Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau
ist drei Wochen lang im türkischen Trab-
zon als Stadtschreiber des Austauschpro-
jekts „Yakin Bakis“ zu Gast gewesen.
Eindrücke aus einer Stadt mit großer
Geschichte und schwieriger Gegenwart.
Das Bild ist gewöhnungsbedürftig: Auf dem
Flughafen von Trabzon geben Männer ihre
Pistolen an einem speziellen Schalter ab.
Geschultes Personal entlädt dort die Waffen,
die Munition kommt in den einen Plastik-
beutel, die Pistole in einen anderen, auf beide
wird eine Nummer geklebt, und der Besitzer
erhält ein Papier mit der gleichen Nummer.
Später, zum Beispiel auf dem Istanbuler
Atatürkflughafen, wird ihnen nach Vorlage
dieses Papiers die Waffe samt Munition
zurückgegeben. All dies scheint ein Routine-
vorgang zu sein.
Am Flughafen erwartete mich Ogün, der
mir in den nächsten drei Wochen Dolmet-
scher, Fahrer und Führer durch Stadt und
Region sein sollte. Ogün war mit vier Jahren
mit seinen Eltern nach Düsseldorf gekom-
men, hatte dort die Schule besucht und
Physik studiert. Jetzt arbeitet er als Reisefüh-
rer und Übersetzer in Trabzon. Er spricht
nahezu muttersprachlich Deutsch mit einem
unvermuteten rheinischen Singsang. Und so
fühlte ich mich gleich merkwürdig fremd
und doch zu Hause.
Am ehesten kennt man die Stadt am
Schwarzen Meer wegen Trabzonspor. Der
berühmte Fußballclub ist der einzige türki-
sche Verein außerhalb Istanbuls, der regelmä-
ßig auf internationaler Ebene spielt. Unrühm-
lich bekannt wurde Trabzon dagegen durch
den Mord an dem christlichen Priester An-
drea Santoro, der im Februar 2006 durch
zwei Schüsse in den Rücken direkt vor seiner
Kirche erschossen wurde, mitten in der
Stadt. Auch der Mann, der Anfang 2007 den
armenischen Autor Hrant Dink ermordet hat,
stammt aus Trabzon. Spätestens seitdem hat
die Stadt ihren schlechten Ruf als Sammel-
punkt extrem nationalistischer und rassisti-
scher Kräfte. Nicht wenige türkische Freunde
rieten mir: Sei vorsichtig in Trabzon – und
sie erzählten mir die Geschichte von den
Waffen am Flughafen.
Man muss schon genau hinschauen, um
festzustellen, dass die Stadt eine lange Tradi-
tion und einige traumatische historische
Wendepunkte hinter sich hat. Die Region des
östlichen Schwarzen Meeres ist seit mehr als
9000 Jahren besiedelt, über viele Jahrhun-
derte von den pontischen Griechen. Trabzon
wurde reich, weil es ein wichtiger Knoten-
punkt der Seidenstraße war. Hier endete der
Landweg aus China, die Waren wurden auf
Schiffe umgeladen und über den Bosporus
weiter nach Europa verschifft. Nach Eröff-
nung des Sueskanals 1869 verlor die Stadt
schlagartig seine zentrale Rolle. Als nach
dem Zusammenbruch des Osmanischen Rei-
ches Griechenland mit einer Intervention in
Kleinasien scheiterte, vereinbarten beide Län-
der einen „Bevölkerungsaustausch“. Fast
70 000 pontische Griechen folgten dem Patri-
archen von Trabzon 1924 nach Griechenland.
Trotzdem ist das pontische Erbe heute
noch nahezu an jeder Straßenecke im musli-
mischen Trabzon spürbar. Es gibt unzählige
ehemalige griechische Kirchen, und die wun-
derschöne Hagia Sofia, eine verkleinerte Ko-
pie des großen Istanbuler Vorbilds, ist das
wichtigste Museum. Das Stadtbild ist immer
noch geprägt durch den Hafen, die riesigen
Berge im Hintergrund, die wunderbaren Ha-
selnusssträucher, die nirgendwo auf der Welt
so zahlreich angebaut werden wie hier,
durch die vielen kleinen Handwerksbetriebe
und Läden und durch eine der wichtigsten
Universitäten des Landes. Allerdings isoliert
eine rücksichtslos am Meer entlanggeschla-
gene Autobahn die Stadt vom Meer. Früher
habe es hier einmal wunderbare Strände
gegeben, sagt Ogün. Sie seien alle der Auto-
bahn zum Opfer gefallen.
