Bei den Zeus-Festspielen in Olympia erhielt
der Sieger, notabene einzig der Erste, einen
Zweig vom heiligen Ölbaum, bei den Apol-
lon-Festspielen in Delphi, dem zweit-
wichtigsten Sportfestival der klassischen
griechischen Zeit, einen Lorbeerzweig.
Heute gibt es bei den Olympischen Spielen
statt der frisch geschnittenen grünen
Zweige prägefrische goldene, silberne und
bronzene Medaillen, und bei den Fußball-
meisterschaften, sei’s der Welt-, sei’s nun
der Europameisterschaft, stets einen silber-
glänzenden Pokal.
Da sehen wir im Fernsehen, wie der
Kapitän der Sieger die prächtige Trophäe
küsst und mit beiden Händen hoch empor-
hält, und da stellen wir uns vor, wie dieser
Pokal nachher, randvoll mit perlendem
Champagner gefüllt, im Mannschaftsquar-
tier reihum geht. Wer sich nur ganz von
fern an sein amo, amas, amat erinnert,
denkt da an ein lateinisches poculum, „Trink-
gefäß, Becher“, und ein studentisches „poku-
lieren“, „bechern“, und damit hätten wir
unseren „Pokal“ als einen kolossalen „Trink-
becher“ schon so gut wie im Netz.
Aber da schwenkt der Linienrichter auf-
geregt sein bunt kariertes Fähnchen; statt
ins Tor haben wir den Ball weit hinaus ins
Aus geschossen, und mit dem fröhlichen
„Pokulieren“ hat es fürs Erste ein Ende.
Dafür gibt es einen überraschenden Ein-
wurf, und statt jenes lateinischen poculum
kommt jetzt eine griechische baúkalis ins
Spiel, ein bronzenes oder später auch töner-
nes Kühlgefäß mit engem Hals, wie die
Alten es mit Eis oder Eiswasser gefüllt im
Weinkessel schwimmen ließen. Und nun
zeigt die Rückblende im Zeitraffer einen
typischen Euro-Ballwechsel, bei dem dieser
alte Weinkühler eine Delle nach der ande-
ren abbekommt: Das Griechische spielt die
exotische, ursprünglich vielleicht ägypti-
sche baúkalis wie tausend andere Bälle dem
Lateinischen zu; das Lateinische gibt sie ans
Italienische ab; das Italienische macht aus
der lateinischen baucalis einen fortan männ-
lichen boccale und liefert dem Französi-
schen quer über das große Euro-Spielfeld
eine himmelhohe Steilvorlage; das Französi-
sche verpasst dem italienischen Wort noch
einmal zwei Dellen und köpft es so, als
bocal, kurzerhand oder vielmehr langen Hal-
ses über den Rhein ins Deutsche hinüber.
Spätestens bei dem boccale hat der Ita-
lienreisende vielleicht an eine saftige Saltim-
bocca oder die steinerne Bocca della verità
in Rom gedacht. Aber da sehen wir den
etymologischen Linienrichter schon wieder
warnend sein rotgelb gewürfeltes Fähnchen
erheben. Bei diesem boccale war zwar aus
dem römischen Eisgefäß längst ein kühlen-
des Weinkrüglein geworden, das man wohl
auch zum Munde führen könnte; aber die
italienische bocca und die französische bou-
che, „Mund“, haben damit nicht das Ge-
ringste zu schaffen. Sie gehen in Wirklich-
keit vielmehr auf eine lateinische bucca mit
der Bedeutung „(aufgeblasene) Backe,
Mundvoll, Mund“, zurück.
Inzwischen hat sich das vorhin so weit
ins Aus geschossene poculum wiedergefun-
den, und das gerade zur rechten Zeit. Es war
wohl der verführerische Anklang an das
lateinische potare, „trinken“, und das davon
abgeleitete poculum, „Trinkgefäss, Trinkbe-
cher“, das den weichen Lippenlaut des alten
griechischen baúkalis am Ende zu einem
harten „P“, den stumm gewordenen franzö-
sischen bocal zu einem sprechenden „Po-
kal“, einem prächtigen „Trinkgefäß“, abge-
fälscht hat. So konnte man sich bei dem
fremden Wort doch wieder etwas denken.
