Ein Krimi, der in Stuttgart spielt – so
lautete unser Arbeitsauftrag an bekannte
Autoren aus der Region. Bei einer Lese-
nacht in der Stiftung Geißstraße wurden
die Werke uraufgeführt. Heute veröffentli-
chen wir abschließend exklusiv die Kurz-
geschichte von Wolfgang Schorlau. Es
geht dabei ins Museum.
1. Es kostete mich ein tränendurchtränktes
Kopfkissen und drei Flaschen Pinot Grigio,
aber dann war mir klar, dass er sterben
musste. Ich würde Michael umbringen.
Dieser Gedanke, einmal gefasst, befreite
mich, er erleichterte mein Leben, und er
beherrschte mich in den nächsten Wochen
vollkommen. Ich dachte nur noch über das
Wie nach. Und vielleicht kennen Sie das:
Wenn Sie sich mit einem Problem beschäfti-
gen, pausenlos darüber nachdenken, stellt
sich die Lösung ein. In meinem Fall war es
ein Kollege – Walter. Aber um Ihnen dies zu
erklären, muss ich etwas ausholen.
Ich bin Kuratorin von Beruf. Ich arbeitete
in dem hiesigen Kunstmuseum und war für
die Sammlung der Bilder von Otto Dix zustän-
dig. Der Kollege, von dem ich sprach, Walter,
arbeitet im Lager. Denn glauben sie nicht,
dass die meisten Bilder, die ein Museum
besitzt, in der Ausstellungen hängen. Die
meisten sind im Lager.
Ich musste öfter dorthin. Etwas nachse-
hen. Etwas kontrollieren. Ich hatte Walter
bereits den Rücken zugedreht und die rechte
Hand an der Türklinke, als er mehr zu sich
selbst als zu mir sagte: Hier kann man den
perfekten Mord begehen.
Ich hielt mitten in der Bewegung an,
drehte mich langsam um. Wie?
Walter kam gerade von einer Brand-
schutzübung. Sie müssen wissen, dass der
Schutz vor Feuer in dem Lager des Museums
ein ständiges Thema ist. Es ist kompliziert.
Denn: ein Feuer kann ja nicht mit Wasser
gelöscht werden. Wasser würde die Gemälde
ebenso zerstören wie Feuer. Deshalb nutzen
viele Museen ein spezielles Gas, das die
Flammen sehr schnell erstickt, indem es den
Sauerstoff bindet. Natürlich ist es für den
Menschen tödlich. Das wusste ich. Deshalb
müssen die Mitarbeiter im Brandfall inner-
halb von zwanzig Sekunden das Lager verlas-
sen haben. Es hupt, dann läuft die Uhr, denn
dann werden die Türen automatisch geschlos-
sen, und das Gas tritt aus.
In den Brandübungen, die
wir regelmäßig machen
müssen, wird das geprobt.
Zwanzig Sekunden, das
kommt Ihnen vielleicht
kurz vor. Aber: es ist die
Zeit eines Werbespots, die
Zeit, die ein Handy klingelt,
bis es auf die Mailbox um-
schaltet. Es ist ausreichend,
wenn man sofort alles stehen und liegen
lässt und aus dem Raum geht.
Was ich nicht wusste, und nun kommt
das Entscheidende: Das Gas ist im Körper des
Menschen nicht nachweisbar. Es verflüchtigt
sich auch sofort. Der Tod sieht aus wie ein
normaler Herzanfall. Seit diesem Tag dachte
an nichts anderes mehr: Wie bekomme ich
Michael in unser Lager?
2. Mein Mann ist nicht an Kunst interes-
siert. Er ist ein Banause. Er leitet ein Software-
haus, das er vor zwanzig Jahren gründete.
Software für Ärzte. Damals, also vor zwanzig
Jahren, war das noch eine Art Schnapsidee.
Warum sollten Ärzte einen Computer kau-
fen? Die Sprechstundenhilfen waren billig.