Die gewaltige Landflucht, eines der zen-
tralen Probleme der Türkei, trifft auch Trab-
zon. Wie überall kommt die Stadtverwaltung
mit dem Bau von Wohnraum für die zuzie-
hende Dorfbevölkerung kaum nach. Es ist
daher kein Wunder, dass die neuen Stadt-
quartiere so kostengünstig wie möglich er-
stellt werden – und oft von unbeschreibli-
cher Hässlichkeit sind. Ästhetische Gesicht-
punkt spielen bei der Stadtplanung sichtbar
keine Rolle. Und es fehlen Jobs. Obwohl in
Trabzon, wie in vielen Städten der Türkei,
Schulen und Universitäten entstehen, finden
die Absolventen keine Anstellung. 80 Prozent
beträgt die Akademikerarbeitslosigkeit. Das
macht die Menschen bitter. „Früher dachten
wir, dass wir zu wenig Fabriken haben“,
erzählt Ögun. „Nun haben wir sie, aber die
teuer ausgebildeten jungen Leute sitzen den
ganzen Tag unbeschäftigt im Teehaus.“ Oder
wandern aus. Hoch qualifizierte türkische
Ärzte und Ingenieure arbeiten in den Nach-
barländer, in der EU oder in den USA.
Ich treffe auch auf viele Rückkehrer aus
Deutschland. Jeden Tag werden mir neue
Geschichten erzählt: Die Frau, die als Zimmer-
mädchen im Hotel arbeitet, wurde in Horb
geboren und hat in Herrenberg die mittlere
Reife gemacht. Hinter der Rezeption steht ein
diplomierter Fernmeldeingenieur, der in Min-
den zur Welt gekommen ist. Der Besitzer des
besten Dönerladens der Stadt (mit einem
Holz- statt des üblichen Gasgrills) hat einen
Abschluss in Touristik. Andere arbeiteten in
Deutschland weit unterhalb ihrer eigentli-
chen Qualifikation.
Das Straßenbild spiegelt diese scharfen
Widersprüche wieder. In Trabzon, so schätze
ich, tragen in der Innenstadt 60 oder 70
Prozent der Frauen Kopftuch. Kein Vergleich
zu den innerstädtischen Zonen Istanbuls, wo
kaum eines zu sehen ist. Und dazwischen
bewegen sich auch in Trabzon junge Frauen,
so modern gekleidet wie in einer beliebigen
europäischen Stadt. Schaut man sie aller-
dings an, sehen sie geradeaus an einem
vorbei. Blickkontakt ist hier nicht üblich.
Die beschriebenen Probleme bringen an-
dere hervor. Um den inneren Druck zu mil-
dern, fördert die Regierung beispielsweise
die Fischer. Sie erhalten günstige Kredite, mit
denen sie neue, größere Schiffe, ausgestattet
mit hochleistungsfähigem Radar, anschaffen
können. Dies wiederum führt zur Überfi-
schung des Schwarzen Meeres. Die großen
Schwärme von Hamsi, einer umherziehen-
den beliebten Fischart, werden von Jahr zu
Jahr kleiner. Doch die Fischer müssen die
Kredite bedienen, das heißt, sie müssen so
viel Fische fangen wie möglich, auch wenn
sie so mit offenen Augen in eine große
Katastrophe schliddern.
Trabzon ist eine junge Stadt. In der Tür-
kei sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung
unter 25 Jahre alt, und in Trabzon liegt der
Anteil junger Leute dank der Universität über
dem Landesdurchschnitt. So wirkt das Zen-
trum lebendig und offen. Umso überraschen-
der ist der Nationalismus, der tatsächlich
verbreitet ist. Er wird deutlich, wenn es um
den türkischen Nobelpreisträger Orhan Pa-
muk geht. „Wenn sie uns schon einen Nobel-
preis geben wollen – warum überreichen sie
ihn ausgerechnet Orhan Pamuk?“ beklagte
sich der Vertreter der Schriftsteller der
Schwarzmeerküste während eines Ge-
sprächs. Pamuk schreibe nur, was die Euro-
päer hören wollten, sagte er. Alle im Raum
nickten. Und ich hatte meinen ersten handfes-
ten Streit in Trabzon.
