Schade, dass man das nicht erleben darf

Ohne Träume können wir nicht leben: vom beinahe kindlichen Glück eines erwachsenen Geschichtenschreibers

Von Wolfgang Schorlau

Das Kind träumt den ganzen Tag. Ich spüre noch den Blick meiner Mutter. Die Stirn gerunzelt, stand sie an die Tür der Waschküche gelehnt und schaute mir beim Spielen zu. Sie musste zwei Buben großziehen; mein Vater starb, als ich sechs war, und er hinterließ uns nichts außer Sorgen und Erinnerungen. Sie war die erste befreite Frau in unserer Straße, selbstständig, patent und praktisch, vielleicht aus Überzeugung, vor allem aber notgedrungen.

Es muss sie wahnsinnig gemacht haben, dass sie ihrem jüngsten Sohn davon nichts vererbte. Mein älterer Bruder, heute ein Maler lebensfroher Bilder, war von ganz anderem Kaliber. Er pantschte mit drei Freunden in einem alten Wehrmachtskeller Schwarzpulver, und nur durch ein Wunder zerfetzte es ihn nicht, als einer von ihnen die Metalldose mit dem Pulver zulötete.

Ich dagegen saß in der Waschküche und legte auf dem Deckel einer alten Holzkiste sorgsam farbige Knöpfe aus. Sie verwandelten sich in Kurskreisel, Kompass, Borduhr und eine hölzerne Wäscheklammer in einen Steuerknüppel. Innerhalb weniger Minuten saß ich im Cockpit eines Düsenjets. Brehms Tierleben diente als Navigation, denn der Flug ging meist nach Afrika. Dort fing ich Tiere, vorzugsweise Löwen und Krokodile, flog zurück, und unter den argwöhnischen Blicken der Mutter ließ ich sie auf der Wiese hinter unserem Haus wieder frei.

Als ich die Traumreisen dem realen Schulweg vorzog, entschloss sich meine Mutter, mir das Träumen ein für alle Mal auszutreiben. Sie steckte mich in den Waisenhort der Bundesbahn, dem letzten Arbeitgeber meines Vaters. Diese Einrichtung lag in einer fremden Stadt an einem Bahndamm, weit genug vom Bahnhof entfernt, sodass die D-Züge bereits so schnell fuhren, dass der Lokführer nicht mehr unvermittelt abbremsen konnte, aber doch noch immer in der Stadt und daher zu Fuß oder mit dem Rad gut zu erreichen. Kurzum: ein Eldorado für Selbstmörder. Ich wunderte mich, an dem ersten Wochenende im Hort hielten einige hart Gesottene am Fenster Wache und riefen sofort die anderen herbei, als eine müde Gestalt den Bahndamm hinaufkletterte.

Heute tut mir der arme Teufel Leid, der an diesem schaurigen Sonntagnachmittag sein Leben ließ. Damals war er bis zur Nacht eine aufregende Unterbrechung eines unvorstellbar langweiligen Wochenendes in der Aufbewahrungsanstalt der Bundesbahn. In der Nacht jedoch setzte er meinen Tagträumen ein endgültiges Ende.

Nun, da ich mein Brot mit Schreiben verdiene, fühle ich mich der Kindertraumzeit wieder nahe. In der Vorbereitung setzt der Schreibprozess das Nachdenken über Plot, Spannungsbögen und Figurenentwicklung voraus. Skizzenhefte füllen sich. In ihnen erhalten Nebenfiguren Aussehen und Charakter, Schauplätze Raum und Form und Dialoge Spannung und Witz.

Doch wenn ich vor dem Computer sitze und die ersten Buchstaben auf dem Bildschirm flimmern, scheint es, als seien die Vorarbeiten vergessen. Ich versinke in der ausgedachten Geschichte wie in einem Traum, und der Ausgang ist ungewiss.

Tatsächlich "sehe" ich während des Schreibens den Ort, rieche seine Düfte oder seinen Gestank, höre Verkehrslärm oder Liebesgeflüster und empfinde Sympathie, Hass oder Argwohn gegen die auftretenden Personen. Ich träume den Fortgang der Geschichte, und manchmal bedauere ich, dass ich sie mitschreiben, gewissermaßen stenographieren muss. Häufig kann ich den Gedanken und Bildern nicht schnell genug folgen. Der erste Entwurf sieht daher löcherig aus wie ein überstrapazierter Putzlappen, Buchstaben und ganze Wörter fehlen, und das Korrekturprogramm überschwemmt den Bildschirm in einer Orgie aus Rot.

Dieses Träumen in der selbst ausgedachten Geschichte ist die beglückendste Erfahrung meines Autorendaseins. Ich erlebe den vorweggenommenen fiktionalen Traum, den ein Buch beim Leser erzeugt, vorausgesetzt, es ist gut geschrieben.