Jeder schüttelte damals über seine Geschäfts-
idee den Kopf. Unsichere Sache. Das war der
Grund, warum ich bei unserer Hochzeit auf
Gütertrennung bestanden habe. Ich hatte
schon damals eine feste Stelle, ich wollte
nicht in den Abgrund seines möglichen Ban-
krotts geraten. Mein Vater riet mir zur Güter-
trennung. Dringend.
Heute ist Michael stinkreich. Sie können
sich nicht vorstellen, was er allein an den
Updates zur Gesundheitsreform verdient hat.
Wenn Sie zehn Euro Praxisgebühr bezahlen,
klingelt die Kasse nicht nur beim Arzt. Mi-
chael hat diese Änderung 3 Millionen Euro in
die Firmenkasse gespült. Das muss man sich
mal vorstellen. Die Gütertrennung war ein
schwerer Fehler, das gibt auch mein Vater
heute zu. Und dann sagte Michael eines
Morgens beim Frühstück, wir hätten uns
auseinandergelebt. Und das Wort Scheidung
fiel auch. Ein hässliches Wort.
Denn es gibt gewisse Probleme in dem
Museum. Die haben mich dort auf dem
Kicker. Mobbing. Bloß weil ich eine Flasche
Pinot Grigio in meinem Schreibtisch aufbe-
wahre, bekam ich die erste Abmahnung. Die
zweite Abmahnung verpassten sie mir, weil
ich bei einer Besprechung mit wichtigen
Sponsoren etwas undeutlich artikulierte.
Kann passieren. Soweit ich mich erinnere,
war ich am Vormittag beim Zahnarzt gewe-
sen. Mit dem Pinot in meiner Schreibtisch-
schublade hatte das alles nichts zu tun. Bei
der dritten Abmahnung setzen die mich an
die Luft. Es gibt Kollegen, und vor allem
Kolleginnen, die warten nur drauf.
Alles in allem: eine Scheidung, wie von
ihm angesprochen, wäre nicht gerade das,
was ich gerade brauchen konnte. Ich machte
darum einen angemessenen Spektakel. Hast
du eine andere, und so weiter. Alles in der
richtigen Stimmlage und Lautstärke.
Nein, nein, sagte er. War erschrocken
über meine Reaktion. Ich nahm sofort eine
Flasche Pinot aus dem Kühlschrank und öff-
nete sie. Das ist die beste Methode, Michaels
Rücksicht hervorzukitzeln.
Das Thema Scheidung kam niemals wie-
der auf den Tisch.
Trotzdem wollte ich es wissen. Hat er
eine andere? Wissen Sie, sexuell gesehen, im
Bett – da war schon lange nichts mehr los.
Noch nicht einmal von mir aus. Er hat das
irgendwann einmal aufgegeben.
Also: ich wollte wissen, ob es da eine
andere gibt. Eine, die vielleicht nicht auf
Gütertrennung besteht, eine, die nicht so fair
ist wie ich. Ich mietete mir einen Mercedes
mit getönten Scheiben. Fuhr ihm abends
hinterher. Und wissen Sie, wo er am dritten
Abend hinfuhr? Kennen Sie die Olgastraße?
Ich dachte, ich seh nicht recht. Sie ken-
nen doch die Olgastraße. Die evangelische
Gemeinde. Ist umrahmt von zwei – na ja,
solchen Apartments, mit rotem Licht.
Da ging er rein. Mein Michael.
Ich parkte den Mercedes direkt vor der
Tür und wartete. Die Fensterscheibe ein biss-
chen heruntergelassen, damit ich die Türe
hören konnte. Mich konnte man ja nicht
sehen.
Nach zwei Stunden kam er raus. Zwei
Stunden – stellen Sie sich das mal vor! Und
mit ihm eine Frau. Blond. Hochgewachsen.