Wolfgang Schorlau lebt in Stuttgart. Vor
wenigen Tagen ist sein Kriminalroman „Bren-
nende Kälte“ erschienen. Die Türkei war sein
Thema im Roman „Sommer am Bosporus“
(beide bei Kiepenheuer & Witsch).
Internettagebuch: www.schorlau.com
KINDERLADEN
Ein Ticket wurde bei Ebay für achthundert
Pfund verkauft. An der Abendkasse standen
die Leute morgens um sieben an – für Män-
ner in Seidenstrümpfen: William Shake-
speare erlebt zurzeit an Londons Bühnen
eine Renaissance, was zum Teil ihm selbst,
zum Teil dem Massenmedium Kino zu
verdanken ist. Ewan McGregor, der sonst als
„Star Wars“-Held das Laserschwert schwingt,
spielte kürzlich am Donmar Theatre den Jago
im „Othello“. Ian McKellen, zuvor schon als
Shakespeare-Schauspieler namhaft und seit
dem „Herrn der Ringe“ als Gandalf berühmt,
lockte als King Lear die Zuschauer in die
Drury Lane. Mit der Kombination aus Shake-
speare-Tragödien und Science-Fiction-Schau-
spielern, so orakelte die Zeitung „The Guar-
dian“, sei vermutlich auch das Wembley-Sta-
dion zu füllen.
Doch der Zauber wirkt auch ohne große
Namen und ohne süffigen Stoff, wenn sich
ein Ensemble ganz auf die Worte und die
Dramaturgie verlässt. Die Royal Shakespeare
Company meldet in London derzeit ebenfalls
Abend für Abend ein ausverkauftes Haus –
obwohl man sich auf die vergleichsweise
spröden Historienstücke konzentriert. Der
Charme liegt darin, dass sich die Truppe acht
Dramen gleichzeitig erarbeitet hat: 34 Schau-
spieler übernehmen 264 Rollen – oder 528
rechnet man die Zweitbesetzung ein.
Keiner, nicht einmal der künstlerische
Leiter Michael Boyd, wusste zu Beginn der
Arbeit, die vor zwei Jahren in Stratford-upon-
Avon begann, ob eine derartige geistige und
stimmliche Herausforderung zu schaffen
war, sagt Richard Twyman, sein Koregisseur.
In vierhundert Jahren seit der Uraufführung
der Stücke hat das kein Ensemble versucht.
Bedauerlicherweise, muss man sagen, weil
das Publikum auf diese Weise den Blick für
die dynastischen Zusammenhänge in den
Dramen verloren hat und gewisse Volten und
Kapriolen in einzelnen Stücken kaum noch
verstand. Die Härte, mit der Heinrich V.
Disziplinlosigkeit jeder Art bekämpft, ist
umso verblüffender, wenn der Zuschauer
gesehen hat, mit welchen Gaunern er sich in
„Heinrich IV.“, Teil eins und zwei, des Nachts
die Zeit vertrieb. Und Richard III. offenbart
seine blutrünstigste Neigung, dass er „im
Lächeln morden“ kann, bekanntlich schon im
dritten Teil von „Heinrich VI.“.
Die Royal Shakespeare Company hat das
mit ihrem Ensemble brillant und didaktisch
clever aufbereitet. Der Besucher kann die
Stücke in der Reihenfolge anschauen, in der
Shakespeare sie geschaffen hat, und sich vom
Schlichten zum Komplexen vorarbeiten. Oder
er entscheidet sich für die Königschronolo-
gie, beginnend mit „Richard II.“. Für Eilige
gibt es zurzeit den Historienzyklus im
Schnelldurchlauf: acht Dramen in vier Tagen.
Gesamte Spielzeit: knapp 24 Stunden.
Ist das zu überbieten? Kaum, nicht ein-
mal mit Hollywoods Hilfe. Für 2009 hat das
Donmar Theatre trotzdem Shakespeares
„Hamlet“ angekündigt. Regisseur: Kenneth
Branagh, Hauptrolle: Jude Law.
Spielplan der Royal Shakespeare Company
und Kartenbuchung im Internet unter
www.rsc.org.uk/content/5013.aspx
Morgen Abend geht er wieder los, der inter-
nationale Rummel an der Cote d’Azur: mit
Fernando Mereilles’ Saragmago-Verfilmung
„Blindness“. Diese Filmfestspiele werden poli-
tischer sein, als der Glamour erwarten lässt –
und vielleicht spielen die Deutschen dabei
eine größere Geige als in vielen echolosen
Cannes-Jahren zuvor.