Finten über Finten, hier in der Sprache
wie dort auf dem Rasen: Auch der germani-
sche „Ball“, dieser prall gestopfte Leder-„Bal-
len“, der da in hohem Bogen durch die Luft
fliegt, hat ja nichts zu tun mit der grie-
chischen „Ballistik“, die ebendiesen Parabel-
bogen berechnet. Und wenn dann ein Tor
„fällt“, fällt ja keineswegs das standfeste Tor
mit Pfosten und Latte auf den Rücken oder
auf die Seite, sondern vielmehr der Würfel
des Fußballglücks, der Fortuna Pedipila, je
nachdem auf die Eins oder auf die Sechs.
AUF DEUTSCH
Pokal
Würde Amerika im Namen der Demokratie
jeweils seine geballte kreative Kraft ins Feld
schicken anstatt seiner Armee, bestünde das
einzige Publikum für den Geifereifer von
fundamental verwirrten Giftpilzen und ideo-
logischen Bodybuildern in einem Häuflein
von Voodoopuppen. Wie eine soeben veröf-
fentlichte Untersuchung des staatlichen Pro-
gramms zur Kunstförderung, des National
Endowment for the Arts (NEA) ergeben hat,
gibt es in den Vereinigten Staaten nämlich
fast so viele professionelle Künstler wie Krie-
ger. Man stelle sich vor: zwei Millionen mit
Leinwänden, Bassgitarren, Steppschuhen und
Manuskripten ausgerüstete Amerikaner vor
den Toren Teherans – was für ein schauerli-
cher Anblick! Oder: kein Raketenabwehrsys-
tem, sondern zwei Millionen Jeff Koons und
Daniel Libeskinds und Britney Spears und
John Grishams werden in Polen und Tsche-
chien stationiert – was wollte man da noch
anderes abwehren als Kultur-Groupies und
kreischende Fans?
Erklärtes Ziel der NEA-Studie war, ein
Porträt des amerikanischen Künstlers im 21.
Jahrhundert zu erstellen. Wie viel verdienen
hier produktive Schöngeister durchschnitt-
lich pro Jahr? 34 800 Dollar. Mehr als der
weniger schöpferisch veranlagte Durch-
schnittsamerikaner mit seinen 30 100 Dollar.
Welche Kunstform erfreut sich der größten
Beliebtheit? Die des Designs, gefolgt von den
darstellenden Künsten, den bildenen Küns-
ten und der Architektur. Wo leben die meis-
ten Kulturbereicherer? In den Staaten New
York und Kalifornien. Dafür darf sich, anders
gezählt, Hawaii der meisten Fotografen, Ne-
vada der meisten Tänzer und Entertainer und
Tennessee der meisten Musiker rühmen.
Zahlen sind eine tolle Sache, besonders in
den USA. Deshalb noch eine Zahl: 70 Milliar-
den Dollar. So viel beträgt die potenzielle
Kaufkraft von Amerikas Künstlern – ganz
abgesehen vom Prestige- und dem durchaus
materiellen Gewinn, den die künstlerischen
Produkte ihrerseits für die Heimat abwerfen.
Darauf weist Dana Gioia, der Vorsitzende des
NEA, nachdrücklich hin. Kein Wunder, denn
ihm obliegt neben dem noblen Ausschütten
von Fördergeldern der Kampf um eben diese
Fördergelder. Etwas über 100 Millionen Dol-
lar stehen dem NEA jährlich zur Verfügung
für Projekte wie „Access to Artistic Excel-
lence II“, „American Folk Art Infrastructure“
oder „American Masterpieces: Choral Music“.
Seht her, sagt also Dana Gioia leicht paraphra-
siert im Vorwort des NEA-Reports, Künstler
sind keine verblasenen Fantasten, keine rand-
ständigen Parasiten. Sie bilden im Gegenteil
einen ökonomischen Faktor, den es unbe-
dingt zu berücksichtigen gilt.