Größer als er. Den Busen hochgepuscht und
zur Hälfte sichtbar. Gut gekleidet, nicht billig.
Und so hab ich Michael noch nie gesehen.
Die Gesichtszüge waren weich und zart. Die
Krawatte hing halb aus seiner Hosentasche.
Noch nie, noch nie habe ich meinen Mann
mit einem solchen weichen Gesichtsaus-
druck gesehen. Er wirkte zwanzig Jahre jün-
ger. Ich war schockiert. Schockiert, wie noch
nie in meinem Leben. Was hat die Frau mit
meinem Mann gemacht in diesen zwei Stun-
den. Können Sie mir das erklären? Michael
blieb noch einen Augenblick stehen und ging
dann die Olgastraße hinunter und bog zur
Weinstube Vetter ab – seine Stammkneipe.
An diesem Abend beschloss ich, ihn umzu-
bringen.
3. Die zentrale Frage blieb: wie bekomme
ich Michael ins Lager? Er mag keine Kunst,
wie gesagt. Eine Ausnahme gibt es allerdings.
Es gibt ein Bild, das er liebt, in das er
regelrecht vernarrt ist. Es ist auch ein Dix. Es
zeigt ein Arbeiterkind. Keine besondere Ar-
beit von Dix. Fehlt in den meisten Katalogen.
Auch bei uns im Museum nehmen wir es
weg, wenn wir mal Platz brauchen. Das
Gemälde zeigt einen vielleicht siebenjähri-
gen Jungen. Er hat ein aufgewecktes Gesicht.
Klare Augen. Er hat alle Anlagen zu studie-
ren, einen richtigen Beruf zu erlernen und so
weiter. Aber seine Kleider
sind kaum mehr als Lum-
pen, und sein Gesicht ist
schmutzig. Man sieht so-
fort, dass dieses Kind nie
studieren, nie wohlhabend
und nie glücklich werden
wird. Egal welche Anlagen
in ihm schlummern – sein
Weg zum Schlechten ist
bereits vorbestimmt.
Wahrscheinlich erinnert ihn das Bild an
sich selbst. Er stammt aus sogenannten klei-
nen Verhältnissen. Hat sich das Programmie-
ren schon früh beigebracht. Setzte alles auf
die Ärztesoftwarekarte. Er konnte seinem
vorgezeichneten Weg entgehen. Vielleicht ist
es das, was ihn mit diesem Bild verbindet.
Mindest einmal in der Woche sieht er es sich
an. Früher, als er mich manchmal von der
Arbeit abholte, trafen wir uns vor diesem
Bild. Dies wollte ich mir zunutze machen.
Ich überprüfte den Hahn, durch den das
Gas im Brandfall fließt. Er stand richtig. Ich
bewegte ihn kurz ihn und her. Das Gas
entwich. Ich machte Überstunden, studierte
das Manual der Anlage, fand einen Schalter,
mit dem man per Hand das Gas ins Lager
einleiten kann, probierte es aus und ließ
eines Abends eine große Ladung in die Lager-
räume. Es funktionierte. Dann untersuchte
ich die Hupe, die im Brandfall ertönt. Es war
leicht, vorher ein Kabel zu lösen und leicht,
es hinterher wieder zu befestigen. Dann gab
ich Walter die dienstliche Anweisung, den
Dix ins Lager zu nehmen. Ich hätte Haarnadel-
risse in der Oberfläche entdeckt. Walter
wollte das Bild nicht abhängen. Er sähe keine
Risse, sagte er. Ich gab ihm zur Antwort, wer
von uns beiden die Kunsthistorikerin sei, er
oder ich. Ich kann manchmal ganz schön
eklig sein. Widerwillig hängte er es ab.