Unübersehbar von politischer Wucht: Ste-
ven Soderberghs „Che“, ein Filmunterneh-
men in zwei Teilen, worin der US-Regisseur
das Leben des Ernesto „Che“ Guevara erzählt.
Doch von den Helden geht’s sofort zu den
Schurken: Paolo Sorrentinos kritische Film-
biografie „Il Divo“ behandelt das zwielichtige
Treiben Guilio Andreottis, der mit Abstand
schillerndsten Figur der italienischen Nach-
kriegszeit. Und als wäre es damit nicht ge-
nug, schildert Sorrentinos Landsmann Mat-
teo Garrone im Wettbewerbsfilm „Gomorra“
gleich noch einmal Italiens mafiotische Um-
triebe. Auch was im Vorjahr mit „Persepolis“
begann, setzt sich fort: Der israelische Regis-
seur Ari Folman kündigt einen „Dokumentar-
film im Zeichentrickgewand“ an, fokussiert
auf das Massaker von Sabra und Chatila, bei
dem 1982 christliche Libanesen ein palästi-
nensisches Flüchtlingslager überfielen
(„Waltz with Bashir“). Libanon: ein alarmie-
rend aktuelles Stichwort.
In der Riege der Palmenaspiranten sind
große Namen vertreten, allerdings weniger
als in den Jahren zuvor. (Weil Hollywood den
Wettbewerb scheut? Weil Regisseure nicht
rechtzeitig fertig wurden mit ihren Filmen?)
Unter den „Cannes-Veteranen“ entdecken
wir das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und
Luc Dardenne sowie den Franzosen Arnaud
Desplechin und den Kanadier Atom Egoyan.
Und auch Clint Eastwood ist wieder dabei,
mit einer Entführungs- und Kindesvertau-
schungsgeschichte („Changeling“).
Klar, dass die Festivalleitung halbwegs
bemüht war, den Nationenproporz zu wah-
ren. Die Liste der weiteren „Concours“-Teil-
nehmer (22 sind es insgesamt) nennt den
Türken Nuri Belge Ceylan, den Chinesen Jia
Zang-Ke, die Amerikaner Charlie Kaufman
und James Gray, den Argentinier Pablo Tra-
pero, den Ungarn Kornel Mundruczo, die
Brasilianer Walter Salles/Danliela Thomas,
den Filipino Brillante Mendoza, den Singapur-
mann Eric Khoo, die Franzosen Laurent Can-
tet und Philippe Garrel, die Argentinierin
Lucrecia Martel – und last not least, Deutsch-
land merke auf, Wim Wenders!
„The Palermo Shooting“ heißt Wenders’
neuer Film, der das hektische, zuletzt aus den
Fugen geratende Leben eines erfolgreichen
Fotografen dramatisiert und das Festival ab-
schließt: Als der Gehetzte eine Auszeit
nimmt und sich absetzt nach Sizilien, wird er
von einem geheimnisvollen Schützen ver-
folgt . . . Klingt aufregend. Und gespielt wird
der Typ von Campino, dem Frontmann der
Düsseldorfer Punkband Tote Hosen.
Wenders nennt Cannes sein „Lieblingsfes-
tival“ (er war schon neunmal da, man erin-
nere sich nur an „Paris, Texas“, seinen Gold-
palmengewinn vor 24 Jahren). Einer wie
Adolf Dresen, der in der Reihe „Un certain
regard“ seine „Wolke 9“ vorstellen darf, ist
von der Lieblingswertschätzung noch ein
Stück entfernt. Aber sie könnte noch kom-
men. Insgesamt sind die Deutschen (auch
koproduzierend) diesmal in Cannes nicht
schlecht vertreten.
