Das Kind träumt den ganzen Tag. Ich spüre noch den Blick meiner Mutter.
Die Stirn gerunzelt, stand sie an die Tür der Waschküche gelehnt und schaute
mir beim Spielen zu. Sie musste zwei Buben großziehen; mein Vater starb, als
ich sechs war, und er hinterließ uns nichts außer Sorgen und Erinnerungen. Sie
war die erste befreite Frau in unserer Straße, selbstständig, patent und
praktisch, vielleicht aus Überzeugung, vor allem aber notgedrungen.
Es muss sie wahnsinnig gemacht haben, dass sie ihrem jüngsten Sohn davon
nichts vererbte. Mein älterer Bruder, heute ein Maler lebensfroher Bilder, war
von ganz anderem Kaliber. Er pantschte mit drei Freunden in einem alten
Wehrmachtskeller Schwarzpulver, und nur durch ein Wunder zerfetzte es ihn
nicht, als einer von ihnen die Metalldose mit dem Pulver zulötete.
Ich dagegen saß in der Waschküche und legte auf dem Deckel einer alten
Holzkiste sorgsam farbige Knöpfe aus. Sie verwandelten sich in Kurskreisel,
Kompass, Borduhr und eine hölzerne Wäscheklammer in einen Steuerknüppel.
Innerhalb weniger Minuten saß ich im Cockpit eines Düsenjets. Brehms Tierleben
diente als Navigation, denn der Flug ging meist nach Afrika. Dort fing ich
Tiere, vorzugsweise Löwen und Krokodile, flog zurück, und unter den
argwöhnischen Blicken der Mutter ließ ich sie auf der Wiese hinter unserem Haus
wieder frei.
Als ich die Traumreisen dem realen Schulweg vorzog, entschloss sich
meine Mutter, mir das Träumen ein für alle Mal auszutreiben. Sie steckte mich
in den Waisenhort der Bundesbahn, dem letzten Arbeitgeber meines Vaters. Diese
Einrichtung lag in einer fremden Stadt an einem Bahndamm, weit genug vom
Bahnhof entfernt, sodass die D-Züge bereits so schnell fuhren, dass der
Lokführer nicht mehr unvermittelt abbremsen konnte, aber doch noch immer in der
Stadt und daher zu Fuß oder mit dem Rad gut zu erreichen. Kurzum: ein Eldorado für
Selbstmörder. Ich wunderte mich, an dem ersten Wochenende im Hort hielten
einige hart Gesottene am Fenster Wache und riefen sofort die anderen herbei,
als eine müde Gestalt den Bahndamm hinaufkletterte.
Heute tut mir der arme Teufel Leid, der an diesem schaurigen
Sonntagnachmittag sein Leben ließ. Damals war er bis zur Nacht eine aufregende
Unterbrechung eines unvorstellbar langweiligen Wochenendes in der
Aufbewahrungsanstalt der Bundesbahn. In der Nacht jedoch setzte er meinen
Tagträumen ein endgültiges Ende.
Nun, da ich mein Brot mit Schreiben verdiene, fühle ich mich der
Kindertraumzeit wieder nahe. In der Vorbereitung setzt der Schreibprozess das
Nachdenken über Plot, Spannungsbögen und Figurenentwicklung voraus.
Skizzenhefte füllen sich. In ihnen erhalten Nebenfiguren Aussehen und
Charakter, Schauplätze Raum und Form und Dialoge Spannung und Witz.
Doch wenn ich vor dem Computer sitze und die ersten Buchstaben auf dem
Bildschirm flimmern, scheint es, als seien die Vorarbeiten vergessen. Ich
versinke in der ausgedachten Geschichte wie in einem Traum, und der Ausgang ist
ungewiss.
Tatsächlich "sehe" ich während des Schreibens den Ort, rieche
seine Düfte oder seinen Gestank, höre Verkehrslärm oder Liebesgeflüster und
empfinde Sympathie, Hass oder Argwohn gegen die auftretenden Personen. Ich
träume den Fortgang der Geschichte, und manchmal bedauere ich, dass ich sie
mitschreiben, gewissermaßen stenographieren muss. Häufig kann ich den Gedanken
und Bildern nicht schnell genug folgen. Der erste Entwurf sieht daher löcherig
aus wie ein überstrapazierter Putzlappen, Buchstaben und ganze Wörter fehlen,
und das Korrekturprogramm überschwemmt den Bildschirm in einer Orgie aus Rot.
Dieses Träumen in der selbst ausgedachten Geschichte ist die
beglückendste Erfahrung meines Autorendaseins. Ich erlebe den vorweggenommenen
fiktionalen Traum, den ein Buch beim Leser erzeugt, vorausgesetzt, es ist gut
geschrieben.
