-
schaften immer ein Pri-
vileg der oberen Klassen.
Allgemein galt bis vor kur-
zem: Je höher der Status,
desto edler das Stück Fleisch,
das dieser Person zusteht.
Auch innerhalb der Familien
gab es strenge Regeln, wie das
teure Fleisch verteilt wurde.
In meiner Jugend galt es
noch als selbstverständlich,
dass sich der Vater das schönste
Stück des Sonntagsbratens nahm, bevor die
Mutter das übrige Fleisch unter sich und den
Kindern verteilte.
Wahrscheinlich rührt aus dem Luxuskon-
sum der oberen Klassen der Mythos des
Fleisches: Fleisch gibt Kraft. Dieses Image ist
Unsinn, aber offensichtlich speist sich aus
ihm eine jener Legenden, die nicht totzukrie-
gen sind. So wie frühere Krieger annahmen,
dass mit dem Verzehr des Hirns des Gegners
dessen Klugheit auf ihn übergeht, so wird
heute immer noch angenommen, dass Mus-
kelfleisch mit Muskelkraft gleichzusetzen ist.
Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass
Fleisch früher wie heute eine Herrenspeise
ist: Männer konsumieren rund sechzig Pro-
zent mehr Fleisch als Frauen.
Als der Fleischpreis durch die industrielle
Produktion fiel, explodierte der Fleischkon-
sum. Er gilt heute insgesamt als zu hoch und
gesundheitsschädlich. Tierische Fette, Choles-
terin und Kohlenhydrate werden für eine
wachsende Zahl von Krankheitsbildern ver-
antwortlich gemacht. Die Deutsche Gesell-
schaft für Ernährung rät dazu, den Verbrauch
von Fleisch und Wurstwaren auf dreihundert
bis sechshundert Gramm in der Woche zu
reduzieren. Danach
müsste jeder von
uns seinen
Fleischkonsum
aus Vernunft-
gründen auf
die Hälfte ver-
ringern. Es
liegt wohl
am Mythos
des Fleisches,
dass diese Re-
duktion nicht
gelingt, obwohl
Umfragen bestäti-
gen, dass Fleisch die Liste
der „ungesündesten Lebensmittel“
seit langem anführt.
Das Beispiel „Huhn“ zeigt, dass wir mit
unserem täglichen Verhalten Einfluss neh-
men auf die Zustände dieser Welt. Es liegt an
uns, ob wir in Zukunft in der Lage sind,
Globalisierung auch als Herausforderung un-
serer Lebensrealität zu verstehen. Das hätte
Konsequenzen. In diesem Fall würde es be-
deuten: Ich reduziere meinen Fleischkonsum
und kaufe kein Fleisch im Supermarkt. Ich
kaufe keine Hühnereinzelteile mehr und
meide möglichst Geschäfte, die solche anbie-
ten. Stattdessen kaufe ich Eier und Geflügel
möglichst von ortsnahen Haltern, von denen
ich weiß, dass sie die Tiere artgerecht und
hofeigen halten. Ich finde solche Halter auf
den Wochenmärkten, in Bauernmärkten etc.
Die Kameruner Bevölkerung hat übrigens
durchgesetzt, dass der Import der gefrorenen
Hühner größtenteils gestoppt wird. Da haben
wir den Müll zurück!
Nicht am Stück wie dieses
Brathähnchen, sondern zerlegt
in seine Einzelteile kommt das
Huhn heute in den Welthandel.
Fotos
Stills Online, dpa
Der Turbogockel ist ein Geschöpf der Globalisierung
Die ganze Welt isst Huhn – Vier Konzerne beherrschen den Weltmarkt / Von Wolfgang Schorlau
Wolfgang Schorlau,
geboren 1951, ist Krimi-
autor. In seinen Roma-
nen ermittelt der Privat-
detektiv Dengler stets
im politischen Kontext.
Im neuesten Buch „Bren-
nende Kälte“ befasst
sich der Stuttgarter Au-
tor mit dem Schicksal
von Bundeswehrsolda-
ten in Afghanistan.
P
lötzlich rollt eine Importwelle
über Kamerun hinweg
D
ie Legehybriden produzieren
Eier im Akkord
W
ie wäre es mit einem Huhn
aus artgerechter Haltung?
Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung, Samstag, 18. April 2009
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DIE
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