Sieht man aufs Ganze des Programms, so
fällt auf, dass es rechtschaffen problemorien-
tiert ist. Doch auch die Vergnügungssüchti-
gen müssen nicht darben. Woody Allen zeigt
außer Konkurrenz „Vicky Cristina Barcelona“,
und Steven Spielberg steuert – endlich wie-
der – das größte aller Spektakel bei, „Indiana
Jones und das Königreich des Kristallschä-
dels“ (siehe nebenstehende Meldung). Ha, da
freut sich das Kinovolk doch!
www.festival-cannes.fr
Die irische Journalistin und Schriftstellerin
Nuala O’Faolain ist im Alter von 68 Jahren
gestorben. O’Faolain („Ein alter Traum von
Liebe“, 2001) erlag am Freitag in einem
Hospiz in Dublin den Folgen von Lungen-
krebs. Erst vor wenigen Wochen hatte die
populäre Feministin in einem Radiointerview
ihre Krankheit öffentlich gemacht. Nach der
Diagnose habe sie eine lebensverlängernde
Chemotherapie abgelehnt. Stattdessen reiste
sie mit Freunden durch Europa und besuchte
Madrid, Paris, Berlin und Sizilien, bevor ihre
Krankheit so weit fortgeschritten war, dass
sie einen Rollstuhl benötigte.
O’Faolain arbeitete zunächst als Universi-
tätsdozentin, bevor sie eine der bekanntesten
Journalistinnen des Landes wurde. Mit ihren
Kolumnen für die „Irish Times“ gewann sie
eine große Anhängerschaft. In dem Buch
„Nur nicht unsichtbar werden“ sollten die
Kolumnen eigentlich zusammengefasst wer-
den. Daraus wurden jedoch Memoiren, in
denen O’Faolain den Alkoholismus ihrer Mut-
ter, ihre eigene Sucht und auch ihre lesbische
Affäre mit einer anderen prominenten iri-
schen Journalistin beschrieb.
AP
Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing
hält die renommierte Auszeichnung für ein
„verdammtes Desaster“. „Alles, was ich noch
mache, ist Interviews zu geben und fotogra-
fiert zu werden“, sagte die 88-Jährige in
einem Radiointerview, das am Montag ausge-
strahlt wurde. Ihr Leben werde ständig ge-
stört, seit sie im vergangenen Oktober den
Nobelpreis gewonnen hat. Damals hatte die
britische Schriftstellerin die Auszeichnung
noch einen „Royal Flush“, also das höchste
Blatt beim Pokern, genannt.
Ein Großteil des Preisgeldes (mehr als
eine Million Euro) sei schon aufgebraucht
und an ihre Kinder, Enkel und Familie weiter-
gegeben. „Es wird alles in zwei Jahren weg
sein“, sagte Lessing. „Ich sollte es sowieso
loswerden, sonst nimmt es sich nur die
Steuerbehörde.“ Die Autorin betonte in dem
Interview, ihr neuestes Buch „Alfred & Emily“
sei auch ihr letztes. „Ich habe keine Zeit mehr
zu schreiben, ich habe auch keine Energie
mehr dazu.“ Lessing stand lange Zeit mit dem
Nobelkomitee auf Kriegsfuß. Sie erklärte
selbst immer wieder, dass die Schwedische
Akademie sie nicht ausstehen könne. dpa
Irische Autorin
Nuala O’Faolain tot
Lessing: Nobelpreis ein
verdammtes Desaster
„Yakin Bakis – der nahe Blick“ heißt das
türkisch-deutsche Stadtschreiberprojekt,
das von März bis Oktober 2008 acht deutsch-
sprachige Autoren und acht türkische Auto-
ren auf Reisen ins jeweils andere Land
schickt. Für die deutsche Seite haben Bar-
bara Frischmuth (Istanbul), Petra Morsbach
(Kars), Björn Kuhligk (Eskisehir), Klaus Rei-
chert (Sanliurfa), Thomas Rosenlöcher (Di-
yarbakir), Sabine Küchler (Mersin), Frank
Schulz (Ayvalik) und Wolfgang Schorlau teil-
genommen. Organisiert wird der Austausch
vom Goethe-Institut, vom Netzwerk der Lite-
raturhäuser und von der Regierung der Tür-
kei. Die Türkei wird im Herbst Gastland der
Frankfurter Buchmesse sein.
StZ
www.goethe.de/yakinbakis
In der Antike hieß die Hafenstadt im Nord-
osten der heutigen Türkei, von Griechen aus
Kleinasien im achten Jahrhundert v. Chr. ge-
gründet, Trapezous (lateinisch Trapezunt).