Generelles Einverständnis und vereinzelt Kri-
tik hat es in der jüngsten nichtöffentlichen
Sitzung des Bundestagskulturausschusses
zum Gedenkstättenkonzept von Kulturstaats-
minister Bernd Neumann (CDU) gegeben.
Wie der Bundestagspressedienst gestern be-
richtete, haben sich alle Fraktionen dafür
ausgesprochen, das Thema im Plenum des
Bundestags zu debattieren. Die Unionsfrak-
tion kündigte gestern einen Entschließungs-
antrag der Koalition an. Hervorgehoben wur-
den der Erhalt und die Sanierung von Gedenk-
stätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen
und an die DDR-Diktatur. Die Grünen und die
Linksfraktion bemängelten hingegen die ih-
rer Ansicht nach geringe Rolle von Bürgeren-
gagement im Konzept.
dpa
Der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang
Schorlau ist gerade aus Chicago zurückge-
kehrt. Der Liebhaber amerikanischer Un-
terhaltungsmusik hat beim Bluesfestival
dort beobachtet, dass nur noch Weiße die
Musik hören, die als Urmutter nahezu der
gesamten Unterhaltungsmusik taugt.
Chicago, Grant Park. Es ist heiß. Es ist der
letzte Abend des Bluesfestivals. Siebzigtau-
send Menschen warten, teils eng zusammen
stehend, auf B. B. King, den großen alten
Mann des Blues.
Vor der imponierenden Kulisse einiger
der höchsten Wolkenkratzer der Welt spie-
len wie jedes Jahr im Juni auf sechs Bühnen
vier Tage lang von mittags bis abends um
zehn einige Hundertschaften Musiker den
Blues. Und danach geht's weiter in den zahl-
reichen Clubs der Stadt. Der Eintritt ist frei,
die Sonne scheint, und so schiebt sich eine
unübersehbare Menge an den Ständen mit
Blues-T-Shirts, Blues-Baseball-Mützen,
Cheeseburger und Budweiser-Ständen vor-
bei. Das Bluesfest in Chicago ist immer auch
ein Volksfest. Zum 25. Mal jährt sich das
Festival, und mit Johnny Winter, Koko Taylor
und B. B. King gönnt es uns ein außergewöhn-
lich hochwertiges Line-up.
Der Blues ist in die Jahre gekommen, kein
Zweifel. Man kann es an den Protagonisten
des diesjährigen Festivals ablesen: Johnny
Winter wird von zwei Helfern zur Bühne
geführt, ihm scheint das Gehen schwerzufal-
len, und er spielt im Sitzen. Aber sobald er
die Gitarre in der Hand hält, ist er der Alte:
Er spielt genauso schnell (und laut) wie eh
und jeh. Koko Taylor, die Grand Madame des
Blues, wird während des Konzerts von einer
Pflegerin genötigt, Wasser zu trinken. Doch
sobald sie singt, begeistert sie von einer
Sekunde auf die andere Tausende in der
riesigen Petrillo Music Shell.
Auch der große B. B. King, der das Ab-
schlusskonzert bestreitet, muss aus Krank-
heitsgründen im Sitzen spielen. Aber er gibt
nicht nur ein einzigartiges Konzert, er zele-
briert eine Bluesmesse. Stehend applaudie-
ren ihm, dem die Musikgeschichte den lang-
gezogenen, den „gerittenen“ Gitarrenton ver-
dankt, sechzigtausend dicht gedrängt ste-
hende Menschen. Ohne ihn sähe die Popge-
schichte anders aus, ohne ihn gäbe es keinen
Eric Clapton und auch keinen Mark Knopfler.
Das diesjährige Festival ist politischer als
alle anderen zuvor: B. B. King spielt nur kurz
mit Obamas Slogan: „Yes, we can!“ und
wieder applaudieren Zehntausende. Alle ver-
stehen. Fast alle Musiker verabschieden ihr
Publikum mit „Don’t forget to vote.“ Ich
wollte meinem Sohn eine Obama-Mütze mit-
bringen. Doch sobald eine neue Lieferung
eintrifft, sind die Mützen in Kürze ausver-
kauft. Kein Zweifel, Chicago ist (wie alle
großen Städte mit Ausnahme der texani-
schen) Obama-Land, und B. B. King bringt es
zum Ausdruck. Bis in die konservativsten
Kreise hinein, erzählte mir ein Freund, der es
wissen muss, schämt man sich des derzeiti-
gen Präsidenten.