So kommt es, dass ich spätestens um neun Uhr ungeduldig werde. Obwohl
ich gerne schlafe, zieht es mich an den Arbeits-tisch, ich klappe den Rechner
auf, schreibe und erwache gegen Mittag.
Im Waisenhort funktionierte eine eigene Währung. Wir tauschten kleine
Schachteln Chesterfield, die, so weit ich mich erinnere, sechs Zigaretten
enthielten oder Wildwestheftchen des Bastei-Verlages, die damals an jedem Kiosk
zu kaufen waren.
Peter, mein engster Kumpel, und ich besaßen leider weder das eine noch
das andere, um an den Tauschgeschäften teilzunehmen. Deshalb verfielen wir der
Idee, die Wildwestheftchen selbst zu schreiben und sie in den Tauschkreislauf
einzuspeisen.
In linierten Schulheften fanden in unserer besten Schönschrift (die
einzige Gelegenheit, bei der wir "schön" schrieben) Duelle auf der
Mainstreet statt, wurden "rumpelnde Schlaglochsucher" genannte
Postkutschen überfallen, und die üblichen Schurken ereilte ihr gerechtes
Schicksal. Das Beste war: Es funktionierte. Für drei Pfennig pro Heft und Woche
verliehen wir die Traktate, die ein gütiges Schicksal nicht in die heutige Zeit
herüberretteten. Rechnen Sie selbst: Bei fünf bis sieben zirkulierenden Heften,
na ja, schon damals war das Schriftstellerdasein hart.
Diese Geschichte weist auf Situationen im Leben eines Autors hin, in
denen er unter keinen Umständen träumen sollte: Auf Lesungen trifft er Leser,
die vielleicht sein Buch kaufen, Buchhändler, die es im Laden sichtbarer
platzieren könnten. Im Verlag führt er interessante Gespräche über
dramaturgische Fragen und vielleicht erbitterte über den nächsten Vorschuss. Er
trifft sich mit Journalisten, telefoniert mit seiner Agentin, mit Redakteuren
und Produzenten.
Auch Recherchen scheinen zum Träumen wenig geeignet. "Die Leute
lesen gerne über Berufe. Keiner weiß warum, aber es stimmt", schreibt
Steven King (Das Leben und das Schreiben). Er hat Recht. Und es macht eben so
viel Spaß, andere Berufe zu erforschen wie darüber zu lesen.
Ein Werkzeugmacher, der auf einen Hundertstelmillimeter genau fräsen
muss, erzählte mir, dass für ihn die Toleranzen wichtig seien. Die Zeichnung
schreibt ihm ein Maß vor, aber sie räumt ihm eine Plus- oder Minus-Toleranz von
einem oder zwei Zehnteln ein. Über diese Hundertstel kann er frei verfügen.
Darüber denkt er lange nach: Wie ist es für das Werkzeug am besten, vergebe ich
sie mehr im Plus- oder besser im Minusbereich. Insgeheim malt er sich aus, dass
sein Werkzeug erst richtig durch seine umsichtige Vergabe der Toleranzen
funktioniert.
Für "Sommer im Bosporus" suchte ich nach jemandem mit einem
ganz normalen Beruf. Ich entschloss mich, einen 45-jährigen Mann zu erfinden
und ihn zum Helden dieser Geschichte zu machen. Er kalkuliert in seinem
Berufsleben Verpackungsmaschinen und erstellt aus den gewonnenen Zahlen
Angebote an mögliche Kunden oder Interessenten. Ich lernte tatsächlich jemanden
mit diesem Beruf kennen, und dieser Mann verriet mir seinen Traum: Er würde
gerne eine Verpackungsmaschine erfinden, die es den Käufern von CDs leicht
macht, die Plastik-hülle zu entfernen. Er habe es satt, mit Schere oder
Autoschlüssel auf die CD einzuhacken und sie zu beschädigen.
Ich drücke dem Mann die Daumen. Es wäre eine sinnvolle Erfindung. Er
beruhigte mich aber vielmehr in anderer Hinsicht. Das Träumen am helllichten
Tage ist nichts, worüber sich meine Mutter hätte sorgen müssen. Ohne Träume
können wir nicht leben.
Der Autor Wolfgang Schorlau lebt in Stuttgart, wie Georg Dengler, der
Held seines ersten Romans "Die blaue Liste". Im Herbst wird sein
Reiseroman "Sommer am Bosporus" erscheinen (wieder bei Kiepenheuer
& Witsch). Am 22. April liest Schorlau in der Ludwigsburger Filmakademie,
am 23. April in der Stuttgarter Buchhandlung Lindemann.
©2004 Stuttgarter
Zeitung