Dann rief ich in Michaels Büro an. Er
würde erst gegen Abend zurückkommen,
sagte seine Sekretärin. Ich sagte, sie solle ihm
ausrichten, das Dix-Bild würde für längere
Zeit nach Berlin ausgeliehen. Wenn er es
sehen wolle, solle er sich melden, es stünde
noch im Lager. Ich würde am Abend extra
länger dableiben. Mein Plan war, ihn herein-
zulassen. Er soll sich das Bild angucken. Ich
würde eine Seite Zeitungspapier anzünden
und die Tür von außen zuhalten. Die Anlage
würde sofort reagieren. Nach ein paar Minu-
ten: reingehen und die Asche wegzuputzen.
Schaufel und Besen hatte ich hinter dem
Kopierer versteckt. Alles war ausprobiert.
Selbst das Zusammenfegen der Asche hatte
ich getestet.
Haben Sie schon mal einen Mord verübt?
Man ist ziemlich nervös. Es ist Lampenfieber,
als würde man bei einer wichtigen Ausstel-
lung die Eröffnungsrede hal-
ten. Ich hatte einen genialen
Plan.
Und dann kam der
große Moment. Ich erwar-
tete ihn gegen acht oder
noch wahrscheinlicher halb
neun am Abend. Es war Frei-
tag, die Leute vom Lager
waren schon zu Hause.
Um sechs hörte ich über den Lautspre-
cher, dass die Besucher gefragt wurden, ob
sich unter ihnen ein Arzt befand. Ich dachte
mir nichts dabei. Ich trank gerade einen
Schluck Pinot Grigio, um mich für später zu
wappnen. Dann rief Marlene an, die Zicke,
die unten an der Kasse sitzt. Sie heulte.
Komm schnell, komm schnell, sagte sie, es ist
etwas Schreckliches passiert, sagte sie.
Komm ins Lager, schnell.
Was sollte an diesem Tag Schreckliches
passiert sein? Ich dachte, die spinnt. Das
wirklich Schreckliche steht doch noch bevor.
Im Lager stand eine Traube von Men-
schen. Marlene flog mir um den Hals. Heu-
lend. Sie wies auf den Mann, der vor dem
Dix-Bild lag. Der Mann, der dort lag – war
Michael.
Der andere, der sich über ihn beugte, ein
Arzt. Der stand auf, kam mit ernstem Gesicht
zu mir und gab mir die Hand. „Ihr Mann?“
Ich nickte. Das Herz, sagte er. Er ist tot.
Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich
gemacht habe. Langsam dämmerte mir, was
geschehen war. Michael war früher gekom-
men. Im Museum kannte man Michael, und
irgendjemand wird ihn hereingelassen ha-
ben. Und vor dem Bild hatte er einen Herzan-
fall bekommen. Und das bedeutete – ich
brauchte es nicht mehr zu tun. Er war, kurz
bevor ich ihn ausgeknipst hätte, eines natürli-
chen Todes gestorben.
Ich war erleichtert.
Einen Mord begeht man nicht alle Tage.
Ich war so froh, es nicht tun zu müssen. Das
ist, ich versichere es ihnen, ein wundervolles
Gefühl. Und deshalb lachte ich. Laut und
erleichtert. Die ganze Anspannung, sie wich
mit einem Male. Es dauerte, ein Weile bis ich
mich fasste. Dann fing ich an zu weinen, wie
ich es einstudiert hatte. Marlene brachte
mich nach Hause. Sie wollte gar über Nacht
bei mir bleiben. Das hätte noch gefehlt.
Kaum war ich allein in der Wohnung
köpfte ich eine Flasche Champagner. Und
legte die Doors auf. Laut. Der Nachbar ne-
benan ist zwar pingelig und motzt immer
sofort. Aber heute ist ein besonderer Tag. Jim
Morrison: This is the end, my friend.
Ich war reich. Ich war unabhängig. Und
Pinot Grigio – wenn ich wollte, konnte ich
mir die Badewanne damit voll laufen lassen.