Zwei Dinge fallen mir auf. Erstens: Das
Publikum des Festivals ist fast ausschließlich
weiß. Ich zähle nach, mache Stichproben:
Selbst bei den Konzerten von Koko Taylor
und B. B. King liegt der Anteil der schwarzen
Besucher deutlich unter fünf Prozent. Das
gleiche Bild gibt es seit Jahren in den Clubs.
Eine Weile habe ich mir eingeredet, dass das
mit den Eintrittspreisen zusammenhinge.
Aber das Bluesfestival kostet keinen Eintritt.
Ich kann es nicht länger leugnen: Der Blues,
diese einst originär schwarze Musik, wird
heute von den Schwarzen gemieden. Wahr-
scheinlich hat diese Entwicklung zu einer
Musik für weiße Zuhörer schon sehr früh
begonnen. Ich erinnere mich an ein Gespräch
mit Scott Cameron, den langjährigen Mana-
ger von Muddy Waters und Buddy Guy.
Muddy und ich haben uns immer gewundert,
sagte er, wenn wir nach Europa flogen. Dann
spielten wir in Hallen vor fünf- oder sechstau-
send Zuschauern, aber in Chicago kamen nur
achtzig oder neunzig. Vor einiger Zeit hatte
ich Gelegenheit, Buddy Guy zu diesem Phäno-
men zu befragen, und es zeigte sich, dass sich
auch der beste Bluesmusiker es nicht erklä-
ren kann. Wenn du dieses Rätsel gelöst hast,
sagt er lachend, schreib ein Buch darüber,
aber vergiss nicht, es mir vorbeizubringen.
Zweitens: So sehr sich auch das Publikum
gewandelt hat, so notwendig ist es doch, dass
Schwarze diese Musik spielen. Die leidige
Frage, ob ein Weißer den Blues spielen
könne, ist geklärt – sie können. Aber es klingt
anders. Weißer Blues klingt sauberer, steri-
ler, braver. Das gilt für die besten weißen
Gitarristen. Selbst Eric Clapton gelingt dieser
satte, schmutzige Ton nicht, auch wenn er
sich ( wie auf „Me and Mr. Johnson“ oder
„From the Cradle“) noch so sehr anstrengt.
Erst recht merkt man es, wenn sie den Mund
aufmachen. Zuletzt war dies zu betrachten in
dem Stones-Film „Shine a Light“ von Martin
Scorsese bei dem Gastauftritt von Buddy
Guy. Er sang mit Mick Jagger den Muddy-Wa-
ters-Titel „Champagne and Reefer“, und Jag-
gers Stimme klang, mit Verlaub, vergleichs-
weise sehr dünn.
Chicago Southside. Szenenwechsel. Wir
suchen einen bestimmten Club, tief unten im
Süden der Stadt, im schwarzen Ghetto. Zwei-
mal verfahren wir uns, einmal stöbern wir
ein Waschbärpärchen bei der routinemäßi-
gen Inspektion der Abfallkörbe auf, einmal
einige Gestalten, über deren Geschäfte ich
lieber nichts Genaues wissen möchte. Billy
Branch, einer der weltbesten Mundharmoni-
kaspieler, tritt neuerdings immer Montags
mit seiner Band im Artis’s auf, einer typi-
schen Nachbarschaftsbar, praktischerweise
direkt an einem großen Parkplatz gelegen,
eng, dunkel, im Zentrum eine kreisförmige
Bar, um die herum die Menschen stehen. Es
ist etwa so, als würde Sir Simon Rattle ein
Kammerorchester in einer Heslacher Bier-
schwemme dirigieren. Die Besucher lassen
sich nicht stören, sie reden lachen, trinken
und treffen Verabredungen für die Nacht. Hin
und wieder tanzen sie; kurz: die Atmosphäre
ist großartig. Die wunderbare Kathrin Davis
schaut auf zwei Songs herein. An der Bar
steht der missmutige Magic Slim und trinkt
Bier. Zwei Tage später wird er B. B. Kings
Konzert eröffnen. Als dann noch einige Mit-
glieder von Buddy Guys Band mitjammen, ist
die Stimmung nicht mehr zu toppen. In
dieser Kneipe ist sie noch anzutreffen: die
Seele des Blues.