So kommt es, dass ich spätestens um neun Uhr ungeduldig werde. Obwohl ich gerne schlafe, zieht es mich an den Arbeits-tisch, ich klappe den Rechner auf, schreibe und erwache gegen Mittag.

Im Waisenhort funktionierte eine eigene Währung. Wir tauschten kleine Schachteln Chesterfield, die, so weit ich mich erinnere, sechs Zigaretten enthielten oder Wildwestheftchen des Bastei-Verlages, die damals an jedem Kiosk zu kaufen waren.

Peter, mein engster Kumpel, und ich besaßen leider weder das eine noch das andere, um an den Tauschgeschäften teilzunehmen. Deshalb verfielen wir der Idee, die Wildwestheftchen selbst zu schreiben und sie in den Tauschkreislauf einzuspeisen.

In linierten Schulheften fanden in unserer besten Schönschrift (die einzige Gelegenheit, bei der wir "schön" schrieben) Duelle auf der Mainstreet statt, wurden "rumpelnde Schlaglochsucher" genannte Postkutschen überfallen, und die üblichen Schurken ereilte ihr gerechtes Schicksal. Das Beste war: Es funktionierte. Für drei Pfennig pro Heft und Woche verliehen wir die Traktate, die ein gütiges Schicksal nicht in die heutige Zeit herüberretteten. Rechnen Sie selbst: Bei fünf bis sieben zirkulierenden Heften, na ja, schon damals war das Schriftstellerdasein hart.

Diese Geschichte weist auf Situationen im Leben eines Autors hin, in denen er unter keinen Umständen träumen sollte: Auf Lesungen trifft er Leser, die vielleicht sein Buch kaufen, Buchhändler, die es im Laden sichtbarer platzieren könnten. Im Verlag führt er interessante Gespräche über dramaturgische Fragen und vielleicht erbitterte über den nächsten Vorschuss. Er trifft sich mit Journalisten, telefoniert mit seiner Agentin, mit Redakteuren und Produzenten.

Auch Recherchen scheinen zum Träumen wenig geeignet. "Die Leute lesen gerne über Berufe. Keiner weiß warum, aber es stimmt", schreibt Steven King (Das Leben und das Schreiben). Er hat Recht. Und es macht eben so viel Spaß, andere Berufe zu erforschen wie darüber zu lesen.

Ein Werkzeugmacher, der auf einen Hundertstelmillimeter genau fräsen muss, erzählte mir, dass für ihn die Toleranzen wichtig seien. Die Zeichnung schreibt ihm ein Maß vor, aber sie räumt ihm eine Plus- oder Minus-Toleranz von einem oder zwei Zehnteln ein. Über diese Hundertstel kann er frei verfügen. Darüber denkt er lange nach: Wie ist es für das Werkzeug am besten, vergebe ich sie mehr im Plus- oder besser im Minusbereich. Insgeheim malt er sich aus, dass sein Werkzeug erst richtig durch seine umsichtige Vergabe der Toleranzen funktioniert.

Für "Sommer im Bosporus" suchte ich nach jemandem mit einem ganz normalen Beruf. Ich entschloss mich, einen 45-jährigen Mann zu erfinden und ihn zum Helden dieser Geschichte zu machen. Er kalkuliert in seinem Berufsleben Verpackungsmaschinen und erstellt aus den gewonnenen Zahlen Angebote an mögliche Kunden oder Interessenten. Ich lernte tatsächlich jemanden mit diesem Beruf kennen, und dieser Mann verriet mir seinen Traum: Er würde gerne eine Verpackungsmaschine erfinden, die es den Käufern von CDs leicht macht, die Plastik-hülle zu entfernen. Er habe es satt, mit Schere oder Autoschlüssel auf die CD einzuhacken und sie zu beschädigen.

Ich drücke dem Mann die Daumen. Es wäre eine sinnvolle Erfindung. Er beruhigte mich aber vielmehr in anderer Hinsicht. Das Träumen am helllichten Tage ist nichts, worüber sich meine Mutter hätte sorgen müssen. Ohne Träume können wir nicht leben.

Der Autor Wolfgang Schorlau lebt in Stuttgart, wie Georg Dengler, der Held seines ersten Romans "Die blaue Liste". Im Herbst wird sein Reiseroman "Sommer am Bosporus" erscheinen (wieder bei Kiepenheuer & Witsch). Am 22. April liest Schorlau in der Ludwigsburger Filmakademie, am 23. April in der Stuttgarter Buchhandlung Lindemann.

 

 

©2004 Stuttgarter Zeitung