Und vor allem: Ich war keine Mörderin. Ich
hatte meinen Plan nicht verwirklichen müs-
sen. Fast empfand ich so etwas wie Dankbar-
keit für meinen lieben, toten Mann.
4. Sie ahnen nicht, was eine Beerdigung
für eine Arbeit ist. Auch wenn die Firma H.
einem viel abnimmt. Und dann Testamentser-
öffnung. Wissen Sie, wie viel Umsatz Micha-
els Firma gemacht hatte? Unglaublich.
Mitten in diesem ganzen Trubel klingelte
es eines Nachmittags an der Tür. Ich machte
auf. Das stand ein junger Mann; sah gut aus,
gut angezogen. Keller,
stellte er sich vor. Er sei
von der Kripo. Hätte ein
paar Fragen. Keine Aufre-
gung deshalb. Ob er rein-
kommen dürfe. Er war ver-
legen.
Möchten Sie etwas zu
trinken?
Nein danke. Ich bin im
Dienst. Und es dauert nicht lange.
Ein Schluck Weißwein vielleicht? fragte
ich. Immerhin war es schon Nachmittag.
Nein, nein, ich bin im Dienst.
Dann sah er mich mit diesen klaren
blauen Augen an. Der Tod ihres Mannes hat
sie schwer getroffen, sagte er.
Und nickte wie zur Bestätigung.
Ja, sagte ich. Es ist fürchterlich.
Und schniefte. Wie schon oft in den
letzten Tagen. Taschentuch. Große Show.
Es ist nur, sagte er, der Arzt, der den
Totenschein ausgestellt hat, rief uns an, weil
ihm doch etwas merkwürdig vorkam.
Jetzt war ich hellwach.
Ja bitte, was?
Er sagte, sie seien so erleichtert gewesen,
richtiggehend froh, als sie ihren Mann da
hätten liegen sehen. Eine solche Reaktion
hätte er noch nie gesehen, bei einer Frau, die
eben erst Witwe geworden ist.
Da war er bei mir richtig. Ich sei total
schockiert gewesen. Ob ihm denn auch schon
mal die Frau vor den Augen gestorben sei?
Da kann man leicht hysterisch werden. Natür-
lich, sagte der junge Mann, das versteht man.
Aber er muss dem Hinweis eben nachgehen.
Ihre Ehe war glücklich?
Aber ja. Und dann er-
zählte ich ihm, was für eine
tolle Ehe Michael und ich
geführt hätten. Ein biss-
chen was von früher, bevor
wir heirateten; die andere
Hälfte erfunden. So glück-
lich waren wir.
Mmh – der Polizist
starrte auf seinen Block.
Und warum haben Sie dann sofort eine
Flasche Champagner aufgemacht, als sie zu
Hause waren? Und laute Rockmusik gehört?
Das hat ihr Nachbar gesagt, den ich eben
befragt habe.
Jetzt war ich fassungslos. Ob das verbo-
ten sei, so etwas stammelte ich.
Nein, nein, sagte er. Und stand auf. Verab-
schiedete sich und schien genauso froh wie
ich, dass das Gespräch vorbei war.
Ich kündigte im Museum. Sie ließen mich
sofort gehen. Vielleicht waren sie auch froh,
dass ich weg war. Ich unterschrieb, dass ich
auf alle möglichen Ansprüche verzichtete.
Mir war’s – scheißegal.
Zwei Tage später, ich befasste mich be-
reits mit dem Verkauf von Michaels Firma,
klingelte der Beamte erneut. Eine Frage habe
er noch. Warum ich angeordnet hätte, dass
der Dix ins Lager sollte?
Wegen der Haarrisse.
Das Bild hatte keine Haarrisse. Wir haben
es untersucht.
Dann habe ich mich getäuscht.
Ja, das war’s dann. Entschuldigen Sie die
Störung.