Mich erinnert diese Musik an eine alte
schwarze Lady, der man nachsagt, sie habe
ihr besten Tage hinter sich. Wahrscheinlich
stimmt das. Aber sie hat in ihrem Leben
einiges geleistet. Sie hat mehrmals die Musik-
geschichte revolutioniert. Sie hat die Gitarre,
Bass und Mundharmonika elektrifiziert. Sie
hat eine Reihe von stolzen Kindern in die
Welt gesetzt, die ihrerseits neue Sippen ge-
gründet haben: den Jazz, den Rock ’n’ Roll,
den Soul, den Gospel, den Funk, auch der
Hip-Hop, mittlerweile auch nicht mehr jung,
stammt aus der nächsten Verwandtschaft.
Darf diese verdienstvolle Lady nicht die Tage
in Ruhe genießen, die ihr noch bleiben?
Anderseits dies: Vor einigen Wochen gab es
in der Southside ein Festival für afrikanische
Musik. Und wie im Bluesfestival die Weißen,
waren dort die Schwarzen fast unter sich.
Wir kennen den lockeren Lebenswandel und
die legendäre Fruchtbarkeit von Mrs. Blues.
Vielleicht dürfen wir auf eine neue Schwan-
gerschaft hoffen? Mein Gott, würde ich mich
über dieses Kind freuen.
„Charleys Tante“, „Die Sonne von St. Moritz“,
„Keine Angst vor Schwiegermüttern“, „Mu-
sik, Musik und nur Musik“, „Es wird alles
wieder gut“, „Schwarzwaldmelodie“, „Das
sind die Beine von Dolores“ „Kleines Zelt und
große Liebe“: alles Filme, die Mitte der fünfzi-
ger Jahre gedreht wurden, alles Filme, die
leichte Muse für schwere Aufbaujahre ver-
sprachen, alles Filme, mit denen sich Claus
Biederstaedt in die Herzen des Publikums
spielte. Denn wenn dieser junge Mann mit
dem ewig strahlenden Lächeln auftauchte,
hatte die deutsche Vergangenheit Ruh.
Der in Pommern geborene und in Ham-
burg zum Schauspieler ausgebildete Claus
Biederstaedt, der morgen seinen achtzigsten
Geburtstag feiert, war in jenen Jahren so
etwas wie die fröhliche Antithese zum ange-
knacksten, ausgezehrten Kriegsheimkehrer,
um den sich in den sogenannten Trümmerfil-
men die Frauen kümmern, ja, für den sie sich
aufopfern mussten. Auch wenn Biederstaedt
als Gymnasiast noch kurz vor der deutschen
Kapitulation eingezogen wurde: auf der Lein-
wand wirkt er wie ein von der Historie völlig
unbeschwerter Charmeur, ein rundum sym-
pathischer Mann mit leuchtenden Augen und
Pausbäckchen, mit dem es optimistisch –
und in Farbe! – Richtung Zukunft geht.