Sie war schon damals ein bedeutender Han-
delsplatz an der Schwarzmeerküste, über-
stand die Römerherrschaft, die Völkerwande-
rung, den Mongolensturm und die russische
Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg. Nach
der Niederlage Griechenlands im Griechisch-
Türkischen Krieg (1919–1922) wurde der
größte Teil der griechischen Bevölkerung
ausgesiedelt, der Rest trat zum Islam über.
Heute hat die Stadt mehr als 400 000 Ein-
wohner. Trabzon ist Hauptstadt und wirt-
schaftliches Zentrum der gleichnamigen tür-
kischen Provinz. Es verfügt über einen Flug-
hafen und eine technische Universität. StZ
Eine Woche vor der Weltpremiere des
vierten „Indiana Jones“-Streifens bei den
Filmfestspielen in Cannes sind trotz strik-
ter Geheimhaltung erste Filmkritiken im
Umlauf. Wie die „New York Times“ berich-
tet, gab ein Blogger auf der Internetseite
aintitcoolnews.com zahlreiche Einzelhei-
ten über die Story des Abenteuerstreifens
preis mit dem vernichtenden Urteil: „Das
ist der ,Indiana‘-Film, vor dem es uns
graute.“ Die vierte Episode aus dem Leben
des kampflustigen Leinwandarchäologen
wurde unter großer Geheimhaltung ge-
dreht. Nur wenige Insider hätten die fer-
tige Version gesehen, sagte Spielbergs lang-
jähriger Sprecher Marvin Levy. dpa
Acht Historien in vier Tagen
Erstaunlicher Shakespeare-Boom an Londoner Theatern
Start frei fürs Schauen und Staunen
Vor dem Filmfestival von Cannes – Wim Wenders mit „Palermo Shooting“ im Wettbewerb
Schüsse, Fußball, Fische und ein reiches Erbe
Als Stadtschreiber im türkischen Trabzon am Schwarzen Meer / Von Wolfgang Schorlau
Projekt „Yakin Bakis“
Zu Gast bei neuen Freunden: der Autor (rechts) in der Werkstatt von Faik Usta (Mitte, mit einem Mitarbeiter). Er ist der letzte Kunstschmied, der die
Kannen für den türkischen Mokka noch mit der Hand hämmern kann. Er schafft zwei am Tag, die Maschine fünfhundert.
Foto
Verfasser
Prag – Auschwitz – Israel
Ihre Kinder sollten unbelastet von der
Vergangenheit aufwachsen. Erst als die
Lehrerin ihres jüngsten Sohnes Eva
Erben darum bat, erzählte sie in seiner
Klasse von ihren Holocaust-Erfahrun-
gen und wie in Israel ein neues Leben
für sie begann. Schließlich schrieb sie
es auf: für Kinder in aller Welt. Ihre
Erinnerungen „Mich hat man verges-
sen“ sind jetzt als Hörbuch erschienen,
eindrücklich gelesen von der Schau-
spielerin Barbara Nüsse. Das jüdische
Mädchen verbringt eine unbeschwer-
te Kindheit in Prag – bis die deutsche
Wehrmacht einmarschiert. 1941, im
Alter von elf Jahren, wird Eva Erben
mit ihren Eltern nach Theresienstadt
verschleppt, drei Jahre später nach
Auschwitz deportiert. Sie entkommt
und überlebt. Tschechische Bauern
nehmen sie liebevoll auf. Später kehrt
sie nach Prag zurück und wandert
1949 nach Israel aus. Leise und verhal-
ten berichtet Eva Erben von diesen
Jahren. Das Grauen lässt sich nur zwi-
schen den Zeilen erahnen. hoc
Eva Erben: Mich hat man vergessen. Gele-
sen von Barbara Nüsse. CD-Hörbuch. Er-
schienen bei Beltz und Gelberg, Weinheim.
12,90 Euro. Von elf Jahren an.
Die Stadt Trabzon
„Der ,Indiana‘-Film,
vor dem uns graute“
Von Barbara Klimke
Von Ruprecht Skasa-Weiß
Rückkehrer aus Deutschland
RUSSLAND
1000 km
StZ-Grafik: zap
UKRAINE
RUMÄNIEN
BULGARIEN
TÜRKEI
GEORGIEN
Schwarzes
Meer
Ankara
Trabzon
SYRIEN IRAK
Knotenpunkt der Seidenstraße
16
Dienstag, 13. Mai 2008
Stuttgarter Zeitung Nr. 110
KULTUR