Eines Vormittags Verhandlung mit einem
Kaufinteressenten. Wir sitzen in meinem
Wohnzimmer. Es geht um eine mittlere drei-
stellige Millionensumme. Ich ziere mich ein
bisschen. Aber am liebsten würde ich sofort
zuschlagen. Wieder der Herr Keller.
Es gibt da noch etwas, sagte er. Die
Sekretärin ihres Mannes, äh, ihres verstorbe-
nen Mannes, gibt an, sie hätten ihr gesagt,
das Gemälde von Dix solle nach Berlin ausge-
liehen werden, und ihr Mann solle es sich
noch einmal anschauen. Es sei für längere
Zeit weg. Die Direktorin bestreitet das. Nie-
mals sei so etwas in der Planung gewesen.
Ich starrte den Knaben an. Hatte ich ihn
unterschätzt? Aber wenn die Not am größten
ist, schickt der Himmel die Engel. In diesem
Fall die Ausrede.
Nein, nein – das hatte sie falsch verstan-
den. Ich sagte, vielleicht schicken wir das
Bild nach Berlin. Es war nur ein unklarer Plan
von mir. Mehr nicht.
Ach so, na, dann ist das ja auch geklärt,
sagte er und ging.
Ich verkaufte die Firma.
Ich sah Melbourne, New York, ging auf
Safari in der Etoschapfanne, machte Trekking
in den Karpaten. Und als ich nach Hause kam,
hatte ich eine Ladung ins Polizeipräsidium.
Kennen Sie das Stuttgarter Polizeipräsi-
dium? Nein? Seien Sie froh. Ich habe keine
gute Erinnerung daran.
Keller empfing mich in seinem Büro. In
einer durchsichtigen Plastiktüte die Schaufel
und der Handfeger.
Kennen Sie das?, fragte er.
Ja, sagte ich.
Wir nehmen jetzt ihre Fingerabdrücke,
sagt er, und vergleichen sie mit denen, die da
drauf sind. Ich dumme Kuh ließ es gesche-
hen. Zwei Tage später nahmen sie mich fest.
Sie hatten meine Abdrücke nicht nur auf
der Schaufel gefunden, an der noch Reste
eines verbrannten Papiers war. Sie fanden sie
auch auf dem Zuschalter des Gases. An der
Warnhupe und an den Drähten, die abge-
klemmt waren. Sie stellten fest, dass Gas
fehlte. Genügend, um Michael zu töten.
Nur Indizien, sagte mein Anwalt. Mehr
als Indizien hat die Staatsanwaltschaft nicht.
Ich war nicht beunruhigt.
Ich kannte ja die Wahrheit. Ich war keine
Mörderin. Er war, kurz bevor ich ihn ausge-
knipst hätte, eines natürlichen Todes gestor-
ben. Das war mein Joker – wenn die Polizei
und der Staatsanwalt mir zu blöde kamen,
würde ich aufstehen und einfach die Wahr-
heit erzählen.
Im Prozess gruben sie noch die Nutte aus
der Olgastraße aus. Als die den Zeugenstand
betrat, hätte ich gerne ein Glas oder zwei
Pinot Grigio getrunken. Sie sagte aus, dass
Michael, mein Michael, seit zwei Jahren ihr
regelmäßiger Kunde war. Kein Wunder, dass
er ein schwaches Herz
hatte. Als sie sagte, er habe
ihr gesagt, er wolle sich
von mir scheiden lassen,
das Leben mit mir, einer
Säuferin – stellen Sie sich
das einmal vor, einer Säufe-
rin! – , sei unerträglich, da
hatte ich genug.
Da meldete ich mich
zu Wort.
Ich sagte ihnen die Wahrheit, sagte ein-
fach wie es war.
Ich sagte: „Es kostete mich ein tränen-
durchtränktes Kopfkissen und drei Flaschen
Pinot Grigio, aber dann war mir klar, dass er
sterben musste. Ich würde Michael umbrin-
gen. Dieser Gedanke, einmal gefasst, befreite
mich, er erleichterte mein Leben, und er
beherrschte mich in den nächsten Wochen
vollkommen . . .“
Den Rest kennen Sie ja.