In der Verwechslungskomödie „Drei Män-
ner im Schnee“, einem seiner bekanntesten
Filme, spielt er den arbeitslosen Werbefach-
mann Dr. Fritz Hagedorn, der sich in einem
Luxushotel nicht nur mit einem Millionär
anfreundet, sondern auch dessen Töchterlein
für sich einnehmen kann. Claus Biederstaedt:
das war im deutschen Kino der fünfziger
Jahre eine Garantie für Sonne, Freizeit, Wirt-
schaftswunder. Er selber sieht das übrigens
ähnlich, vor ein paar Jahren hat er in einem
Interview erklärt: „Die Filme sind . . . aus der
Zeit entstanden. Die Menschen wollten den
Geruch von Rauch und Pulver vergessen.“
In den sechziger Jahren war Biederstaedt
dann immer weniger im Kino, dafür immer
öfter im TV zu sehen, agierte dort in Serien
wie „Derrick“, „Der Kommissar“ oder der
„Schwarzwaldklinik“. Auch auf der Bühne
tritt Biederstaedt nun gerne auf, reist bis
heute vor allem mit Boulevardkomödien
durchs Land, die er oft selber inszeniert. In
Stuttgart zum Beispiel ist er immer wieder
gern gesehener Gast in der Komödie im
Marquardt. Aber dieser freundliche Herr Bie-
derstaedt hat, wenn man so will, noch eine
andere Seite. Er war nämlich Synchronspre-
cher und hat seine dunkel-sonore Stimme
Stars wie Paul Newman, Gregory Peck oder
Yves Montand geliehen. Und ob man es nun
glauben will oder nicht: Wenn Marlon
Brando im „Letzten Tango von Paris“ von
seiner Sexualpartnerin Maria Schneider
Dinge verlangt, die hier lieber nicht wiederge-
geben werden sollen, dann spricht aus sei-
nem Mund eben auch: Claus Biederstaedt.
Mit einer Abhandlung über den Anfang hat
der deutsch-bulgarische Schriftsteller Ilija
Trojanow in Klagenfurt den 32. Wettbewerb
um den Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet.
In seiner mit Musikeinspielungen unterleg-
ten Rede unter dem Titel „Beginne den Be-
guine – Oder wie aller Anfang anfängt“ setzte
sich der 42-Jährige mit dem von Cole Porter
komponierten Swingstück auseinander.
Seine Ansprache klang stellenweise wie
eine Motivationsrede für junge Autoren:
„Dichter und Denker sind sich über Epochen
hinweg einig, unabhängig von der Weltan-
schauung: Aller Anfang ist schwer, aber hat
man ihn vollbracht, ist der Rest reine Beharr-
lichkeit.“ Kein Beginn gleiche dem anderen
und Anerkennung erfolge selten so, wie man
es sich erträumt. Statt über fünf Tage wie
2007 erstrecken sich die Lesungen und Dis-
kussionen diesmal nur über zwei. Am Sams-
tagabend soll bereits der Preisträger festste-
hen. Der Sender 3Sat überträgt die Lesungen
und die Preisverleihung live.
dpa
MORGEN IN DER STZ
Zustimmung zum
Gedenkstättenkonzept
Trojanow eröffnet
Bachmann-Wettbewerb
Gerittene Töne im Sitzen: B. B. King zelebriert in Chicago eine Bluesmesse
Foto
PoKempner
Von Klaus Bartels
Neues aus New York
US-Kunstmarkt
Die Brücke zur Welt
Reisen in den Osten, diesmal nach
Sankt Petersburg. Die Schriftstellerin
Lena Gorelik porträtiert für uns ihre
Geburtsstadt in Russland.
Kultur Menschen
Frido Mann ist nicht nur der Enkel von
Thomas Mann, sondern Musiker, Theo-
loge, Psycholge und Romanautor.
Moderne Zeiten
Fünfzig Jahre Urlaub am selben Ort?
Das Ehepaar Zett erzählt vom Leben
im Ferienglück am Gardasee.
Stil Leben
Macht Fett fett? Hans-Ulrich Grimm
schreibt gegen Ernährungslügen an.
Ein unbeschwerter Charmeur der Leinwand:
Claus Biederstaedt
Foto
Cinetext
Musik wie eine alte schwarze Lady
Wie B. B. King Gitarre spielt, wie Magic Slim sein Bier trinkt: Anmerkungen vom 25. Bluesfestival in Chicago / Von Wolfgang Schorlau
Lächelnd in die Zukunft
Star des Wirtschaftswunders: Claus Biederstaedt wird achtzig
Ein Club im schwarzen Ghetto
Wolfgang Schorlau, Jahrgang 1951, ist mit
seinen Krimis über den BKA-Ermittler Georg
Dengler bekanntgeworden. Zuletzt führte des-
sen Spur nach Afghanistan.
Foto
Schiller
Von Rupert Koppold
Von Sacha Verna
Obama-Mützen sind ausverkauft
40
Freitag, 27. Juni 2008
Stuttgarter Zeitung Nr. 148
KULTUR