Als ich mich setzte, war ich richtiggehend
fertig und hätte alles für einen Schluck Pinot
gegeben. Aber ich triumphierte. Ich hatte
ihnen die Wahrheit wie eine Ladung Mist vor
die Füße gekippt.
Erschöpft ließ ich mich in den miesen,
kleinen Holzstuhl auf der Anklagebank fal-
len – und starrte in das entsetzte Gesicht
meines Verteidigers.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Ich lehnte mich zurück und war sehr
zufrieden.
Ende
Anmerkung: Nachzutragen bleibt noch,
dass das Gericht der Angeklagten nicht
glaubte. Das Landgericht Stuttgart verurteilte
sie in einem spektakulären Indizienprozess
wegen heimtückischen Mordes zu lebenslan-
ger Haft. Dieses Urteil wurde auch in der
Revision bestätigt.
Zuvor sind in dieser Reihe erschienen: „Am
Ende ein Lachen“ von Heinrich Steinfest (20.
Oktober), „Lisa Nerz fährt Fahrrad“ von Chris-
tine Lehmann (22. Oktober), „Regelrecht ver-
laden“ von Axel Kuhn (25. Oktober) sowie
„Winterschlaf“ von Uta-Maria Heim (29. Ok-
tober). Die Serie ist damit abgeschlossen.
I
ch triumphierte. Ich hatte ih-
nen die Wahrheit wie eine
Ladung Mist vor die Füße ge-
kippt. Erschöpft ließ ich mich in
den miesen, kleinen Holzstuhl
auf der Anklagebank fallen.
K
aum war ich allein in der
Wohnung, köpfte ich eine
Flasche Champagner. Und legte
die Doors auf. Laut. Heute ist
ein besonderer Tag. Jim Morri-
son: This is the end, my friend.
M
ein Mann ist nicht an
Kunst interessiert. Er ist
ein Banause. Er leitet ein Soft-
warehaus. Software für Ärzte.
Wenn Sie bei Ihrem Arzt zehn
Euro Praxisgebühr zahlen, klin-
gelt bei ihm die Kasse.
Einst arbeitete Wolfgang Schorlau als Ma-
nager in der Computerbranche. Inzwischen
verfasst er Krimis und Romane – und hat
sich mit seinen Geschichten rund um den
Privatermittler Georg Dengler (einen frühe-
ren Mitarbeiter des Bundeskriminalamts)
eine begeisterte Fangemeinde erschrieben.
Schorlaus Themen sind häufig politisch: In
„Die blaue Liste“ ging es um einen RAF-An-
schlag kurz nach der Wiedervereinigung,
„Das dunkle Schweigen“ macht die ver-
drängten Opfer deutscher Geschichte zum
Thema. In eine aktuelle Debatte greift
Schorlau mit seinem bislang jüngsten Fall
ein: „Fremde Wasser“ fragt, wem die Ge-
sellschaft die Kontrolle über das Lebensnot-
wendige anvertrauen darf. 2006 wurde
Schorlau mit dem Deutschen Krimipreis
ausgezeichnet. (schl)
Foto
Schiller
Wolfgang Schorlau: Fremde Wasser. Kie-
penheuer & Witsch. 256 Seiten, 7,95 Euro.
„Es gibt ein Bild, das er liebt, in das er regelrecht vernarrt ist. Es ist ein Dix. Es erinnert ihn vermutlich an sich selbst.“
Foto
Zweygarth
Unser Autor
Ein wirklich
perfekter Mord
Wie man im Museumsmagazin Brände bekämpft
Neue Stuttgarter Kriminalgeschichten (5): Wolfgang Schorlau
30
Mittwoch, 7. November 2007
Stuttgarter Zeitung Nr. 257
KULTUR